Schatten sausen durch die Luft

In der Fledermaushöhle des Bad Segeberger Kalkbergs herrscht eine magische Stimmung, die auch die jüngsten Besucher erfasst. Dafür sorgen 20 000 kleine Säugetiere.

Draußen herrschen sommerliche Temperaturen. Als sich die schwere Stahltür öffnet und den Höhleneingang freigibt, geht ein Raunen durch die 30 Erstund Zweitklässler aus Heiligenhafen, die sich auf eine Führung durch die geheimnisvolle Kalkberghöhle begeben. Über eine steile Treppe steigen die Mädchen und Jungen immer tiefer in die Dunkelheit. Mehr und mehr verklingt das Vogelgezwitscher. Unten angekommen, wünschen sich alle eine Jacke. Denn hier herrschen das ganze Jahr über nur neun Grad.

"Die perfekte Temperatur für Fledermäuse, um ihren Winterschlaf in einer der größten dafür geeigneten Höhlen in Europa zu verbringen. Wenn die kleinsten Säugetiere der Welt von Oktober bis April nach Bad Segeberg fliegen, um es sich in den Felsspalten der Höhle gemütlich zu machen, dann kommt es schon mal vor, dass wir bis zu 20 000 Einwohner gewinnen", erklärt Bernd von Kamptz. Mit seiner blauen Fleecejacke, dem bunten Schal und seiner bequemen Hose hebt er sich neben kurzen braunen Haaren und dem Drei-Tage-Bart von den anderen ab. Schließlich ist es warm draußen, und alle Besucher tragen T-Shirts und Sandalen.

Gemeinsam machen sich alle auf den Weg zu einem Platz, an dem sich zwischen Gestein und Felsbrocken ein Mädchen auf einem steinernen Sarg erkennen lässt. "Dieses Höhlenschneewittchen liegt nun schon 5000 Jahre versteinert dort und wartet auf ihren Prinzen", erzählt von Kamptz mit einem Schmunzeln. "Wenn ihr euch umschaut, dann werdet ihr weiße Stellen auf den Steinen erkennen. Das ist Gips, einer der Gründe, warum der Kalkberg früher so beliebt war und zwei Drittel von ihm abgebaut wurde." Heute zählt der Berg zu den Touristenattraktionen Bad Segebergs. Auch die Karl-May-Spiele finden seit 1952 im Freilichttheater am Fuße des grauen Berges statt. Seit der Eröffnung des neuen Fledermauszentrums Noctalis kann Bernd von Kamptz seine Fachkenntnisse über die Fledermäuse Europas, die Biologie der Höhle und das Naturdenkmal Kalkberg mehr Menschen vermitteln. "Obwohl wir durch das Fledermauszentrum die Vielfalt, Schönheit und Besonderheit des Nachtschwärmers Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen näherbringen können, ist unser Ziel im Großen und Ganzen gleich geblieben. Wir wollen allen Generationen die Möglichkeit bieten, etwas dazuzulernen, aber vor allem prägende Erfahrungen zu sammeln." Besonders bei Jüngeren stehe der überwältigende Eindruck im Vordergrund und nicht die Quantität des Erlernten. Sein Blick gleitet über die Kinder, die mit strahlenden Augen und geöffneten Mündern das Funkeln des Wassers an der Höhlendecke bewundern.

Von Kamptz weiß, was die Kinder begeistert und ihr Interesse lockt. Bereits als Schüler hat er sich ein bisschen Geld dazuverdient. Nach einem Studium zum Diplom-Forstingenieur und Gebrauchshundeausbilder hat er mittlerweile die Aufgaben des Teamleiters für Führungen übernommen, kümmert sich um deren Qualität, den Tourismus, Naturschutz, arbeitet neue Kollegen ein und leitet Fortbildungen für die Veranstaltungen, die im Noctalis stattfinden.

"Wenn man als Segeberger groß wird, dann ist man dem Kalkberg auf ganz besondere Art und Weise verbunden. Als Kind habe ich mir regelmäßig angesehen, wie Old Shatterhand und Winnetou um die Wette ritten. Später war ich dann als Waffenmeister selbst Teil der jährlichen Inszenierung", schwelgt er in Erinnerungen. "Besonders liebe ich die Hauptsaison am Kalkberg. Wenn im Sommer Besucher aus ganz Deutschland anreisen, schauen sie auch hin und wieder bei uns vorbei. An manchen Wochenenden finden dann teilweise täglich 25 Führungen mit einer Länge von 30 Minuten statt. So kommt es, dass ich seit 17 Jahren keinen Sommerurlaub mehr hatte." Dramatisch findet er das nicht. Denn seinen Urlaub im Winter in Schweden oder Dänemark in einem Ferienhaus mitten in der Tundra zu verbringen, sei für ihn eine gute Alternative. Auch nach Feierabend mit seinem roten Motorrad nach Hause zu fahren, sei ein guter Ausgleich. "Auf dem Dorf in Weede kann ich endlich die Ruhe genießen."

Ihm falles es aber schwer, sich von seinem zweiten Zuhause zu trennen. "Der Kalkberg hat mich geprägt und ist Teil meines Lebens geworden. Jedes Mal, wenn ich hier bin, erfasst mich ein unbeschreibliches Gefühl. Wer einmal hier war, der weiß, wovon ich spreche." Das einmalige Empfinden morgens und abends, alleine die alltägliche Kontrollrunde durch die Unterwelt zu gehen, begeistert ihn. "Dann bin ich alleine und ohne kleine oder große Interessierte unterwegs." Er lässt seinen Blick über Kinder schweifen, die sich mittlerweile im Fledermauszentrum einiges genauer ansehen. "Alles ist dann ruhig, und ich kann die klare Luft da unten mal tief einatmen und einfach genießen."

Auch die erkrankten Patienten atmen tief ein, wenn sie einmal im Jahr vorbeischauen. Dann ist die Höhle für Lungenerkrankte ein Tag lang geöffnet. Erwiesen ist zwar noch nicht, dass die Luft in der Tiefe gegen Leiden hilft, aber eins sei sicher: "Eine magische Stimmung herrscht da unten allemal." Nach einer ausgiebigen Forschungsreise durch die Kalkberghöhle sind die Schüler im Fledermauszentrum angelangt. "Eine Überraschung zum Abschluss habe ich aber noch für euch. Ihr müsst mir aber versprechen, ganz leise zu sein." Vorsichtig öffnet Bernd von Kamptz die schweren schwarzen Vorhänge, und piepsige Geräusche erfüllen den Raum. Plötzlich sind unzählige schwarze Schatten wahrzunehmen, die durch die Luft flitzen.

Beim genauen Hinsehen fallen auch die dunklen Knäuel auf, die kopfüber von der Decke hängen. "Hier in diesem Glaskasten seht ihr 100 tropische Brillenblattnasen-Fledermäuse. Wir können sie unter diesen Verhältnissen beobachten, da diese Art keinen Winterschlaf hält", erklärt er, während die Kinder kaum zu halten sind, so groß ist ihre Begeisterung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schatten sausen durch die Luft
Autor
Lea-Sophie Zwoch
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2012, Nr. 219, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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