Wattwürmer zeigen und Vögel zählen

Eine junge Frau barfuß, umgeben von aufgeregten Kindern mit Gummistiefeln. Wo sie stehen, müsste eigentlich Wasser sein, doch es ist Ebbe. Wo sonst salziges Nordseewasser zum Baden einlädt, liegt die scheinbar unberührte Wattlandschaft vor den Vier- bis Zehnjährigen. Rund 100 Meter vom Nordstrander Deich entfernt steht die dunkelhaarige, kleine Wiebke Jansen umgeben von den Kindern, die einen Wurm betrachten. "Das ist ein Wattwurm. Der frisst sich durch das Watt und filtert dabei alles heraus, was ihm schmeckt", erklärt sie. Die 20-Jährige arbeitet in der Schutzstation des Wattenmeeres auf Nordstrand, einer kleinen Halbinsel eine halbe Stunde von Husum entfernt.

Um das Wattenmeer zu schützen, wurde die Küste in 20 Gebiete eingeteilt. Zur Überwachung gibt es die Schutzstationen, deren Angestellte beobachten, dokumentieren und über Nordsee und Watt aufklären. Das Wattenmeer ist das vogelreichste Gebiet Europas und wurde 2009 zum Weltnaturerbe erklärt. "Deswegen sind wir hier. Um das Watt zu schützen und es den vielen Urlaubern zu zeigen." Die meisten Mitarbeiter in den Schutzstationen machen ein Freiwilliges Jahr. Wiebke Jansen absolviert hier südlich von Sylt ihren Bundesfreiwilligendienst. Sie kommt aus Mönchengladbach, war aber schon oft im Urlaub an der Nordsee. Zu ihren Aufgaben gehört ein Touristenprogramm. Es gibt keine großen Hotels, sondern gemütliche Ferienwohnungen und Häuser. Die Atmosphäre ist angenehm. Beim Spaziergang auf dem Deich grüßen unbekannte Menschen mit einem freundlichen "Moin". Entgegen dem Klischee erscheinen die Norddeutschen nicht in sich gekehrt, sondern aufgeschlossen und freundlich.

"Ich mag am wenigsten das Bernsteinschleifen mit Urlaubern. Da sind meistens viele Erwachsene bei, und die sind oft anstrengender als Kinder. Sie sind unheimlich frustriert, wenn ihnen nicht das gelingt, was sie erreichen wollen, und die Situation ist oft angespannt. Statt sich nett miteinander zu unterhalten, blicken sie ihre Nachbarn nur an, um sich zu vergewissern, dass ihnen die Arbeit besser gelingt."

Die Arbeit mit Kindern macht der Nationalparkführerin am meisten Spaß. "Ihre Begeisterung zu sehen ist wunderbar. Schulklassen und Kindergärten machen oft Wattexkursionen als Ausflüge. Das ist immer ziemlich lustig. Schwierig ist es nur bei unter Dreijährigen." Vor allem in ihrer ersten Zeit. Da hat sie von ihrem erfahrenen Begleiter gelernt. "Allein mit ein paar Sätzen schaffte er es, Kinder für ein Spiel zu begeistern, indem er sich einfach einige auswählte und ihnen Rollen gab. Ich hatte vorher versucht, sie selbst wählen zu lassen, was scheiterte." Auch Fahrradtouren und Nachtwanderungen gehören zu Wiebke Jansens Aufgaben. Im Nationalparkzentrum hält sie Vorträge mit Bildern über Vögel, Fischerei, Meerestiere und die Geschichte der Nordsee. "Die Vorträge werden ebenfalls meistens von Erwachsenen besucht. Die finden das sehr interessant. Witzig ist es dann, wenn man dieselben Menschen am Deich trifft und sieht, wie sie ihren Kindern stolz die Vogelarten erklären. Darüber freuen wir uns natürlich."

Zu ihrem Arbeitsgebiet gehören auch hilfswissenschaftliche Arbeiten wie Vogelzählungen. Denn die Nordsee bietet ein großes Nahrungsangebot für Zugvögel auf ihren Reisen in den Süden, dabei werden die Bestände überwacht. Viele Vogelarten, die dort leben oder rasten, gehören in die Kategorie der nur noch selten auftauchenden Vögel und müssen geschützt werden, wie zum Beispiel der Knutt, ein Zugvogel, oder der Rotschenkel. Die Nationalparkwächter weisen Urlauber darauf hin, bestimmte Bereiche nicht zu betreten oder Hunde anzuleinen. "Die Vogelzählungen sind spannend, aber anstrengend. Wir sitzen dann irgendwo am Deich und notieren uns Zahlen. Die sind natürlich geschätzt, das ist gar nicht einfach. Man hat da einen Schwarm Vögel und versucht diese mit einer Zahl zusammenzufassen. Es braucht nur einmal ein Fußgänger etwas nah dran vorbeigehen, und alle Vögel fliegen auf."

Auch Tiefflieger werden gemeldet. "Die Flugzeuge haben an ihrer Unterseite eine Nummer, wie ein Nummernschild beim Auto. Wenn sie zu tief fliegen, rufen wir bei der Zentrale an und geben die Nummer durch."

Wiebke Jansen wohnt in einer Wohngemeinschaft. "Dort ist immer gute Stimmung. Wir sind alle auf der gleichen Wellenlänge und haben eine Menge Spaß zusammen." Die Wohnung wird von der Schutzstation gestellt. Dort hängt eine "Ahnentafel": Jeder, der ein Jahr mitgearbeitet hat, verewigt sich mit Fotos. "Das ist eine Zeit, die man nicht mehr vergisst, in der man auch viel gelernt hat." Alle verbindet die Liebe zur Natur. "Gerade in der heutigen Zeit ist der Schutz der Natur etwas sehr Wichtiges und sollte intensiv betrieben werden. Wir tragen hier unseren Teil dazu bei", erklärt sie stolz.

Nach ihrer Zeit auf Nordstrand möchte sie Französisch und Erdkunde auf Lehramt studieren. Während des ökologischen Jahrs hat sie eine Menge Erfahrungen gewonnen. "Der Umgang mit Menschen hat mich weit gebracht, aber mich auch selbständiger gemacht. Und ich werde nie wieder Gummistiefel brauchen", erklärt sie lachend. Denn das Erste, was sie gelernt hat, war, dass die Nationalparkführer immer barfuß ins Watt gehen. Sogar im Winter.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wattwürmer zeigen und Vögel zählen
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2012, Nr. 219, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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