Zeitreise mit Rolltreppe

Rote Holzhäuser. Handarbeit statt Fertigprodukt. Tracht statt Jeans und T-Shirt. Die Schwedenidylle wird im Freilichtmuseum wieder zur Wirklichkeit. Dagegen muss man Stockholm schon modern nennen, auch wenn der Charme vergangener Zeiten noch deutlich in den historischen Häusern zu finden ist. "Die Jugend fühlt sich eben von gläsernen Shopping-Malls und Galerien angezogen. Aber hier kommen alle Generationen zusammen." Liselotte Sjöberg arbeitet seit vier Jahren in Stockholms ältestem Freilichtmuseum Skansen. 1891 wurde das Museum gegründet, ursprünglich um den Schweden ihre eigene, durch die Industrialisierung gefährdete Volkskultur näherzubringen. Bei Skansen handelt es sich nicht nur um ein Freilichtmuseum mit alten Häusern und Tierpark. Museumspädagogen spielen eine gewisse Person zu einer gewissen Zeit, je nachdem in welchem Haus man ist. Die altertümlichen Wohnhäuser, Kirchen und Herrenhöfe sind in die regional typische Flora eingebettet.

"Die Schweden kommen eher im Sommer zu uns", sagt Sjöberg. "Genau wie die meisten finnischen und deutschen Touristen. Die Russen und Japaner bevorzugen die Wintersaison." Die junge Frau fasst sich an ihren zerzausten, roten Zopf. Liselotte Sjöberg ist Mitinhaberin in dem kleinen Café mitten in Skansen. Gelegen in einem schlichten Holzhaus mit Kachelofen, findet man das Café direkt hinter den Rolltreppen, die unter einer bunten Holzverkleidung verborgen sind.

Vorbei geht es an den gelben Kassenhäuschen des Eingangs und dem Holzhaus mit dem grünen Kupferdach, das ein Tabakmuseum und ein Streichholzmuseum beherbergt. Dahinter tut sich eine steile Bergwand auf, eine elektrische Rolltreppe erleichtert den Weg. Die Wände des Tunnels sind innen mit Himmel, Wiese und Häusern bemalt, so dass der kleine Betrug schnell vergeben wird. Grau gepflasterte Steinwege führen an verstreuten roten Holzhäusern, mit kleinen dunklen Fenstern vorbei. Und spätestens hier verliert sich das Zeitgefühl.

Eine knarrende Holztreppe führt hinunter zur Glasbläserei im sogenannten Handwerksviertel. Fahler Rauch steigt aus den Schornsteinen. Schlagartig in die Realität zurückversetzt wird man jedoch beim Anblick der Rucksack-Touristen hinter der hölzernen Absperrung. Dahinter halten zwei Frauen Stäbe mit roten Glaskugeln in die heißen Öfen. Gegenüber liegt die Tischlerei. Der Tischler, ein schlanker älterer Herr, schmirgelt an einem Hocker aus den Vierzigern. Alte Bilder dienen ihm als Vorlagen. "Ich arbeite hier mit einer alten Technik", erklärt er auf Englisch. "Da dauert es länger, man braucht eben mehr Geduld." So ruhig geht es gegenüber in der Mechanischen Werkstatt nicht zu. Metallmaschinen rattern und poltern. Pekka Heikkilä stellt sich vor. Der rundliche, kleine Finne führt in einen Raum, in dem massive Schreibtische mit Rechenmaschinen von 1896 und Schreibmaschinen aufgebaut sind. Freundlich lässt er den einen oder anderen Besucher hinter die Absperrung, um voller Stolz eines der ersten Kopiergeräte vorzuführen. "Seit fünf Jahren bin ich hier", sagt er auf Schwedisch. "Davor war ich bei Siemens, bis wir nach Portugal verlegt wurden. Ich bin also kein Museumspädagoge wie die meisten anderen hier. Aber ich fühle mich sehr wohl."

Eine Straße weiter bei der Apotheke aus dem 17. Jahrhundert und der alten Bäckerei liegt der Eisenwarenhandel, eine Schatzkammer. "Alles mit Preisschild kann man kaufen." Der Eisenhändler steht in weißem Kittel hinter einer massiven Kasse. Schubladen in verschiedenen Formen und Größen bedecken die Wände über und über mit Schrauben und Muttern. Detailgetreu nach dem 18. Jahrhundert aufgebaut sind auch die Buchbinderei und die Buchdruckerei oder die Goldschmiede von 1840.

Einige der fast 150 Häuser sind sogar original hierhergebracht worden. So wie Älvrosgarden, ein Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert, der samt Stall aufgebaut worden ist. Bewohnt wird dieser heute bloß noch tagsüber. Wie von Wikingern erschaffen wirken die schwarzbraunen Holzhäuser auf ihren rohen Steinfundamenten. Die kleinen Fenster können die bedrückende Schwärze der Holzbalken, die Wände, Boden und Decke bilden, nicht erhellen. Eine Puppe liegt in einer Kinderwiege, fest eingeschnürt in Wolldecken. "An diese Wickeltechnik erinnere ich mich noch aus meiner Ausbildung", sagt Iréne Andersson, eine ehemalige Krankenschwester, nachdenklich. Heute ist die Rentnerin mit ihrem Enkelkind da. "Ich will ihr unsere Kultur, unsere Geschichte näherbringen."

Die Kinder erfreuen sich an den rund 300 hier lebenden Tieren. Ursprünglich sollte nur der Lagerplatz der Samen mit einem Rentiergehege ausgestattet werden, doch nach und nach entstand ein ganzer Tierpark. Neben Streichelzoo und Kleintiergehegen schlagen umherlaufende Pfauen stolz ihr prächtiges Federkleid auf. Deutlich weniger lassen sich die Bären zeigen. Es ist wohl gerade Essenszeit. Doch die vermeintliche Enttäuschung erblasst spätestens beim Anblick der Elche. Etwas wackelig wandern sie auf ihren schlanken Beinen einen Bergvorsprung entlang über rauschendem Wasser.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zeitreise mit Rolltreppe
Autor
Olivia Holthausen
Schule
Hölderlin-Gymnasium , Stuttgart
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2012, Nr. 219, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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