Teure, fremde Stadt

Studieren in Rio de Janeiro: Florence aus Frankreich, Francisco aus Spanien und Bastian aus Deutschland

Florence aus Frankreich, Francisco aus Spanien und Bastian aus Deutschland haben sich in einer Wohngemeinschaft in Rio zusammengefunden, um die horrenden Mieten der Stadt zu teilen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist die gegenseitige Unterstützung in der schönen, aber doch sehr fremden Stadt.

Was bewegt drei europäische Studenten dazu, hier ihr Auslandssemester zu verbringen? Bastian, 23 Jahre, braungebrannt, in T-Shirt, Badehose und Flip-Flops, ist nun schon zum zweiten Mal in Brasilien. Er kommt aus dem rheinhessischen Dorf Ober-Olm. Seinen ersten Aufenthalt in Rio beschreibt er so: "Arbeiten im Kindergarten am Rande einer Favela, mit Straßenkindern ohne Zuhause, Leben nicht nur unter einfachsten Verhältnissen, sondern am Rande des Existenzminimums. Randerfahrungen, die mich geprägt haben."

In Kombination mit einem Austauschstudium bot sich ihm danach "die Superchance, das Land aus der Perspektive der Bessergestellten zu erleben". Der Student der Wirtschaftswissenschaften aus Darmstadt absolviert ein Auslandsjahr an der von ihm selbst gewählten Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ). In manche Kurse konnte er sich erst nach elf Stunden Klinkenputzen einschreiben. Die Sprache beherrscht er weitgehend. Probleme hat er aber, pünktlich in der Universität zu erscheinen. "Die Fahrt mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln dauert hier extrem lang und ist zeitlich schwer einschätzbar. Die einzige schnelle Verbindung ist die U-Bahn, die aber nur einige Strecken in Rio verbindet. Hinzu kommt die große tropische Hitze."

Das Verkehrsproblem gilt selbst für die edelsten Stadtteile Rios wie Ipanema oder Copacabana: Enge Straßen, komplett zugeparkt, Radfahrer ignorieren die Einbahnstraßen, und Motorradfahrer schlängeln sich laut hupend drängelnd an Autos und Bussen vorbei. Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen ist in der größten Stadt Brasiliens offenbar kein Thema. Rote Ampeln haben keine Bedeutung. Ist die Kreuzung halbwegs frei, werden sie vom Autofahrer einfach ignoriert. Ein großes Problem für den an Ordnung gewöhnten Deutschen.

Das sieht Florence Boudriot ähnlich. Die Pariserin hat dunkle Haare, trägt Top, Rock und Sportschuhe und ist sambabegeistert. Die 23-Jährige macht an der brasilianischen Partneruniversität der Grenoble École de Management ein in ihrem Studiengang vorgeschriebenes Auslandssemester. Auch für sie stellt der Verkehr zu Spitzenzeiten ein großes Problem dar. Das sei aber nur eine unter vielen Herausforderungen. Das Studium an der Partneruniversität, an der sie in den ersten Wochen die Grundlagen der brasilianischen Sprache gelernt hat, läuft reibungslos für sie, da es gut organisiert sei. Anders sah es aus mit der Suche nach der Wohnung und der Bewältigung des täglichen Lebens. Hier helfen und unterstützen sich die drei, die inzwischen gute Freunde geworden sind, gegenseitig. Für Francisco, den Ältesten aus der Gruppe, ist dies - wie auch für Bastian - nun schon die dritte Wohngemeinschaft während seines Aufenthaltes in Rio.

Francisco Dichavador, kurz Fran genannt, kommt aus Sevilla und studiert an der Uni Rio Computerwissenschaften. Er hat in Spanien sein Studium beendet und hofft durch die zusätzliche Erfahrung auf dem schlechten Arbeitsmarkt in Spanien Vorteile zu haben, oder er will einfach in Brasilien bleiben. "Jetzt hoffen wir für den Rest unseres Aufenthaltes hier in Ipanema wohnen zu bleiben", sagt er. "Während der teuren Touristensaison um die Weihnachtszeit oder während des Karnevals mussten wir die vorherigen Wohngemeinschaften aus Kostengründen jedes Mal auflösen. Zu diesen Hochsaisonzeiten sind die Mieten in Rio dreieinhalbmal so hoch wie zu der übrigen Zeit. Ein Betrag, den wir als Studenten uns auf keinen Fall leisten können."

Der kleine drahtige Spanier mit den stechenden blauen Augen und Bastian scheinen ein gutes Team zu sein. Beide sind sportlich und unternehmen viel gemeinsam. Durch Zufall lernten Sie beim Surfen Daniele, ihren Vermieter, kennen. Der spanische Student hat die Wohnung selbst für fünf Jahre gemietet und vermietet sie gewinnbringend weiter, weil er in São Paulo eine Stelle angenommen hat. Trotz tatkräftiger Mithilfe bei der Renovierung und Verwaltertätigkeiten bewegt sich die Miete immer noch in schwindelerregender Höhe, ist jedoch im Vergleich zu anderen Wohnungen günstig. Dies vor allem, weil hier fünf Leute wohnen. Es ist eng, die Wohnung liegt direkt neben einer der größten Favelas Rios. Das erklärt, dass das Gekrähe von Hühnern und Hähnen, die dort in den Hinterhöfen leben, ins Wohnzimmer im fünften Stockwerk mitten in der Stadt dringt. Die Sicherheit oder das Gefühl von Sicherheit sind auch im hohen Mietpreis inbegriffen. An beiden Eingängen des Hauses sitzen Portiers, die nur Bewohner und deren Gästen den Zugang gestatten.

Außerhalb der Wohnanlage müssen die drei auf sich selbst achten. Geld nehmen sie nur so viel mit, wie unbedingt erforderlich ist. Auch Laptops, teure Handys und Uhren gehören nicht sichtbar ins Straßenleben. "Innerhalb von Ipanema sind die Chancen gering beraubt zu werden, hier gibt es vor allem gutsituierte Leute", bemerkt Francisco. Außerhalb dieses Stadtteils ist die Polizeipräsenz nicht so ausgeprägt, dementsprechend hoch sind die Kriminalitätsraten. "Für unseren Großeinkauf, den wir wöchentlich in einem weiter entfernten preisgünstigeren Laden erledigen, fahren wir gerne gemeinsam. Das gibt uns allen ein Gefühl der Sicherheit, und wir können diese verhasste Beschäftigung möglichst schnell erledigen", sagt Florence. Der Grund für die Abneigung gegen das Einkaufen seien die hohen Lebensmittelpreise, die ein genaues Kalkulieren erforderlich machen, sowie die Ineffizienz der Verkäufer: Das Problem werde jedes Mal deutlich, wenn sie trotz einer Vielzahl von Kassierern und Einpackhilfen mehr als 20 Minuten vor der Kasse warten müssten, damit sie endlich zahlen könnten. Die Verkäufer schwatzten, kennen die Preise nicht. In allen Läden, Behörden und Postämtern die gleiche Warterei. In diesem Land brauche man sehr viel Geduld, erklären die drei.

Aber die negativen Seiten werden wettgemacht durch die Natur des Landes. So schwärmen die Europäer von den freundlichen Affen auf den Wanderwegen. Und sie loben die Cariocas, die Bewohner von Rio. Deren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft seien grenzenlos. Florence, Francisco und Bastian sind sich einig: So schön und vielfältig das Land auch ist, so verlockend die unbekannten Gegenden, die drei haben den besten Platz in ganz Südamerika schon gefunden: Am 500 Meter entfernten Traumstrand von Ipanema können sie alle Probleme hinter sich lassen und beim Baden, Surfen oder Chillen ihre Zeit in Rio genießen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Teure, fremde Stadt
Autor
Niklas Karstadt
Schule
Gymnasium Nieder-Olm , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2012, Nr. 225, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180