Beliebter Einwanderer

Trübes Sonnenlicht scheint durch die kleinen Fenster des ehemaligen Wirtshauses. Der Wohnbereich wirkt gemütlich: Alte Stühle, Sessel, ein knautschiges Sofa und eine Menge Krimskram und Nippes füllen den Raum. Und mittendrin sitzt Martin Cooper. Der Engländer wanderte 2011 nach Deutschland aus, zuvor lebte er etwa 40 Kilometer entfernt von Birmingham. Wie kam Cooper in das Häuschen in einem Dorf im südlichen Schwarzwald? Der 54-Jährige hätte sich nie träumen lassen, dass er eines Tages sein Heimatland verlassen und nach Baden-Württembergs ziehen würde. Der blonde, 1,80 Meter große Mann stopft seine Pfeife, während er erzählt. In seinem karierten Hemd, der schwarzen Weste und den Jeans sieht er aus wie jeder andere hier. Als seine Eltern in seiner Heimatstadt Birmingham erkrankten, zog er zu ihnen. Als vor fünf Jahren sein Vater und vor zwei Jahren seine Mutter starb, entschieden er und sein Bruder, das Haus zu verkaufen. Trotz seines Alters wollte Cooper einen Neuanfang in Schottland wagen. Doch dann kam alles anders.

Er entdeckte auf einer Internetseite ein leerstehendes ehemaliges Wirtshaus nahe der Schweizer Grenze, das im Besitz eines Engländers war. Cooper entschied sich, ins Ungewisse zu ziehen. Ein Grund, weshalb er in die alte Gaststätte zog, war, dass er sein neues Heim selbst renovieren wollte. Er lacht herzlich auf, als er zugibt, die Renovierung werde wohl noch zehn Jahre dauern. Zur Zeit lebt er noch vom Verkauf des elterlichen Hauses, er will sich aber eine neue Arbeit in Deutschland suchen. Die Nähe der Alpen ist für den leidenschaftlichen Wanderer ein Traum. Außerdem bestätigt er das Klischee vom ständig verregneten England und genießt es, richtige Jahreszeiten zu erleben.

Der Vater von drei Kindern, der Umweltwissenschaften studierte, war Mitinhaber einer Elektronikfirma. Vor einigen Jahren trennte er sich von seiner Frau, seine drei Kinder sind erwachsen, leben in London. Die Firma, in der er arbeitete, hatte er bereits vor der Auswanderung wegen der Pflege seiner Eltern verlassen.

Cooper hat Gefallen an den Menschen in seiner neuen Heimat gefunden. Er freut sich, dass sie nicht nur sehr hilfsbereit und freundlich seien, sondern dass für sie andere Werte zählten als für viele seiner Nachbarn in England. Seiner Ansicht nach sei der Zusammenhalt in der Familie und die Familie generell wichtiger als bei Engländern. Mit einem traurigen Lächeln erklärt er, dass solche Werte dort, wo er herkommt, verlorengegangen seien, die Menschen würden nur noch auf materielle Dinge achten.

Als er von seinen Erfahrungen mit deutschen Jugendlichen erzählt, beginnt er laut zu lachen. "Sie statten mir nächtliche Besuche ab, wenn sie von ihren Feiern nach Hause kommen, mich stört das nicht, ich freue mich, dass alle hier so offen mir gegenüber sind." Trotzdem sind die Jugendlichen Martins Meinung nach respektvoller und haben einen viel größeren Zusammenhalt untereinander als die Jugendlichen in England. Es freut den Auswanderer, dass die Teenager hier so viel gemeinsam unternehmen und viele Dinge auf die Beine stellen, wie zum Beispiel den Bau eines kleinen Leiterwagens für einen Mai-Ausflug.

Obwohl Martin Cooper bereits seit über einem Jahr in Deutschland lebt, erntet er immer wieder Lacher im Dorf mit Wörtern wie zum Beispiel "Weihnackten" oder "Fasnackt". Welche Probleme jedoch auftreten können, wenn man plötzlich eine andere Sprache beherrschen sollte, machte sich schnell bemerkbar: Für Post und wichtige Dokumente reichten seine Sprachkenntnisse nicht aus. Er ist froh darüber, dass seine hilfsbereiten Nachbarn ihm unter die Arme greifen, denn die Dorfbewohner sind begeistert von Martin Cooper.

Eine Bewohnerin des winzigen Ortes war hin und weg, als er ohne Scheu zur Fasnachtszeit in den Gemeindesaal kam, um mit den Einheimischen zu feiern. "Als er sah, dass alle in Weiß gewandet waren, ging er noch einmal nach Hause und schloss sich dem Brauch vom Hemdglunker an, nämlich in weißem Nachthemd die Straßen zu durchqueren. Das war großartig." Auch sonst freuen sich die Dorfbewohner darüber, wenn Martin den wöchentlichen Stammtisch besucht oder zusammen mit der Gemeinde bei der Europameisterschaft mitfiebert. Nach der Niederlage Englands ließ er sich sogar für Jogis Jungs begeistern.

Deutsch will Cooper auf jeden Fall noch lernen, weil er für immer bleiben möchte. Der Auswanderer gibt zu, dass ihn die Freundlichkeit der Dorfbewohner ein bisschen faul hat werden lassen, weil sie ihm, wenn er sie auf Deutsch etwas fragt, auf Englisch antworten. Eine Sache bereitet dem Engländer überhaupt keine Probleme: das Autofahren im Rechtsverkehr. Das einzig Ungewohnte sei, dass er sich ständig den linken Ellenbogen stoße, weil er es nicht gewohnt sei, auf dieser Seite ein Fenster zu haben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beliebter Einwanderer
Autor
Nadja Steffen, Carmen Albert
Schule
Kaufmännische Schulen , Waldshut-Tiengen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2012, Nr. 225, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180