Die Mauer, die Mauer ist gefallen

Axel Krause hat in West-Berlin gelebt und ist mit dem Anblick der Mauer aufgewachsen. Dass die Schweiz nur "ein Gartenzaun" umringt, konnte er als Kind kaum glauben.

Wir schreiben den 9. November 1989: Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen, doch als der West-Berliner Axel Krause und ein Freund an diesem Morgen mit dem Auto die Grenze nach Ost-Berlin überqueren wollen, ahnen sie nicht, dass es das letzte Mal sein wird. Axel hofft auf ein reibungsloses Durchwinken, denn er möchte so schnell wie möglich zu seiner Ost-Berliner Freundin, die an diesem Tag 18 Jahre alt wird. Routinemäßig durchsuchen die Kontrolleure seinen Wagen, während Axel ungeduldig auf das Lenkrad klopft. Sein Blick fällt auf eine zerfledderte Ausgabe einer West-Berliner Zeitung, die sein Kumpel auf dem Rücksitz liegen gelassen hat. "Du Idiot!", flüstert er panisch seinem Freund zu, doch da ist es auch schon zu spät. Einer der Kontrolleure hat die Zeitung entdeckt und holt die beiden aus ihrem Auto. Sie werden drei Stunden lang festgehalten, da die Einfuhr von Zeitungen und politischem Material verboten ist. Axel ist mit seinen Nerven am Ende, doch eigentlich ist er Schikanen solcher Art gewöhnt, denn er verbringt viel Zeit im Osten.

Die gesetzlich erlaubten sechs Wochen im Jahr, die sich West-Berliner insgesamt im Osten aufhalten durften, kostete der damals 25-Jährige voll aus. Besonders die Musikszene im Osten hatte es dem leidenschaftlichen Gitarristen angetan, da sie ihm professioneller vorkam. So zog es den gelernten Tischler, der heute sein Geld mit Bandauftritten und Musikunterricht verdient, mehrmals im Monat auf die andere Seite der 3,6 Meter hohen Betonwand. Mit seiner Zeit dort verbindet er noch heute viele aufregende und schöne Erinnerungen, jedoch auch eine, die ihm als besonders unangenehm im Gedächtnis blieb. Nach einem von vielen Konzertbesuchen fuhr er mit einer Band aus Ost-Berlin in der S-Bahn zurück nach Hause. "Plötzlich schnackte mich ein seltsamer Kerl von der Seite an und fing an, Witze über die DDR-Politik zu reißen. Mir wurde klar, dass der mich zum Mitmachen animieren wollte. Anscheinend wusste er, dass ich aus dem Westen kam, und versuchte mich zu einer Straftat zu bewegen."

Hilfesuchend wandte er sich an seine Freunde, die mit solchen zivilen Stasi-Spionen schon öfters fertig geworden waren. Einer der Musiker nahm sich des Typen an und verschwand mit ihm in ein anderes Abteil. "Ich kann mir nur vorstellen, was in dem Abteil passiert ist, und wollte damit rein gar nichts zu tun haben, also machte ich, dass ich an der Friedrichstraße rauskam", berichtet Krause.

Der heute in Schleswig-Holstein lebende Mann ist buchstäblich neben der Mauer aufgewachsen. 1964 dort geboren, verbrachte er seine Kindheit im Berliner Stadtteil Staaken. "Die Mauer hat eine gewisse Idylle gegeben. Du warst abgeschottet, dir hat da keiner etwas getan. Man fühlte sich einfach sicher", erinnert sich der heute untersetzte 48-Jährige. Im Gegensatz zu den Ost-Berlinern waren die Westkinder ja nicht eingesperrt, konnten direkt an der Mauer spielen und nahmen zunächst nichts von der negativen Atmosphäre wahr. "Wir haben da Bälle gegen geworfen." Er erzählt von Kinderstreichen. "Ich weiß noch, als ich ungefähr zwölf war, zündeten ich und meine Freunde eine selbstgebaute Bombe aus Silvesterknallern direkt vor der Betonwand. Wir wollten den Osten befreien und fühlten uns wie Helden." Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, nachdem sich der Rauch verzogen hatte, blieb ein riesiger Krater im Boden zurück. Die Mauer aber zeigte sich unbeeindruckt. Der heute eher gemütlich wirkende Mann konnte in Kindertagen zu gegebenen Anlässen noch schnell weglaufen, so erfuhr nie einer der Anwohner von den "Tätern". Trotz der unbeschwerten Kindheit war Krause durch die Mauer geprägt. Bei einem Familienurlaub in der Schweiz konnte er nicht glauben, dass die Grenze "nur aus einem Gartenzaun" bestand. "Eine Grenze war für mich eine Mauer mit Todesstreifen, Hunden und Wachtürmen. Ich dachte, meine Mutter veräppelt mich, als sie mir sagte, wir stehen an der Grenze zur Schweiz."

Da West-Berlin eine Art Insel in der DDR darstellte, musste man die Transitstrecken durch die DDR nutzen, um in die Bundesrepublik oder andere westeuropäische Länder zu reisen. Da gab es natürlich eine Reihe von Kontrollen. "Ich habe das als Kind nicht so schlimm wahrgenommen, aber im Nachhinein ist das schon eine ziemlich heftige Sache gewesen", berichtet er. "Mein Vater rollte einmal langsam an die Schranke heran und stellte den Motor ab. Der schlechtgelaunte Kontrolleur ging ums Auto herum, bevor er seinen Kopf durchs Fenster streckte und uns bat, den Wagen anzulassen." Sein Vater startete also den Motor des Citroën DS21, der sein Heck bei jedem Anlassen hydraulisch anhob, um den Komfort zu erhöhen. "Sabotage, Sabotage!", brüllte der misstrauische Grenzer, und ehe sie sich versehen konnten, war die Familie schon von sechs Soldaten mit Gewehr im Anschlag umkreist. Die todesängstliche Mutter hielt ihren fünfjährigen Sohn fest, dem jedoch schoss nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Action! Er hatte so eine Situation noch nicht erlebt und genoss die Aufregung. Die Rettung war ein anderer Kontrolleur, der hinzukam und glücklicherweise das außergewöhnliche Automodell kannte und das Missverständnis aufklären konnte. So kam die Familie mit einem gehörigen Schrecken davon.

In späterer Jugend wurde Axel Krause Mitglied der freiwilligen Jugendfeuerwehr und erlebte die Flucht eines DDR-Bürgers mit, den er und seine Kollegen im Anschluss versorgten. Der Mann nutze die Gunst der Stunde und lief neben einem Zug mit, der gerade das Tor zwischen Ost- und West-Berlin passierte. Soldaten auf einem Wachturm erblickten ihn und eröffneten das Feuer. Er erlitt einen Handdurchschuss, schaffte es aber trotzdem über die Grenze. Auf der anderen Seite wurde er von einer gaffenden Menge empfangen, da die Schüsse in der ganzen Siedlung zu hören gewesen waren. "Der Mann war wohlauf, aber stand sichtlich unter Schock. Er hatte ja sein Leben aufs Spiel gesetzt", sagt Krause. "Wie kann man nur seine Familie verlassen und so lebensmüde sein?" Nach dieser Flucht zäunte die Regierung die Bahnstrecke drei Kilometer in den Osten hinein ein, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholte.

Auch an jenem 9. November war am Grenzübergang kein Durchkommen möglich; überall rufende, durcheinanderlaufende Menschen. "Was ist denn hier los?", ruft Axel durchs runtergekurbelte Autofenster. "Die Mauer, die Mauer ist gefallen", folgt die glückliche Antwort. Axel ist total perplex. "Ich glaube es nicht. Das ist, als gehst du auf die Straße und findest 'ne Million." Er hat nur einen Gedanken: seine Freundin! Er kann sie in der Menge ausfindig machen, zusammen laufen sie durch den geöffneten Kontrollpunkt in den Westen. Dieselben Beamten, die Krause noch am Morgen wegen einer Zeitung festhielten, winken sie nun schulterklopfend durch.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Mauer, die Mauer ist gefallen
Autor
Lynn Janzen, Nicolas Vollmar
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2012, Nr. 230, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180