Heute genießt er seine Freiheit

Das kann so nicht mehr lange gutgehen, wir sind dem Zusammenbruch nahe", dachte damals Siegfried Krieger, der seit seiner Geburt bis Oktober 1989, als Ungarn die Grenzen öffnete, in Zschorna nahe Leipzig lebte. Es habe zu der Zeit nur noch zwei befahrbare Brücken in der Nähe von Leipzig gegeben. Die restlichen seien alle gesperrt gewesen für Fahrzeuge, die schwerer als drei Tonnen waren. Für den Fernverkehr bedeutete dies natürlich eine Katastrophe. 1979 fuhr Krieger das erste Mal in das kapitalistische Ausland, ins NSW, ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Natürlich war er auch im SA, dem Sozialistischen Ausland, unterwegs. Er transportierte Elektroden, Ersatzteile und Material für die Gaspipelines nach Russland. Nach Jugoslawien ging es, um Textilien abzuholen, deren Etiketten und Preisschilder später entfernt wurden, um sie dann nach Westdeutschland weiterzuverkaufen.

Bei diesem Satz schmunzelt der 71 Jahre alte Herr, der heute in Oberwihl lebt, einem Dorf im Südschwarzwald. Er erzählt, dass es ohne Tricksen und Kontakte in der DDR aufgrund der Planwirtschaft schwer war, an Güter zu kommen. Vieles ging auf Bestellung, angefangen bei Bananen oder dem Braten zu Weihnachten, den man schon im Sommer im Geschäft beantragen musste. In der DDR gab es lediglich das, was man als lebensnotwendig ansah. Es war nicht ungewöhnlich, dass man sich stundenlang anstellen musste, ob in Läden oder beim Arzt. Wollte man beispielsweise eine Batterie für sein Auto kaufen oder neue Reifen, so ging man schon um drei Uhr morgens los, um zu warten.

Noch immer staunt Krieger über die Freiheit, die er heute erlebt. In der DDR war immer damit zu rechnen, dass man bespitzelt wurde. Man musste vorsichtig sein, wenn man etwas sagen wollte, was gegen den Staat gerichtet sein konnte. Denn es drohte politische Verfolgung, man wurde eingesperrt, es gab kein Recht auf einen Pflichtverteidiger. 1989 war Kriegers Entscheidung endgültig, er wollte die DDR verlassen. Lange hatte er gezögert, denn er wollte seine Frau und seine drei Kinder nicht gern für ungewisse Zeit alleine lassen. Außerdem hatte er ja ein gutes Einkommen mit den zusätzlichen Valuta-Geldern, die er durch seine Fahrten erhielt. Und er musste nicht 12 bis 18 Jahre auf ein Auto warten. Übrigens durfte man ein Auto erst mit Beginn des 18. Lebensjahres beantragen. Daher blühte der Schwarzmarkt: Wer ein neues Auto besaß, konnte dies leicht für 80 000 Mark anstelle der 30 000 Mark Neupreis verkaufen.

Kriegers Flucht verlief gut: Am 27. September trat er einfach seine letzte Tour mit dem Lkw an und übergab ihn dann dem Bundesgrenzschutz. Seine Kinder wussten nichts davon. Er schmuggelte 55 000 Westmark über die Grenze, den Rest ließ er zurück. Für seine Ausreise benötigte er keine Genehmigung, da er durch seinen Beruf einen Reisepass besaß. Das gute Stück hatte unschätzbaren Wert für ihn, denn es besagte, dass er dienstlich unterwegs sei und die Grenze passieren durfte.

Schwierig war es für ihn, seine Frau zu erreichen, denn es gab in ihrem Heimatdorf nur zwei verwanzte Telefone. Also hatten sie sich vorab geeinigt, dass er anruft und sagt, dass Norbert, so hieß ihr Vater, nach Hause komme und dass sie sein Lieblingsessen kochen solle. So konnte niemand ahnen, was sich dahinter verbirgt. Krieger fuhr zunächst nach Mönchengladbach, wo er zuerst die Cousine seiner Frau besuchte. Er blieb nur zur Durchreise dort und fand schnell wieder Arbeit als Kraftfahrer bei einer Spedition. Auch sein ältester Sohn floh mit seiner Familie mit einem Visum über Ungarn und Österreich nach Bayern und kam dann nach Stuttgart. Von dort ging es weiter, bis sie schließlich in Waldshut ankamen und dort bleiben konnten.

Dann stellte seine Frau Brigitte einen Ausreiseantrag, musste hierfür dreißig Mark bezahlen und anschließend die DDR innerhalb der nächsten 24 Stunden verlassen. Jedoch war zu dieser Zeit die Mauer schon gefallen. Sie belud ihr Taxi mit all ihren Wertsachen und fuhr bis Nürnberg, wo sie von ihrer Familie abgeholt wurde. Sie musste eine Liste bei sich tragen mit all den Dingen, die sie mit sich führte. In der DDR hatte sie als Verkaufsleiterin in einem Elektrofachgeschäft gearbeitet. Sie führte Wartelisten von mehr als 25 Jahren. Um selbst schneller an die benötigte Ware zu kommen, nahm sie es in Kauf, die gesamten Listen abzuschreiben, um ihren Namen an oberste Stelle setzen zu können. "Das waren noch Zeiten, doch mit der Zeit vergisst man viel. Man kann sich doch schnell an etwas ganz Neues gewöhnen, und ich wollte nie wieder zurück", sagt der Rentner.

Informationen zum Beitrag

Titel
Heute genießt er seine Freiheit
Autor
Marina Huber
Schule
Kaufmännische Schulen , Waldshut-Tiengen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2012, Nr. 230, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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