Sie war in Cottbus inhaftiert

Wie weit ist es denn vom Bahnhof bis zum Zuchthaus?" ist eine der ersten Fragen von Gisèle Guillemot bei ihrem Besuch in Cottbus. Als sie diesen Weg vor 68 Jahren zum ersten Mal ging, kam er ihr unendlich weit vor. Die 90-jährige Französin, die heute bei ihrer Tochter in Paris lebt, kehrt in die Stadt zurück, in der sie damals ein halbes Jahr in Haft saß. Gisèle Guillemot war eine Widerstandskämpferin im besetzten Frankreich. Im April 1943 transportierte sie auf dem Fahrrad, mit Butter getarnt, Sprengstoff. Ein Mitglied der Widerstandsgruppe wurde gefasst, verriet Gisèle Guillemot und andere Partisanen, vermutlich unter Folter. Daraufhin wurde sie gemeinsam mit 15 Freunden im Juli 1943 zum Tode verurteilt.

Der Vorwurf lautete, Anschläge auf Bahntransporte der Wehrmacht organisiert zu haben. Die 14 daran beteiligten Männer wurden sofort erschossen, sie und ihre Freundin Edmonde als sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene nach Deutschland gebracht. Auf diesem 89-tägigen Transport starb Edmonde, während Gisèle Guillemot noch 14 weitere Gefängnisse und KZs durchstehen musste. Erst im April 1945 wurde sie von den vorrückenden Truppen der 11. US-Panzerdivision der 3. US-Armee in Mauthausen befreit.

Eines ihrer damaligen Gefängnisse war auch das Frauenzuchthaus in Cottbus, in das sie im April 1944 gebracht wurde. Diese Anlage wurde später zum zentralen Gefängnis für politische Häftlinge. Im November 1944 wurde sie als Strafmaßnahme in das KZ Ravensbrück verlegt, nachdem sie zum Jahrestag der Bastille-Erstürmung eine kleine Feier in ihrer Zelle organisiert hatte. Und das war ihr Glück. Denn am 15. Februar 1945 wurden Teile des Zuchthauses in Cottbus beim Bombenangriff der Alliierten zerstört, bei dem viele Frauen starben. In Ravensbrück begann sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. "Doch erst 2001 hatte ich den Mut, es zu veröffentlichen. Man glaubte mir nicht, was ich alles Schreckliche im Krieg erlebt habe, nicht mal meine eigene Mutter." Heute ist Gisèle Guillemot zur Kommandeurin der Ehrenlegion ernannt und Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Colombelles in der Normandie.

Der Berliner Historiker und Journalist Thomas Kittan fand heraus, dass es noch eine Überlebende des Zuchthauses Cottbus gibt, die in Paris lebt. Er überbrachte Gisèle Guillemot eine Einladung des Oberbürgermeisters Frank Szymanski, nach Cottbus zu kommen. Im Mai vor einem Jahr reiste Gisèle Guillemot in Begleitung ihrer Tochter nach Cottbus. Bei ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland seit 1945 besucht sie als Erstes das Gefängnis, in dem sie damals inhaftiert war. Dort trifft sie sich mit Vertretern des Menschenrechtszentrums Cottbus, unter anderem mit dem Schriftsteller und Dissidenten Siegmar Faust, einem Insassen des Zuchthauses zu DDR-Zeiten. Ihre damalige Zelle im obersten Stockwerk der U-Haftanstalt existiert inzwischen nicht mehr. In jener Zeit konnte sie auf einen Park blicken, in dem sie Familien und Liebespaare sehen konnte.

Gisèle Guillemot sitzt auf einem Hocker im Gefängnishof und schaut sich um. "Da stand doch immer der Müll. Und dort haben wir die Maisblätter aufbewahrt." Diese Blätter mussten die Frauen zu Matten flechten. "Wir waren damals im Zuchthaus isoliert, nur in der Massentoilette konnten wir Informationen austauschen. Wir nannten sie Radio Pippiroom", erinnert sie sich. Die Wärterinnen in Cottbus seien im Gegensatz zu einigen anderen relativ menschlich gewesen. Sie lernte sogar einen Arzt kennen, der den Gefangenen manchmal Medikamente zusteckte.

Über eine Stunde sitzt Gisèle Guillemot im Gefängnishof. Am nächsten Vormittag steht das Stadthaus Cottbus für alle offen, die an einem Gespräch mit ihr interessiert sind. Schnell schafft es Gisèle Guillemot, das Interesse der anwesenden Schüler für ihre Geschichte zu wecken. Die lebensfrohe Frau sorgt dafür, dass keineswegs eine gedrückte Stimmung entsteht. Jeder der Anwesenden will mehr erfahren über die mutige, kleine Französin. Sie macht den Schülern deutlich, dass sie schon damals unterschied zwischen Deutschland und Nazi-Deutschland und nicht alle Deutschen automatisch hasste. Auf die Frage "Was würden Sie Menschen sagen, die trotz des Wissens der Vergangenheit solches Gedankengut in sich tragen?", antwortet sie klar: "Ich würde diesen Leuten sagen, sie sind krank."

Gisèle Guillemot trägt sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Auch später spricht sie noch lange mit den Schülern. Auch am Nachmittag ist die Unternehmenslust der alten Dame noch nicht gestillt. Bei einer Stadtrundfahrt besucht sie das Cottbuser Staatstheater, das Filmtheater Weltspiegel, die Brandenburgische Technische Universität und den Branitzer Park. Bei Rotwein und Espresso betont Gisèle Guillemot immer wieder die deutsch-französische Freundschaft. Siegmar Faust sagt, sichtlich ergriffen: "Das empfinden wir alle als äußerst ermutigend. Das ist wie eine Erlösung aus tiefem Leid."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie war in Cottbus inhaftiert
Autor
Annemarie Pieper
Schule
Pücklergymnasium , Cottbus
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2012, Nr. 230, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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