Glück durch Unglück

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Am 8. November 2011 gerät Hannelore Meischners Leben aus der Bahn. Die 52-jährige Frau ist an jenem Dienstagabend von ihrer Arbeit auf dem Weg nach Fulda, als sich ihr Leben plötzlich drastisch verändert. Hannelore Meischner, die im wirklichen Leben anders heißt und unerkannt bleiben möchte, gerät in ein dichtes Schneetreiben, als sie schließlich wie gewohnt auf ihre Autobahn-Ausfahrt auffährt. Mit fast 70 Stundenkilometern gerät ihr Auto auf der spiegelglatten Straße ins Schleudern und prallt mit der Fahrerseite gegen einen Baum. Prellungen, Knochenbrüche, Schürfwunden, Schädeltrauma und Organquetschungen sind die dramatischen Folgen ihres Unfalls.

Als sie wenige Tage später auf der Intensivstation einer Eschweger Klinik erwacht, hat sie zwar starke Schmerzen, doch was sie nicht weiß, ist, dass sie irreversible Verletzungen der Leber und Niere davongetragen hat. Sie gehört nun zu den mehr als 12 000 Menschen in Deutschland, die auf eine Organspende angewiesen sind. Doch sie hatte "Glück durch Unglück", wie sie heute sagt, denn sie erhielt am 15. April dieses Jahres ihre neuen Organe, Leber und Niere, die ihr Körper relativ gut angenommen hat.

Doch auf dem Weg dorthin durchlief sie "die wohl schlimmste Zeit" ihres Lebens. Sie fällt in tiefe Depressionen, die ihr noch den letzten Lebenswillen zu rauben drohen. Auf die Frage nach dem Auslöser für diese depressiven Phasen antwortet die von der Operation sichtlich ausgelaugte und abgemagerte Frau: "Ich musste täglich, ob ich nun wollte oder nicht, auf den Tod anderer Menschen hoffen und konnte dies nicht ertragen, ich wollte...", dann bricht sie ab und schließt ihre rot umrandeten, von Tränen verquollenen Augen. "Ich wollte nicht auf das Unglück anderer Menschen angewiesen sein, ich hatte Angst, sie durch meine Gedanken vielleicht verletzen oder gar töten zu können. Als ich dann meine Spenderorgane erhielt und durch Zufall erfuhr, dass sie von einem 15-jährigen Jungen stammten, war ich mir sicher, dass ich diesen Jungen ermordet habe." Dann erst öffnet Hannelore Meischner ihre Augen und sagt mit kratziger Stimme: "Er ist meinetwegen gestorben, und ich habe ihm sogar noch seine Organe gestohlen." Bei ihren letzten Worten versagt ihre Stimme ganz. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter ihren zitternden, von den Infusionen zerstochenen Händen.

Doch nicht nur psychisch hatte die Patientin hart zu kämpfen, denn auch ihre neue Niere zeigte Abstoßungsreaktionen. Ihr schon geschwächter Körper musste nun auch noch mit Übelkeit, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit kämpfen. Sie muss nun täglich viele Medikamente nehmen, die die Abstoßung der Niere verhindern sollen, doch wird Hannelore Meischner dadurch auf Dauer ein weitgehend normales Leben führen können. Ihren Beruf als Lehrerin hat sie dennoch aufgegeben: "Ich habe eine zweite Chance bekommen, eine Chance, mein Leben zu ändern und vieles besser zu machen und das Leben in vollen Zügen auszukosten."

Die Transplantation hat nicht nur Nachteile mit sich gebracht, gesteht die Pädagogin, als ihr 57 Jahre alter Mann Jochen das rustikal eingerichtete Wohnzimmer betritt. Ihr Mann streicht seiner im Rollstuhl sitzenden Frau die grau gewordenen Haare aus dem Gesicht und drückt ihr einen liebevollen Kuss auf die vernarbte Stirn. "Mein Unfall hat meine Familie näher zusammengeschweißt. Meine Tochter und mein Sohn sind nun täglich bei uns und helfen, wo sie nur können. Wir nutzen jeden Tag aus, weil uns, mir bewusst geworden ist, dass jeder Tag der letzte sein kann."

Hannelore Meischner, die durch viel Training und Erholung den Rollstuhl bald in den Keller verbannen kann, hofft auch seelisch auf Fortschritte: "Ich erhalte psychologische Betreuung und habe starken Rückhalt in meiner Familie, dennoch sind einige Tage nur schwer zu ertragen, in meinen Träumen verfolgt mich das Thema noch sehr oft, und die Narben auf meinem Bauch erinnern mich täglich an die Spende des kleinen Jungen mit den mutigen und starken Eltern, die der OP zugestimmt haben."

In Hannelore Meischners Krankenzimmer lag noch eine andere Frau, die schon lange auf ein neues Spenderherz wartet. "Sie war so traurig, jeden Tag saß die erst 35-jährige Frau auf ihrem Bett und hoffte in einem der zahlreichen Fernsehberichte über tödliche Unfälle zu erfahren, hoffte, dass ein Spender unter den Opfern sei, der sie endlich erlöste. Ich möchte sie jedoch nicht verurteilen, denn wer weiß, was die Zeit aus mir gemacht hätte", sagt sie nachdenklich. "Ich hatte Glück, dass ich ziemlich schnell Spenderorgane erhielt. Ich wünsche ihr nur das Beste, denn sie ist zweifache Mutter und Ehefrau und sollte ihre Familie noch nicht so früh verlassen müssen." Hannelore Meischner besitzt selbst seit mehreren Jahren einen Organspendeausweis. "Ich will bei meinem hoffentlich späten Ableben einem Menschen ein Weiterleben ermöglichen, so wie es auch mir ermöglicht wurde. Jeder hat die Chance, einem Menschen das Leben zu retten und sollte das auch tun."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Glück durch Unglück
Autor
Sabine Kunz
Schule
Weidigschule , Butzbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2012, Nr. 236, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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