Ziemlich beste Freunde

Vor dem Realschulgebäude steht Hanna Gollwitzer und wartet auf ihre Schüler, "den kleineren Teil der 7d". Sieben Jugendliche im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren steigen strahlend aus den Bussen. Drei Kindern mit Trisomie 21 sieht man ihre geistige Beeinträchtigung an. Die Wiedersehensfreude ist groß, obwohl man sich erst am Tag zuvor gesehen hat. Vor dem Musiksaal hängt bereits eine Meute verschlafener Realschüler herum. In den Fächern Musik, Kunst und Sport werden sie gemeinsam unterrichtet, aber auch in anderer Hinsicht bemühen sich die Lehrer um eine enge Kooperation zwischen der Klasse 7d der Marieluise-Fleißer-Realschule in München und ihrer Partnerklasse.

Verwaltungstechnisch gehört diese zur Otto-Steiner-Schule, einem Förderzentrum mit Schwerpunkt geistige Entwicklung am Münchener Hasenbergl, obwohl sie ihr Klassenzimmer in der Realschule hat. Bis vor kurzem wurde sie deshalb als Außenklasse bezeichnet. Doch die Realschüler haben sich eine wesentlich herzlichere Bezeichnung einfallen lassen, um ihre Beziehung zueinander zum Ausdruck zu bringen: Freundschaftsklasse.

Seit fünf Jahren führt die Marieluise-Fleißer-Realschule dieses Integrationsprojekt durch. Und damit als erste weiterführende Schule Bayerns. Ausschlaggebend war eine Elterninitiative. Viele kannten dieses Kooperationsprinzip bereits aus Grundschulen, wo es häufig mit bemerkenswertem Erfolg Einsatz findet.

Hanna Gollwitzer steckt seit zwei Jahren viel Energie in die Arbeit mit der Förderklasse. Zusammen mit einem Kinderpfleger verbringt die Sonderpädagogin den Schultag bei den sieben Jugendlichen. "Man muss überall differenzieren", erklärt die 34-Jährige. Eine gleichwertige Leistungsanforderung der Real- und Förderschüler ist praktisch unmöglich. Dieselben Arbeitsaufträge bekommen die Schüler fast nie. Selbst innerhalb der Förderklasse muss Hanna Gollwitzer für fast jeden Schüler maßgeschneiderte Arbeitsblätter entwerfen, da sich die geistigen Fähigkeiten sehr unterscheiden. "Eine Lerngruppe verfestigt zurzeit ihre Rechenkompetenzen im Zahlenraum bis zwanzig. Andere lösen schon erste Multiplikationsaufgaben."Wenn im Deutschunterricht zusammen gearbeitet wird, dann auf der Basis von Lernspielen und -materialien, die individuell stark variiert werden können. An Frontalunterricht ist nicht zu denken.

Wenn nicht gerade Kooperation stattfindet, unterrichtet Hanna Gollwitzer ihre Schützlinge in einem gesonderten Klassenzimmer. Neben Rechnen und Schreiben stehen Fächer wie Biologie, Erdkunde oder Hauswirtschaftslehre auf dem Stundenplan. "Ich schreibe jedes Jahr zwei individualisierte Halbjahrespläne, die auf dem Curriculum für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung basieren."

Tiefergehende Freundschaften bildeten sich zwar nicht, und privat bestehe kein Kontakt zwischen den Partnerklassen, aber die Realschüler gingen "höchst erfreulich" mit ihren Klassenkameraden um. Die Realschüler hätten Toleranz, Geduld und Offenheit gelernt. Das bestätigt ihre Klassenleiterin Jana Pflügler-Metten. Aufgrund der Pubertät zeigen sich zunehmend Probleme. So wird die Anhänglichkeit mancher Klassenfreunde den Realschülern hin und wieder zu viel. Einige fühlen sich von bestimmten Verhaltensweisen oder Geräuschen gestört. Ein Mädchen hat damit zu kämpfen, dass einer der Förderschüler sein Herz an sie verloren hat und nicht begreifen will, dass er keine Chancen bei ihr hat. Hanna Gollwitzers Schüler lernen vor allem Selbständigkeit, hauptsächlich durch Nachahmung.

In dieser Altersklasse hat das den Nachteil, dass ebenso Schimpfwörter übernommen werden. Hanna Gollwitzer beklagt sich neuerdings über die typische Null-Bock-Mentalität und sogar Arbeitsverweigerung. Es werde immer angenommen, die Realschüler seien die Guten und die Förderschüler die Schlechten. "So ist das aber ganz und gar nicht." Während die Realschüler nur ratschen, arbeiten die Förderschüler deutlich disziplinierter.

"Ich bin froh, dass es diese Kinder überhaupt gibt", sagt die Realschülerin Selina voller Überzeugung. Klassenfahrten, Schulfeste und Projekte haben die Partnerklassen sichtlich zusammengeschweißt. Beim bunten Abend im Schullandheim bekommt der Förderschüler Philipp für seine Performance als "Mikail Jekson" Standing Ovations. Die Schüler tauschen sich über Fußball aus, und in Hauswirtschaftslehre müssen alle beim Zwiebelschneiden weinen. Sie spielen Gitarre oder fahren Ski und entdecken jeden Tag aufs Neue, dass sie gar nicht so unterschiedlich sind.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Ziemlich beste Freunde
Autor
Sophia Klink
Schule
Ernst-Mach-Gymnasium , Haar
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2012, Nr. 236, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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