Den Abschiedsschmerz muss sie aushalten

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Papa kommt nach Hause, tritt Tür ein, legt Mama auf Tisch, fickt, nimmt Geld, kein Geld mehr für Brot", erzählte ein zweijähriges Pflegekind der Bereitschaftsmutter Karla Müller, die in Wirklichkeit anders heißt. Nicht selten wird die 60 Jahre alte Pflegemutter aus Köln vom Schicksal ihrer Schützlinge bewegt.

Im Moment hat sie Bibi (Name geändert), die 16 Monate alt ist, und ihren vier Monate alten Bruder in Obhut genommen. "Als er zu mir kam, konnte er seine Arme noch nicht einmal an den Körper halten, so dick war er", berichtet Karla Müller, während sie demonstriert, dass er dazu mittlerweile fähig ist, obwohl er immer noch acht Kilo wiegt. Seine Schwester hingegen war bei ihrer Ankunft das genaue Gegenteil und bestand nur noch aus Haut und Knochen. Während Jakob 15 Flaschen Milch am Tag bekam, vernachlässigten ihre leiblichen Eltern Bibi vollkommen. Nun hingegen wippen ihre blonden Locken beim Spielen mit einem bunten Spielzeug-Schlüsselbund, sie lacht, ihre blauen Augen strahlen. Die Pflegemutter erklärt: "Es sind immer die Augen, die zeigen, wie es den Kindern geht."

Karla Müller nimmt Kinder, die durch das Jugendamt vermittelt werden, aus Problemfamilien, zum Beispiel, wenn die Eltern drogenabhängig sind, prügeln, die Kinder unterernährt sind und es ihnen an Zuneigung mangelt. Die Mutter eines Pflegekindes konnte noch nicht einmal ohne Hilfe vom Spielplatz ins Polizeiauto steigen, so betrunken sei sie gewesen. Manchmal kommen Kinder sofort nach der Entbindung zu Frau Müller. "Dann heißt es: ,Fahren Sie zum Krankenhaus XY und holen Sie hier ein Kind ab', und dann geht es über Umwege wieder zurück", damit sie nicht verfolgt wird und anonym bleibt.

Anonymität ist für die Sicherheit der Bereitschaftspflegerin und der Kinder wichtig. Andernfalls könnte sie erpresst werden, oder es könnte sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft werden, um die Kinder zurückzubekommen. Wenn Karla Müller in einer Bereitschaftsphase ist, kann es sein, dass sie die Kinder "von jetzt auf gleich" abholen muss. Nachdem ein Kind verabschiedet wurde, gibt es jedoch auch Phasen, in denen sie sich zwei bis vier Wochen freinimmt und nicht kontaktiert wird. Dann versucht sie mit der Ausstattung, die ihre leiblichen Söhne wieder im Keller verstauen, wo ein großer Fundus an Spielzeug und Kleidung gelagert wird, auch den Abschiedsschmerz beiseitezuräumen. Die Kinder sorgen meistens für viel Chaos, wie Bibi, die die Reste eines Schokoladenosterhasen in ihrem Puppenwagen verteilt hat.

Für eine Bereitschaftsphase werden maximal zwei Kinder vermittelt, weil sie viel Aufmerksamkeit und Zuneigung benötigen. Nur bei Geschwistern macht man hin und wieder eine Ausnahme. Manche Geschwister werden jedoch gezielt getrennt, "weil es für sie besser ist, da sie sich dann besser entwickeln können". Den Kindern geht es nach einiger Zeit bei der Bereitschaftsmutter seelisch und körperlich besser, die Vergangenheit hinterlässt jedoch ihre Spuren: Als Frau Müller kurz Bibis kleinen Bruder auf den Arm nimmt, um ihn zu füttern, weint seine Schwester, da sie die Aufmerksamkeit nicht teilen möchte. Außerdem hatte sie, als sie neu in die Übergangsfamilie kam, Angst vor allen Männern in ihrer Nähe, so auch vor Müllers Sohn. "Es ist ein Job, den man nur machen kann, wenn die Familie mitspielt", sagt sie. Und das tut ihre. Früher fiel es ihren Kindern immer schwer, sich zu verabschieden, wenn sie sich an ihre "Geschwister" gewöhnt hatten. "Wenn die Adoptiveltern zur Eingewöhnung zu Besuch kamen, haben sie sie beobachtet und sie mit Fragen gelöchert, um sicherzustellen, dass es den Kindern auch gutgehen würde."

Mit dem Alter wurde der Abschied jedoch zur Routine, und durch ihren Beruf bekommen sie nicht mehr so viel von ihren Übergangsgeschwistern mit, obwohl sie noch zu Hause leben. Auch der Bereitschaftsmutter fällt der Abschied schwer. "Man erwartet von mir Professionalität. Wenn das Kind in eine neue Familie kommt, ist meine Arbeit getan", sagt sie mit Bitterkeit in der Stimme. Zunächst gibt es eine Umgewöhnungsphase, in der die anderen Eltern, das können die leiblichen sein, wenn sie die Auflagen des Jugendamtes erfüllen, oder Adoptiveltern, vermehrt zu Besuch kommen. Dafür ist meist ein Zeitraum von einer Woche angesetzt. In der Regel bricht der Kontakt zu den Kindern daraufhin ab. "Die Eltern können nicht gut damit umgehen, dass ich Teil an der Geschichte der Kinder habe", stellt Frau Müller fest. Zurzeit hat sie zu zwei ehemaligen Pflegekindern Kontakt, die ihr sehr ans Herz gewachsen sind.

Vergessen wird keines ihrer Kinder. Sie hat eine Mappe, in der sie den Aufenthalt eines jeden Kindes unter anderem durch Fotos dokumentiert. Ihr gefällt der Gedanke, dass die Kinder nach einer schweren familiären Vergangenheit in eine Familie kommen, die für sie bestimmt wurde.

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Abschiedsschmerz muss sie aushalten
Autor
Juliane Neu
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2012, Nr. 242, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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