Mutter mit 16

muttermit16

Und dann war er da, mein Sohn, und veränderte mein Leben von Grund auf", erzählt die gerade 16 gewordene Anna-Maria Mayer (alle Namen sind geändert), während sie den kleinen Ben auf ihr Bett hebt. Es ist ein großes, helles Jugendzimmer in einem Dorf im Rheinland mit beigefarbenen Wänden, weißen Möbeln. Wo man nur hinsieht liegt Kleidung, Schmuck und Schminke verstreut. Mittendrin steht ein Laufstall. Vor einem knappen Jahr traf die Nachricht wie ein Blitz ein: schwanger und das im sechsten Monat. Es war ein großer Schock, Anna stand eine ungeheuere Veränderung bevor.

Anfangs war sie völlig überfordert, wollte die Schwangerschaft nicht wahrhaben. Aber dank der Unterstützung ihrer Familie, ihres Freundes und ihrer Freunde fiel es ihr leichter, sich in ihrer neuen Rolle als Teenie-Mutter zurechtzufinden. "Am Anfang habe ich mir Gedanken gemacht, ob das alles gutgehen kann, aber sie hat mich vom Gegenteil überzeugt", sagt die gleichaltrige Freundin Michelle.

Die Schule stand nach wie vor an erster Stelle, so mussten Lösungen gefunden werden, um Ben den ganzen Tag zu versorgen. Annas Mutter änderte ihre Arbeitszeiten bei einer Bäckerei im Nachbarort, um ihren Enkel zu betreuen, wenn ihre Tochter zur Schule geht. Fortan arbeitet sie in der Nachtschicht und macht sich gegen drei Uhr nachts auf den Weg zur Arbeit und kehrt jeden Morgen gegen sieben nach Hause zurück. Bis dahin hat sich Anna für den Schulbesuch fertig gemacht und überlässt ihr Ben für den Vormittag, während dieser noch schlummert. Sie besucht die 9. Klasse eines Linzer Gymnasiums. Gegen 14 Uhr trifft die junge Mutter müde zu Hause ein. Jetzt beginnt für sie erst der anstrengende Part, denn dann geht ihre Mutter wieder arbeiten, um kein Haushaltsloch entstehen zu lassen. Anna spielt mit Ben, kocht für ihn und geht mit ihm spazieren. Anfangs erregte die junge Mutter mit ihrem Kind noch große Aufmerksamkeit in dem kleinen Ort. Mittlerweile werden Mutter und Kind akzeptiert und freundlich gegrüßt. Um 17 Uhr kehrt Annas Mutter heim, gemeinsam wird gegessen. Auch ihr Vater, der bei Birkenstock arbeitet, ist dabei und kümmert sich rührend um den Kleinen.

Hausaufgaben werden seit Bens Geburt nur noch abends gemacht. Davor widmet Anna ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Sohn. Zwischen 20 und 21 Uhr bekommt Ben die letzte Flasche und schläft meist bis morgens früh durch. Dann beginnt für alle Beteiligten die einzig ruhige Zeit des Tages, in der sie öfters gemeinsam fernsehen. "Natürlich gibt es auch noch andere Lösungen, ein Kind großzuziehen, aber die schönste ist immer noch zu Hause mit der Unterstützung der Familie", erklärt das Mädchen, während sei ihr Kind fürs Schlafengehen bereit macht.

Am Wochenende steht Anna ein freier Tag zur Verfügung, den sie meistens mit ihrem Freund und Bens Vater, dem 17-jährigen Yannik, verbringt. Sie sind seit zwei Jahren ein Paar. Yannik ist sich seiner Verantwortung für seinen Sohn bewusst. Jeden Montag schläft der acht Monate alte Ben bei seinem Vater und verbringt viel Zeit mit ihm. Der Junge besucht ein Gymnasium in Bad Honnef und spielt Fußball bei einem Bonner Verein. "Auch wenn wir wegen des Zeitmangels oft streiten, verbringe ich trotzdem gerne Zeit mit Ben bei ihm und seiner Familie", sagt Anna.

Laut Unicef werden auf der ganzen Welt etwa fünfzehn Millionen Minderjährige unbeabsichtigt schwanger. Auch Anna erzählt, dass sie noch die eine oder andere junge Mutter kennengelernt hat, mit der sie sich über persönliche Erfahrungen austauscht. In dem Zusammenhang betont die Schülerin ihre Popularität, die stark gestiegen sei, seitdem Ben auf der Welt ist: "Ich kriege unzählige Freundschaftsanfragen bei Facebook von Menschen, die ich in meinem Leben noch nie gesehen habe." Diese ständige Aufmerksamkeit störe sie aber überhaupt nicht, denn die Liebe, die ihr Sohn ihr jeden Tag aufs Neue zeige, entlohne sie für alles.

Für die Zukunft hat die selbstbewusste 16-Jährige große Pläne. Sie möchte nach ihrem Abitur entweder Physiotherapeutin, Polizistin oder Immobilienmaklerin werden. Sie hat nicht aufgehört, für ihre Träume zu kämpfen, und hat durch ihren Sohn neuen Ansporn gewonnen, der gerade in Hinsicht auf die Schule positiv ist. Anna kann sich sogar in ferner Zukunft vorstellen, noch weitere Kinder zu bekommen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mutter mit 16
Autor
Lea Rombach
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2012, Nr. 242, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180