Zufluchtsort mit Kompromissen

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"Und alle von derselben Mutter und demselben Vater?" Auf diese Frage, die Sabine Lüdtke gestellt wird, wenn sie von ihren zehn Geschwistern erzählt, antwortet sie mit einem strahlenden Ja. Die 25-jährige blonde Medizinstudentin, die zurzeit ihr Praktisches Jahr in Paris absolviert, ist das achte von elf Geschwistern, vier Jungen und sieben Mädchen. Nach dem Abitur hat sie ihr in einem Vorort von Neu-Ulm gelegenes Elternhaus verlassen, um in München zu studieren.

Sabine war zuerst froh, endlich aus "dem Ameisenhaufen" herauszukommen, um ihr Leben endlich individuell gestalten zu können. Nachdem sie etwas Abstand gewonnen hat, findet sie es mittlerweile "immer wieder schön, nach Hause zu kommen und die Kleinen wiederzusehen". Es sei für sie "ein Zufluchtsort", vor allem dann, wenn es ihr einmal nicht so gut geht. "Da ist immer jemand, der mir zuhört und der mit mir fühlt." Außer dem 18-jährigen Nesthäkchen leben noch zwei Geschwister dauerhaft zu Hause, die Übrigen sind Studenten oder berufstätig und leben über die ganze Welt verstreut. Deshalb schätzen alle die Zeit, die sie gemeinsam mit der ganzen Familie verbringen umso mehr. Wenn es sich einrichten lässt, sind alle Geschwister bemüht, wenigstens Weihnachten nach Hause zu kommen, aus den Vereinigten Staaten, aus England und aus nördlichen und südlichen Städten Deutschlands. Mit ihren Partnern sitzen dann 20 Leute am langen Esstisch. Auch wenn die Partner der inzwischen verheirateten Geschwister teilweise einer anderen Konfession als der katholischen angehören, gehen alle gemeinsam in die Christmette. An den Feiertagen beschäftigt sich die Familie vorwiegend mit Gesellschaftsspielen, eine Tradition, die sich aus der frühen Kindheit erhalten hat. Bei großen Familienfesten werden die riesigen Töpfe und Pfannen von damals herausgeholt, als noch ständig 13 Personen bei Tisch saßen. "Wir brauchten, als ich im Grundschulalter war, am Tag ungefähr ein Kilo Brot und vier Liter Milch, denn meine älteren Brüder hatten einen wahrlich gesegneten Appetit", erinnert sich Sabine. "Bei den Großeinkäufen lagen 20 bis 30 Joghurts im Einkaufswagen. Gab es Bananen im Sonderangebot, luden wir gleich eine ganze Kiste auf. Zu Hause liefen fast ununterbrochen zwei Waschmaschinen und Wäschetrockner."

Nicht immer empfand Sabine ihre Großfamilie als eine Bereicherung: "Wir mussten viele Kompromisse eingehen, vieles teilen, und es wurde uns früh bewusst, dass wir nicht die Einzigen in der Familie waren und die Eltern nicht immer zur Stelle sein konnten, wie wir es von unseren Freunden kannten." Der Einfachheit halber wurde für alle das gleiche Hobby gewählt, nämlich Eiskunstlauf. Aufgrund unterschiedlicher Trainingszeiten kam es gelegentlich vor, dass die älteren Kinder später abgeholt wurden als geplant und eine halbe Stunde in der Kälte warten mussten. So stand Sabine einmal eine Stunde draußen und war ziemlich sauer auf ihre Mutter, da diese sie vergessen zu haben schien. Aber während des Trainings hatte sich ihr Bruder Andreas den Arm gebrochen, was Sabine gar nicht mitbekommen hatte. Die Mutter hatte den Sohn erst zur Klinik bringen müssen.

"Man muss sich erst einmal klarmachen, welchen zeitlichen und logistischen Aufwand es für unsere Eltern bedeutete, alles zu koordinieren, zumal beide berufstätig sind." Die Eltern führen eine Gemeinschaftspraxis in ländlicher Umgebung, wo der Arzt Dienst rund um die Uhr hat und die Patienten manchmal auch am Wochenende an die Wohnungstür klopfen. Auch wenn die Mutter, als die Kinder klein waren, weniger in der Praxis arbeitete, so ist sie niemals ganz ausgestiegen und hat eine Kinderfrau beschäftigt, in Ferienzeiten manchmal sogar zwei Frauen.

Wenn es in die Ferien ging, war es jedes Mal ein Riesenspektakel, bis jeder seine Sachen zusammengesucht hatte, es ging wild durcheinander: Wo ist meine Badehose? Wo sind meine Badeschlappen? Du hast meinen Pulli geklaut! Es musste durchdacht gepackt werden, um die zwölf Taschen und Koffer im VW-Bus zu verstauen. Vor einer Urlaubsreise nach Italien blieben einmal drei Söhne im Alter von sieben bis elf Jahren für eine Stunde allein zu Hause, weil die Mutter mit den Mädchen Bikinis kaufen ging. Als sie wieder zurückkam, blieb ihr fast das Herz stehen: Matthias war durch die Glastüre gerannt. Glücklicherweise hatte er sich nur ein paar Schnittwunden zugezogen.

Im Ferienhaus am Meer wurden sechs Matratzen zusammengeschoben, sodass dann zehn Kinder wie Sardinen in der Dose nebeneinander liegen konnten. Natürlich gab es auch Besuche in der Eisdiele. Hatte man danach versäumt nachzuzählen, konnte es vorkommen, dass einer vergessen wurde. Laut rufend: "Aspetti, aspetti!" kam einmal eine Italienerin aufgeregt mit dem kleinen Bruder an der Hand über den Marktplatz gelaufen, gerade als die Familie losfahren wollte.

Kleidungsstücke wurden permanent vererbt. Nicht gespart wurde bei der Bildung. Alle Kinder sollten ein Instrument lernen. Die älteste Schwester Angelika war ein Vorbild. "Ich bewunderte Angelika immer, dass sie so einfühlsam Klavier spielen konnte, und ich wollte es ihr unbedingt nachmachen", sagt Sabine stolz, denn auch sie hat mehrmals erfolgreich an Musikwettbewerben teilgenommen. Sabine hat noch heute die Streitigkeiten im Ohr, wenn es darum ging, wer mit dem Üben an der Reihe war: Schließlich wurde ein Klavierübungsplan erstellt. Bei Festen musiziert die Familie gemeinsam.

"Es ist gut für unsere Mutter, dass alle flügge geworden sind, denn jetzt kann sie noch einmal ihre ganze Energie in ihren Beruf investieren", stellt Sabine fest. Ein schlechtes Beispiel können die Eltern nicht gewesen sein, denn sieben Kinder sind bereits in ihre Fußstapfen getreten, zwei haben sich für das Lehramt entschieden, einer für die Wirtschaft. Auch die Jüngste plant, es ihrer Mutter gleichzutun. "Bald gehe ich nach Australien, um dort mein Praktisches Jahr abzuschließen", sagt Sabine, "aber ich weiß jetzt schon, dass mir meine Familie fehlen wird, und ich freue mich jetzt schon wieder auf die Rückkehr."

Der Zusammenhalt zwischen den Geschwistern ist groß. Gibt es irgendeine Neuigkeit oder spektakuläre Prüfungsergebnisse, verbreitet sich dies via Internet innerhalb kürzester Zeit in der Familie. "Wir schätzen unsere Eltern sehr und haben ihnen vorgeschlagen, dass sie sich im Ruhestand das Geld für ihren Lebensunterhalt sparen können und jeden Monat bei einem anderen Kind leben können. Als Gegenleistung dafür erwarten wir, dass unsere Mutter mit ihren Enkelkindern Latein übt", erklärt Sabine lachend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zufluchtsort mit Kompromissen
Autor
Patricia Lüdtke
Schule
Gymnasium St. Hildegard , Ulm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2012, Nr. 242, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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