Auf der Insel der zwei Gesichter

An manchen Tagen im November kann man an der Costa Smeralda in Sardinien noch baden. An der Nobelküste im Norden prallen Welten aufeinander. Das ist für die Bewohner Fluch und Segen zugleich.

Die letzten Sonnenstrahlen beleuchten den malerischen Jachthafen von Porto Cervo und lassen die weißen Häuser strahlen. Dicht an dicht liegen die Luxusjachten im Hafen des sardischen Städtchens, eine staunende Menschenmenge hat sich versammelt und bewundert die Kulisse. Das Wasser leuchtet in hellem Türkis. Deshalb heißt die nördliche Küste Sardiniens Costa Smeralda: Smaragdküste. Kaum 50 Jahre ist es her, dass der Norden Sardiniens reines Hirtenland war; das Fehlen von Rohstoffen verhinderte eine industrielle Entwicklung. In den sechziger Jahren kaufte ein privates Konsortium rund um Karim Aga Khan den Boden auf und legte den Grundstein für eines der beliebtesten Urlaubsziele des Jetsets, Luxushotels reihen sich aneinander, Feriendörfer wurden aus dem Boden gestampft. Das Herz der Costa Smeralda: Porto Cervo.

Hier entwarfen Architekten ein Luxusstädtchen mit italienischem Flair, große Designermarken sind vertreten, Flavio Briatore unterhält seinen "Billionaire Club", Silvio Berlusconi hat seine Villa in der Nachbarschaft. An prominenten Gästen mangelt es nicht: Von Cristiano Ronaldo über Lenny Kravitz, Naomi Campbell und Cindy Crawford bis zu den Geissens hat das Örtchen viel gesehen. Die Costa Smeralda gilt als eine der teuersten Gegenden der Welt. Das ist Fluch und Segen zugleich für die Bevölkerung.

Etwa 30 Kilometer von Porto Cervo entfernt liegt das natürlich gewachsene Dorf Cannigione, auch hier gibt es einen Strand, und auch hier leuchten Wasser und Himmel in den schönsten Blautönen. "Selbst im November können wir manchmal noch baden gehen", erklärt Paola Fotzi stolz. Sie genießt ihre Mittagspause, bevor sie wieder als Kellnerin in einem benachbarten Hotel arbeitet. Ihr Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr und endet gegen Mitternacht. Alle zwei Wochen hat sie einen freien Tag und meistens eine kurze Mittagspause. Ende Oktober schließt das Hotel, sie bleibt bis zum Sommer ohne Arbeit. Jobs außerhalb der Tourismusbranche gibt es im Norden Sardiniens kaum, dafür sind die Lebenskosten umso höher. Der Sprit ist teurer als in Deutschland. "Ich schlafe in dem Hotel, arbeite rund ums Jahr und verreise nie - trotzdem reicht es kaum zum Leben", klagt Giovanni Antonio Russo, der saisonabhängig als Hotelfahrer arbeitet, aber sich auch als Taxi- oder Lastwagenfahrer betätigt. Der Luxustourismus schafft Arbeitsplätze und treibt zugleich die Preise in astronomische Höhen. "Ich arbeite so viel, wie ich kann, um unser Haus abzubezahlen, doch ohne Arbeit im Winter wird es schwer", klagt Paola Fotzi, während sie ins Hotel zurückkehrt. Die kleine, dunkelhaarige, hübsche und fröhliche Frau ist glücklich in ihrer Heimat. Trotzdem würde sie gern nach Deutschland gehen, um genug Geld zum Leben verdienen zu können. Auch Paolo Deiosso, der ebenso als Kellner arbeitet, empfindet die Vorstellung von Deutschland verlockend. Er ist mittelgroß, schlank und hat kurz geschnittene, schwarze Haare. Auch er ist Sarde, kommt von der Westküste und versucht am Tourismusboom der Costa Smeralda teilzuhaben. Der 29-Jährige hat Englisch und Spanisch studiert und möchte im Winter nach Deutschland, um Deutsch zu lernen und sich neue Berufsmöglichkeiten zu erschließen. Zurzeit wohnt auch er in den bescheidenen Unterkünften für das Hotelpersonal und nimmt im Winter an Fortbildungen teil. Der Luxus der Costa Smeralda ist spurlos an ihm vorbeigegangen.

Wie ihm geht es vielen Sarden. Sardinien ist eine der ärmsten Regionen Italiens und mit 1,7 Millionen Einwohnern bei einer ungefähren Größe von Mecklenburg-Vorpommern recht dünn besiedelt. "Auch wenn viele vielleicht arm sind, ich bin glücklich, hier zu leben, nirgendwo ist es schöner", schwärmt Miro, ein 25-jähriger Student, der sich als Strandwächter ein paar Euro dazuverdient. Er ist groß und trägt stets eine schwarze Sonnenbrille. "Die Wirtschaftskrise macht allen schwer zu schaffen, selbst die Reichen in Porto Cervo sparen immer mehr, doch wir leiden am meisten darunter. Wenn auch noch der Tourismus nachlässt, bleibt nur die Auswanderung." Es ist offensichtlich, dass ihm diese Vorstellung nicht gefällt; er selbst war nur einmal außerhalb Italiens.

Am Abend bieten die Kellner des Hotels einen ganz besonderen Service. In typisch sardischer Fischertracht tanzen und servieren sie bis spät in die Nacht hinein. Paola Fotzi ist erschöpft, ein Fuß tut ihr weh. In der Nacht musste sie ihre Tochter von einer Party abholen. "Es ist viel zu gefährlich für die Mädchen, allein am Strand zu feiern; im Sommer wimmelt es hier nur so von illegalen Einwanderern", sagt sie. Tatsächlich verkaufen allein am Strand des benachbarten Ferienortes Baja Sardinia viele afrikanische Händler ihre Waren. Mabruke ist einer von ihnen. Im gefälschten Real-Madrid-Trikot verkauft er Sonnenbrillen. In gebrochenem Englisch oder Italienisch erzählt er, wie er mit seinem Bruder aus dem Senegal zuerst in die Türkei, danach nach Griechenland, Kalabrien und schließlich Sardinien auswanderte. "Sechs Euro für den Bus", wiederholt Mabruke immer wieder auf Italienisch, viel mehr kann er noch nicht sprechen.

Er ist erst seit einem Monat hier. Seine Unterkunft kostet im Monat 100 Euro. Zusammen mit anderen Händlern und seinem Bruder schläft er in einem Zimmer. Manchmal verdient er nicht genug für den Bus und muss nachts am Strand schlafen. Doch ihm gefällt Italien. "Bella, bella", sagt er und erklärt, dass er hier leben möchte; es sei der schönste Ort, den er jemals sah. Und während sich im benachbarten Porto Cervo die Reichen und Schönen vergnügen, räumen die Kellner die Tische ab, machen Musik an und freuen sich auf ihren nächsten freien Tag - an einem der schönsten Orte der Welt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf der Insel der zwei Gesichter
Autor
David Karkoska
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2012, Nr. 248, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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