Über der Welt schweben, und alles ist bedeutungslos

Menschliches Versagen ist wirklich das Gefährlichste am Fliegen, doch auch ein verheerender Wetterumschwung, Überladung und mangelnde Wartung stellen ein hohes Risiko dar." Johannes Müller-Steinmann weiß, wovon er spricht, denn er ist Privatpilot, seit er 30 Jahre alt ist. Wie er dazu gekommen ist? "Es war schon immer ein Traum von mir, einen Flugschein zu machen, und dann hat mich ein Freund zum Tag der offenen Tür beim Flughafen in Holtenau mitgenommen. Ich war so begeistert, dass ich mich gleich für den Flugunterricht angemeldet habe", strahlt er. "Meine Frau war zuerst nicht sonderlich begeistert und hat sich viele Sorgen gemacht, doch dann hat sie mein Hobby auch unterstützt."

Er blickt durch die offene Tür des Pilotenbüros auf dem Flughafen Kiel-Holtenau, wo die kleine Cessna 172 in der Sonne steht. Die einmotorige Maschine, Baujahr 1980, hat Platz für vier Personen und eine Reisegeschwindigkeit von ungefähr 150 Stundenkilometern.

"Den Flugschein zu machen war für mich nicht einfach, denn damals hatte ich als Arzt Nachtdienst und somit sehr wenig Zeit. Normalerweise dauert es sechs Monate bis zu einem Jahr, bis die Prüfung gemacht werden kann. Ich habe zwei Jahre gebraucht. Zudem hatte ich große Probleme mit dem Magen, mir ist andauernd übel geworden." Die Prüfung zu bestehen ist harte Arbeit, denn es gibt viel mehr Regeln als beim Autofahren, das Luftrecht muss erlernt werden, genauso wie Aerodynamik, Motoren- und Wetterkunde. Der Prüfling muss Englisch und die Funksprache beherrschen, und wissen, dass sich jeder Pilot auf jedem Flughafen vorher anmelden muss. "Aber das hat sich gelohnt, wenn ich fliege, dann schwebe ich über der Welt, alles kommt einem klein und bedeutungslos vor, und die Probleme erscheinen unwichtig", schwärmt er. Beim Fliegen kommt noch die dritte Dimension hinzu, an die er sich erst einmal gewöhnen musste. "Die Steuerung ist indirekter als beim Auto. Außerdem kann ich fast immer Luftlinie fliegen. Nur über Vogelschutz- oder Militär- und Schießgebiete darf ich nicht fliegen, denn das könnte gefährlich werden. Auch durften wir damals auf keinen Fall in den Luftraum der DDR eindringen, denn dort wurde scharf geschossen", schmunzelt der 53 Jahre alte Hautarzt und schaut auf das Foto seiner Maschine an der Wand.

Was war bisher sein spannendstes Erlebnis? Er zögert nicht lange und berichtet von einem Flug, der ihn über die Grenze zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg führte. Da meldete die Luftfahrtkontrolle, dass auf elf Uhr nicht identifizierte Flugobjekte auf Kollisionskurs seien. "Gesehen aber habe ich nichts. Die Luftfahrtkontrolle hat mich noch einmal angefunkt, dieses Mal aufgeregter. Ich sah immer noch nichts. Ich wurde wieder angefunkt, ob ich denn nichts sähe, wieder musste ich verneinen. Als ich noch einmal eine Anfrage bekam, geriet ich in Panik, da ich immer noch nichts sehen konnte - Sekunden später sind drei Kampfflugzeuge in kurzer Entfernung an mir vorbeigeschossen. Ich konnte die Druckwelle spüren, das ganze Flugzeug hat gewackelt. Wären sie ein bisschen näher gekommen, wäre ich zerfetzt worden."

Nervenaufreibend sind auch immer die Notlandungsübungen, die regelmäßig gemacht werden müssen. "Einmal bin ich dabei fast im Gebüsch gelandet", lacht der Pilot mit den goldblonden Haaren. Um den Flugschein alle zwei Jahre zu verlängern, müssen die Piloten im Jahr vor der Verlängerung mindestens zwölf Flugstunden absolvieren, sonst verfällt die Fluglizenz. Das ist nicht ganz ohne, denn eine Flugstunde ist teuer: Im Moment bezahlt er 100 Euro plus Fix- und Hallenkosten, aber auch nur, weil er sich das Flugzeug mit zehn Leuten teilt. Wenn er ein Flugzeug bei einem anderen Flugplatz chartern will, kostet das um die 300 Euro.

Der Motor der Cessna 172, dem meistgebauten Sportflugzeugtyp der Welt, muss regelmäßig gewartet werden: "Alle 50 Flugstunden wird der Motor gewartet, alle 500 Flugstunden wird er ganz auseinandergenommen und komplett kontrolliert, und alle 2000 Flugstunden bekommt sie einen neuen oder generalüberholten Motor", erklärt Müller-Steinmann.

"Die Cessna wird von uns oft genutzt, deshalb ist es wichtig, dass sie immer den Sicherheitsstandards entspricht. Ich bin sogar mal mit ihr nach Jersey geflogen, das sind mit dem Auto 1300 Kilometer." Ob ihm dabei noch übel wird? "Nein, überhaupt nicht. Nur wenn ich mal Leute mitnehme, kommt es vor, dass sie ganz grün im Gesicht werden. Aber da kann ich nichts machen, bei so einem kleinen Flugzeug wackelt es nun mal durch die Aufwinde bei schönem Wetter. Meine Kinder wollen deshalb gar nicht mehr mit mir fliegen." Aber der Mediziner hatte selbst mal große Probleme mit der Übelkeit. "Mein erster Alleinflug", schmunzelt er, "der war ganz schön anstrengend. Ich bin nach Sylt geflogen und hatte vor dem Hinflug nichts gegessen, weil ich so aufgeregt war." Auf der Insel hat er dann zu Mittag gegessen. "Und auf dem Rückflug ging es mir so schlecht, dass ich dachte, ich müsste sterben. Nach der Landung war ich glücklich, wieder auf festem Boden zu stehen. So schlimm war es zum Glück nie wieder."

Doch das ist noch nicht das Kurioseste, was der Pilot zu berichten hat: "Ich habe meine damals ein- und dreijährigen Töchter auf einen Rundflug über Kiel mitgenommen. Den beiden war furchtbar schlecht, und ich musste schnellstmöglich wieder landen, doch da hatte sich die ältere der beiden schon übergeben - leider in das Gesicht der jüngeren. Das war wirklich eine blöde Situation, doch heute erzähle ich die Geschichte immer wieder."

Informationen zum Beitrag

Titel
Über der Welt schweben, und alles ist bedeutungslos
Autor
Marieka Müller-Steinmann
Schule
Kieler Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2012, Nr. 248, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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