Leben mit der Ungewissheit

Ein Mädchen sitzt auf einer Holzbank am Zürichsee. Die 18-Jährige hat mittellange, dunkelblonde Haare. "Es war ein ganz anderes Leben. Ich habe viel durchgemacht und konnte lange Zeit kein normales Leben mehr führen", sagt Sina Schmidt (Name geändert) leise. Sie erkrankte mit 13 Jahren an Leukämie. Damals, als sie noch ihrer Leidenschaft, dem Fußball, nachging, verspürte sie während des Trainings starke Schmerzen in ihrer Hüfte. "Als ich endlich zu meiner Hausärztin gegangen bin, stellte sie fest, dass alle Lymphknoten in meinem Körper enorm angeschwollen waren und auf meine Hüftknochen drückten, was den Schmerz auslöste. Zudem hatte ich ein sehr schlechtes Blutbild." Kurz darauf diagnostizierte ein weiterer Arzt Leukämie. "Ich hatte Angst, aber durch mein Unwissen bin ich doch um einiges ruhiger damit umgegangen als meine Eltern. Bei ihnen sind sehr viel mehr Tränen geflossen."

Sofort wurde im Krankenhaus mit der Chemotherapie begonnen. In diesen neun Monaten kämpfte Sina mit starken Nebenwirkungen, mit Übelkeit, einer Reizung der Schleimhäute und Müdigkeit. "Es war wichtig für uns, gute Freunde im Krankenhaus zu haben, denn keiner kann einem mehr Mut machen als Personen, die in der gleichen Situation sind." Zusätzlich musste sie eine zweijährige Tablettentherapie machen. Während dieser zwei Jahre musste sie jeden Monat einmal zur Nachuntersuchung, um sicherzugehen, dass alle Krebszellen abgetötet wurden. Während der Therapie hat Sina sowohl alle ihre Haare als auch sehr viel Gewicht verloren. Anfangs traute sich Sina nur mit einem Kopftuch auf die Straße, aber mit der Zeit wurde sie selbstbewusster und hat das Tuch immer öfter im Schrank gelassen. Sie hatte sich zuerst sehr beobachtet gefühlt, aber durch die Unterstützung ihrer Freunde und Familie waren ihr die bohrenden Blicke bald egal. "Äußerlich habe ich mich sehr gewandelt. Besonders der Mundschutz, den ich tragen musste aufgrund meines schwachen Immunsystems, machte viele stutzig. Viele dachten, ich hätte eine ansteckende Krankheit und haben mich gemieden."

Ihre Familie und Freunde waren immer für sie da. "Ich wurde oft bevorzugt, habe viele Geschenke und große Unterstützung bekommen, was ich natürlich großartig fand und wofür ich immer noch dankbar bin", sagt Sina. "Durch die Krankheit bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Ich habe es geschafft, dem Tod grade noch von der Schippe zu springen. Heute lebe ich viel intensiver als vor meiner Erkrankung. Ich bin selbstbewusster geworden und habe gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen."

Leider haben nicht alle diese Chance. Viele Freunde, die Sina während ihres Krankenhausaufenthaltes oder während der Therapie kennengelernt hat und die ihr ans Herz gewachsen sind, sind verstorben. Sie haben die Krankheit nicht überlebt. "Die Leukämie hat mir viel genommen. Gerade deswegen habe ich mich nach meiner Genesung speziell für die Kinder mit Leukämie eingesetzt. Ich war oft zu Besuch im Krankenhaus und habe mit ihnen gesprochen und Fragen beantwortet."

Sina kehrte schnell in ihren normalen Alltag zurück. Sie ging zur Schule, traf sich mit Freunden und begann das ganz normale Leben intensiver als je zuvor zu genießen. Nach viereinhalb Jahren kam der Schock: Bei einer Routineuntersuchung hat ihr Arzt den erneuten Ausbruch der Leukämie diagnostiziert. "Ich denke, dass es dieses Mal viel schwerer wird als beim ersten Mal." Eine Träne kullert auf ihrer Wange herunter. "Aber ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe, denn ich hänge viel zu sehr an meinem Leben, als dass ich es jetzt aufgeben möchte", sagt sie mit einem entschlossenen Blick.

Informationen zum Beitrag

Titel
Leben mit der Ungewissheit
Autor
Katharina Honsberg
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2012, Nr. 260, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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