Er musste sich quälen, um wieder fit zu werden

Das ganze Jahr hatte sich Claus Buckermann auf seinen Sommerurlaub gefreut: Italien, Sonne, Radfahren, Wandern, gutes Essen. Doch der Sommerurlaub 2011 gestaltete sich nicht wie erwartet. Claus Buckermann, ein großgewachsener Mann Ende 50, durchtrainiert, konnte die Toskana nicht genießen. Die köstlichen Speisen wollten nicht schmecken, der Wein nicht munden, an kulturellen Veranstaltungen hatte er plötzlich keine Lust mehr, vom Sport ganz zu schweigen. Die meiste Zeit plagte ihn eine Übelkeit, die er an sich nicht kannte. Als sich auch noch erste Anzeichen einer Gelbsucht zeigten, brach er den Urlaub ab und fuhr nach Hause.

Dort suchte er seinen Hausarzt auf. Der war erschrocken über das Aussehen seines Patienten und Freundes. Er überwies ihn sofort in eine Klinik für weitere Untersuchungen. Bereits wenige Tage später hatte Buckermann Gewissheit. Die Vermutung, die er bereits im Stillen in sich getragen hatte, wurde Realität: Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Hier bestätigte sich sein Verdacht, der sich mit einem Erlebnis im Urlaub andeutete. Auf den Spaziergängen verfolgte ihn regelmäßig ein streunender Hund. Er bewachte Herrn Buckermann, ließ niemanden in seine Nähe. "Der Hund mit seinem siebten Sinn ahnte, dass etwas mit mir nicht stimmt. Sofort erinnerte ich mich an eine Begegnung mit einer Wahrsagerin, die mir eine schwere Erkrankung prophezeite, mir aber nach der Genesung ein langes Leben vorhersagte."

Nach der Diagnose fuhr er nach Unkel-Scheuren, packte seinen Koffer, regelte wenige wichtige Dinge und spazierte ein letztes Mal durch seinen erst vor wenigen Wochen neu gestalteten Garten, eines seiner vielen Hobbies. Ein toskanisch inspirierter Garten mit Zypressen, Olivenbäumen, Oleander, Bruchsteinmauern und verschwiegenen Plätzen. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages verabschiedete er sich von seiner Frau, die zur Arbeit musste. Nachbarn fuhren ihn nach Bonn in das Johanniter-Krankenhaus. Er wusste nicht, ob er sein geliebtes Haus wiedersehen würde, denn die Ärzte hatten ihm und seiner Frau keine gute Prognose für die Operation gegeben. "Mein Freund, der Professor, sagte uns, dass die Erfolgsquote für diesen gefährlichen Eingriff lediglich bei 13 Prozent liege. Das hat mich schon mitgenommen."

Tags darauf, an seinem 59. Geburtstag, wurden in einer fast sechsstündigen Operation Teile von Magen, Darm, Galle, Bauchspeicheldrüse und Leber entfernt. Nach dem schweren Eingriff folgten vier Tage Intensivstation. "Diese Zeit war sehr belastend für mich. Die Bewegungsmöglichkeiten waren durch die Überwachungsgeräte stark eingeschränkt. Die Abhängigkeit von den Maschinen und dem Pflegepersonal bedrückte mich; auch die kleinste Bewegung schmerzte."

Als starkem Raucher war es Herrn Buckermann ein Bedürfnis, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen, um endlich sein Verlangen nach Nikotin zu befriedigen. Zurück auf der normalen Station, gab er sich nur wenig Zeit. Am Nachmittag des fünften Tages nach der Operation stand er auf, nahm den Infusionsständer an die Hand und ging langsam zum Raucherbereich vor dem Eingang des Krankenhauses. Schwestern der Station beobachten ihn und trauten ihren Augen nicht, dass ein frisch operierter Patient in der Lage war, diese Strecke alleine zu bewältigen. "Auf der Hälfte des Weges fühlte ich mich gar nicht wohl, mir wurde schon schwarz vor Augen, doch ich biss die Zähne zusammen und schaffte es gerade bis zu den Sitzplätzen vor dem Eingang. Hier erholte ich mich kurz, griff nach den Zigaretten und nahm einen ersten nicht ganz so tiefen Zug", erinnert sich Buckermann.

Bereits zehn Tage nach der Operation verließ er das Krankenhaus - normal sind vier bis fünf Wochen Krankenhausaufenthalt. Zu Hause hatte er Schmerzen, konnte weder gut sitzen noch liegen, musste sich zum Essen zwingen und nahm in kürzester Zeit 20 Kilo ab. "Weder das gute Essen, das mir meine Frau zubereitete, noch ein kühles Bier wollten mir schmecken. Das war schon sehr beunruhigend für mich. Natürlich hatten ihm seine befreundeten Ärzte eine Kur empfohlen. Seine damalige Reaktion: "Ich habe keinen Krebs mehr. Ihr habt ihn entfernt. Was soll ich da?" Seine Therapie, für die er sich entschieden hatte, bestand darin, Physiotherapie und Nachsorge zu Hause durchführen zu lassen und sein Zuhause zu genießen. Schon nach einer Woche daheim versuchte er Rad zu fahren, was ihn jedoch stark herausforderte. Sport war ihm schon immer wichtig. Bereits seit der Kindheit spielte er Fußball, auch in höheren Klassen, fuhr intensiv Rennrad oder Mountainbike durch das Siebengebirge und die angrenzenden Regionen. Außerdem spielte er gerne Squash und Badminton.

Auf Schmerzmittel, die ihm verordnet worden waren, verzichtete er, soweit es ihm möglich war. Mit Selbstdisziplin versuchte er von Woche zu Woche kräftiger zu werden. "Ich musste mich quälen, um wieder fit zu werden." Tägliches Schwimmen und Krafttraining standen auf dem Programm. "Ich habe mein Leben schon immer genossen, habe viele Wendepunkte in meinem Leben gehabt und das Leben stets so genommen, wie es kam. Ein Pessimist bin ich nicht, sondern ich versuche in jeder Situation etwas Positives zu entdecken. Angst vor dem Tod hatte und habe ich nicht."

Der studierte Betriebswirt, ausgebildete Großhandelskaufmann und Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft war lange Geschäftsführer einer Immobiliengesellschaft in Köln. Später war er im Baustoffgroßhandel tätig. Vor wenigen Jahren entschloss er sich, seine Frau in ihrer Apotheke zu unterstützen. Dazu war eine erneute Ausbildung notwendig. Noch mit Mitte 50 schloss Buckermann die Ausbildung zum Pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten ab.

Mit der Diagnose Krebs verband sich ein neuer Lebensabschnitt: Ende vergangenen Jahres wurde er Rentner. Seit diesem Frühjahr erklingt wieder jeden Dienstag das laute Geräusch des Rasenmähers. Gelassen ertragen die Nachbarn den Motors, denn sie wissen: Claus Buckermann geht es wieder besser. Sie freuen sich auf das Schwätzchen mit ihm. Sicher zückt er dann seine Zigarette und sagt mit einem Augenzwinkern: "Auf die verzichte ich nicht." Lächelnd hoffen die Nachbarn für ihn, dass er auch einmal die Kraft und Disziplin aufbringen wird, auf das Rauchen zu verzichten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Er musste sich quälen, um wieder fit zu werden
Autor
Johannes Reichert
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2012, Nr. 260, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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