"Diese Sprünge, das ist einfach geil"


Die Brüder Badstuber fahren Motocrossrennen und werden von ihrem Vater trainiert. Am Wochenende ist die ganze Familie unterwegs.

Die 19 Fahrer auf dem Gelände des MSC Manching bei Ingolstadt sind vollkommen konzentriert, die Zuschauer voller Erwartung auf das Rennen zur südbayrischen Motocrossserie. Die Fahrer, die am Startgatter stehen, werfen ihre Motorräder mit einem kräftigen Fußkick an. Ihr Fokus ist auf die Zeittafel gerichtet, die von einem hübschen Mädchen in etwa 40 Meter Abstand in die Höhe gereckt wird. Das Mädchen dreht die Tafel von 15 auf 5 Sekunden um und verlässt zügig die Strecke. Die Anspannung ist spürbar, die Motoren heulen immer lauter auf, als die Fahrer den Gasgriff bis zum Anschlag aufdrehen. Dann fällt das Startgatter.

Die Motocrosspiloten schießen unter ohrenbetäubendem Dröhnen auf ihren 250 Kubikzentimeter starken Maschinen über die Startanlage und die rund 100 Meter lange Start- und Zielgerade entlang auf die erste Kurve zu. Dabei entsteht eine riesige Staubwolke, die den unglücklich postierten Zuschauern jegliche Sicht auf das Geschehen nimmt. Derweil hat einer der Fahrer, der 16-jährige Florian Badstuber, den Startsieg, auch Holeshot genannt, errungen und führt das Fahrerfeld in die erste von 20 langen Runden.

Florian ist ein drahtiger Junge mit kurzen, blonden Haaren und sympathischen, braunen Augen. Er ist nicht der Größte für sein Alter, aber genau wie sein zwei Jahre jüngerer Bruder Stefan ein begabter Motocrosser. Florian betreibt diesen Sport, seit er sechs ist. Die Brüder sehen sich recht ähnlich, jedoch ist Stefan kleiner und braunhaarig. Gemeinsam mit ihren Eltern leben sie in Wettstetten, einem Ort bei Ingolstadt. Auch der Vater Eugen Badstuber fährt seit 35 Jahren Motocross. Er ist 48 Jahre alt, sportlich gebaut, hat welliges, braunes Haar und wachsame braune Augen. Sein Dialekt verrät seine schwäbische Herkunft. Er hat schon unzählige Rennen bestritten und den zweiten Platz in der Meisterschaftsklasse "Deutscher Motocrosspokal" erreicht. Badstuber arbeitet als Architekt und trainiert nebenbei gewissenhaft seine Söhne Florian und Stefan. Dadurch hat er die Fahrweise und das Tempo der beiden kontinuierlich verbessern und eine Menge Erfahrung weitergeben können.

Nicht nur das viele Üben auf dem Motorrad, sondern auch Kraft- und Konditionseinheiten gehören zum Training. Badstuber betont, "dass gewisse Abläufe nötig sind". Die Tage vor einem Wettkampf soll Florian beispielsweise besonders auf die Ernährung achten, und am Tag vor dem Rennen wird ein spezielles Programm absolviert, um den Körper anzuregen, so dass Florian zum Wettkampf maximal belastbar ist. So wurde Florian 2007 südbayrischer Vizemeister und erreichte 2010 in der deutschen Meisterschaft den 10. Gesamtrang. Außerdem hat er einen Titel in der ADAC-Motocross-Serie vorzuweisen.

Auch um die Wartung und Einstellungsarbeiten der Motorräder, einer 250 Kubikzentimeter starken Honda bei Florian und einer 85 Kubikzentimeter starken KTM von Stefan, kümmert sich der Vater. Die Zeit, die er als Mechaniker verbringt, ist enorm, auch wenn ihm seine Söhne dabei helfen. Nach jedem Training und Rennen, wird in jede der beiden Maschinen ungefähr eine Stunde Wartungszeit investiert. Dazu kommen noch die Arbeiten vor dem Fahren, so zum Beispiel die Feinjustierungen, um die Motorräder auf die jeweiligen Streckenbedingungen einzustellen. In der Zwischenzeit kämpfen die Rennfahrer in Manching verbissen um jeden Platz. Mit atemberaubendem Tempo rasen die Piloten über die Strecke und liefern sich spektakuläre Duelle, egal ob in den Kurven oder in der Luft. Mittlerweile führt Florian Badstuber und baut seinen Vorsprung Runde für Runde aus. Doch hinter ihm geht es deutlich enger zu. Der Zweit- und der Drittplatzierte liefern sich das ganze Rennen über ein hartes Duell und sind nie weiter als zehn Meter voneinander entfernt. Nach 25 Minuten ist der Lauf zu Ende, und ein vollkommen verdreckter, aber überglücklicher Badstuber gewinnt mit mehr als sieben Sekunden Vorsprung.

"Das macht Fun. Wide open!", ruft er total verschwitzt, aber über das ganze Gesicht strahlend. "Diese Sprünge, die Kurven, das ist einfach nur geil! Vor allem die Action und das Gefühl von Freiheit auf der Maschine machen richtig Spaß", schwärmt er. Das glaubt man ihm, wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit und Eleganz er über die bis zu 20 Meter weiten Schanzen springt und wie leicht es aussieht, wenn er sich in die Kurven legt. Zwei Stunden später beginnt der zweite Wertungslauf, in dem er nach hartem Kampf um den Sieg als Zweiter über die Ziellinie fährt. "Ein insgesamt erfolgreiches Rennwochenende", sagt er.

Motocrossrennen dauern meistens das ganze Wochenende und setzen sich aus einem freien Training, während dem sich die Fahrer mit der Strecke vertraut machen, einer Qualifikation und zwei Wertungsläufen zusammen. Die Qualifikation besteht aus einem verpflichtendem Zeittraining, bei dem die schnellste gefahrene Runde zählt. Bei überregionalen Veranstaltungen mit einem größeren Fahrerfeld können sich Fahrer, die an der zeitlichen Hürde gescheitert sind, noch über ein Qualifikationsrennen, ein sogenanntes Last Chance Race, einen Startplatz für die Hauptrennen erkämpfen. Die Qualifizierten aus dem Zeittraining sowie die Plazierungen eins bis sechs des Last Chance Races dürfen dann in den Wertungsläufen starten. In regionalen Serien finden diese am selben, bei nationalen und internationalen Veranstaltungen am nächsten Tag statt. In den beiden Hauptrennen kämpfen die Fahrer um Punkte für das Meisterschaftskonto. Der Sieger eines Laufes bekommt 25 Punkte, der 20. immerhin noch einen. Wer am Ende die meisten Zähler aus den beiden Rennen errungen hat, wird Tagessieger.

Einmal WM-Rennen zu fahren ist ein großer Traum von Florian und Stefan, die zurzeit in ihren Altersklassen in der südbayrischen Motocrossserie und in der ADAC-MX-Masters-Serie starten. Letztere weist ein international besetztes Fahrerfeld auf, die Rennen finden in ganz Deutschland statt.

Daher verbringt die Familie Badstuber die Wochenenden meistens in ihrem Wohnmobil. In der Regel wird am Freitag losgefahren und am Sonntagabend erst die Heimreise angetreten. Die Brüder müssen ihre Schularbeiten unter der Woche erledigen und in ihrem Freundeskreis Abstriche machen. "Ich geh vielleicht nicht so oft feiern wie andere, aber das ist es mir auf jeden Fall wert", erklärt Florian. Auch Mutter Sabine hat sich angepasst. "Ich muss den kompletten Haushalt in nur fünf Tagen erledigen und hab halt dann am Montag immer jede Menge Wäsche und einen Haufen Arbeit vor mir", sagt sie schmunzelnd. Zwar ist sie über die Risiken des Hobbys besorgt, sagt aber: "Wenn sie gut trainieren, wird das Verletzungsrisiko geringer. Ich hab da Vertrauen in meine Männer und versuche einfach, nicht allzu viel darüber nachzudenken."

Neben seinen Eltern zählt Florian mittlerweile auch das Rockstar-Honda-Meyer-Racing-Team zu seinen Sponsoren, die ihm sein Motorrad zur Verfügung stellen. "Man braucht jede Unterstützung, die man erhalten kann", erklärt er, denn Motocross ist in Deutschland eine Randsportart. Anders ist es in den Vereinigten Staaten. Für viele Amerikaner ist Motocross wie Surfen zu einer Art Lifestyle geworden. Die Rennen sind besser besucht, die Trainingsmöglichkeiten traumhaft. Doch auch in Deutschland löst sich die Motocross-Szene immer mehr aus ihrem Nischendasein. Der Sport kommt an, und "Crazy Boys", wie in Amerika, gibt es in Deutschland genauso. Auch für Florian Badstuber ist Motocross mehr als nur ein cooles Hobby, sondern eine Art Lebenseinstellung, sein "Way of Life", wie er es gerne nennt.

Informationen zum Beitrag

Titel
"Diese Sprünge, das ist einfach geil"
Autor
Tobias Wirth
Schule
Katharinen-Gymnasium , Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2012, Nr. 266, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180