In der fremden Heimat

Und plötzlich war ich in der Türkei und konnte meinen Traum als Fußballprofi leben", erzählt der zwanzigjährige Cemal Kaldirim mit einem Lächeln auf den Lippen. Denn im Juni 2011 wurde der mittelgroße, junge Türke mit den kurzgeschnittenen, dunklen Haaren und dem goldenen Teint von einem deutsch-türkischen Manager in die Türkei an den dortigen Erstligisten Bursaspor vermittelt. Bursa liegt im asiatischen Teil der Türkei und ist etwa eine Stunde von Istanbul entfernt.

Doch bekanntlich ist aller Anfang schwer, und so war es auch bei ihm: Er fühlte sich fremd in dem Land, das er bis dahin nur aus Urlauben kannte, war einsam ohne seine Familie und Freunde, und an die Sprache musste er sich auch erst gewöhnen. Seine Eltern stammen beide aus Isparta, der Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz in der Nähe von Antalya. Doch den Erfolg seines Bruders Hasan Ali Kaldirim vor Augen, der seit 2012 nun bei Fenerbahce Istanbul spielt und in der türkischen Nationalmannschaft seinen Platz gefunden hat, versuchte er sich schnell anzupassen.

Seit seiner Ankunft wohnt er bei dem Fußballclub mit vielen jungen Fußballern unter einem Dach. Alle haben das gleiche Ziel: ein sorgenfreies Leben zu führen und später vielleicht einmal einer der gefragtesten internationalen Fußballer zu werden. Die Chancen dafür sind aber gering, und aus dem Grund sind Konkurrenzkämpfe programmiert.

Bei dem Club ist für Unterkunft und Verpflegung gesorgt, sodass sich die Profis ausschließlich auf den Fußball konzentrieren können. Training ist während der Saison zweimal am Tag. Die Zeiten dafür sind nach den Spielzeiten geregelt, damit sich die Spieler an die Temperaturen gewöhnen können. Denn einmal am Wochenende sind die Spiele der türkischen Süper Lig, und da die Temperaturen gerade im Sommer tagsüber sehr hoch sind, braucht der Körper dafür viel Spielpraxis.

Dazwischen bleibt dann noch genug Zeit für Freizeitaktivitäten. Gerne unternimmt er etwas mit seinen Bekannten, um auch außerhalb seines Vereins unter Menschen zu kommen und die ihm fremde Kultur kennenzulernen. Dadurch hat er gelernt, sich besser auf Türkisch zu unterhalten und offener mit Menschen umzugehen.

Doch Deutschland ist und bleibt für ihn seine Heimat. So sagt Cemal Kaldirim: "Ich bin in Deutschland geboren, bin mit deutschen Kindern aufgewachsen und spreche die Sprache fließend." Es ist die Disziplin der Menschen in Deutschland, die er sehr schätzt und in der Türkei oft vermisst. Seine Eltern, die beide Fabrikarbeiter bei Recticel und Birkenstock sind, seine Schwester und seine Großeltern mütterlicherseits wohnen in Rheinbrohl in Rheinland-Pfalz. Auch seiner Religion, dem Islam, gegenüber zeigt er sich offen: "Ich bete zwar nicht fünfmal am Tag, aber gläubig bin ich trotz allem schon." Aus dem Grund besucht er jeden Freitag die Moschee. Dieses Ritual führt er in der Türkei weiter fort. Sein Freundeskreis ist bunt gemischt: Er versteht sich mit Menschen aller Kulturen gut. Außerdem besitzt er beide Staatsangehörigkeiten.

Cemal Kaldirim besuchte bis zur neunten Klasse die Regionalschule in seinem Heimatort am Rhein. Danach wechselte er auf die Ludwig-Erhardt-Schule in Neuwied, um die mittlere Reife zu machen. Diese schaffte er trotz des vielen Trainings, das er bei dem Verein TuS Koblenz absolvierte, mit einem guten Abschluss. Ein enger Freund, Ilkay Keskin, hat ihm den Zutritt zu dem Oberligisten SG Bad Breisig organisiert. In diesem Verein spielen viele Studenten, von denen er selbst behauptet, dass er einiges von ihnen gelernt hat und sie sein Inneres zum Positiven beeinflusst haben: "Es war alles wie eine Familie", berichtet der Sportler, während er in Gedanken schwelgt.

Zurzeit ist er nur noch selten in Deutschland. Trotzdem versucht er den Kontakt zu seinen Bekannten in seiner Heimat zu halten, auch wenn sich dies nicht immer als leicht entpuppt. "Ich versuche mich stets gegenüber allen loyal zu verhalten, damit ich trotz meines Erfolgs nicht abgehoben wirke." Kaldirim kann sich nämlich seit seinem Vertrag, der bis 2014 anhält, einiges leisten, wozu Menschen in seinem Alter meistens nicht in der Lage sind, da sie gerade die Schule beendet haben oder eine Ausbildung absolvieren.

Der Traum vom Fußballprofi stand für ihn von Anfang an an erster Stelle. Als es dann hieß "Hallo Türkei - tschüs Deutschland", brach er sofort seine Ausbildung bei der Firma Birkenstock in Vettelschoß ab und verließ das Land. Viele türkische Vereine suchen sich die Spieler aus Europa aus, da sie von Jugend an eine bessere Grundausbildung im Fußball genießen. Sie sind meistens professioneller dem Gegner gegenüber, wogegen in der Türkei mit viel mehr Körperkontakt und aggressiver gespielt wird. Außerdem scheint der Aufstieg in der Türkei leichter zu sein als in vielen Ländern Europas. Die Vereine dort sind im Allgemeinen von der Qualität her nicht mit den europäischen zu vergleichen.

Der Berufsweg eines Fußballers ist jedoch endlich, was bedeutet, dass ab einem gewissen Alter der Körper abbaut und die so hohe Intensität des Sports nicht mehr ertragen kann, und auch mit plötzlichen Verletzungen muss immer gerechnet werden. Deshalb plant der Sportler zurzeit gemeinsam mit seinem Bruder Hasan Ali, Immobilien zu kaufen, um sich finanziell abzusichern.

Eine Familie zu haben, kann er sich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht vorstellen, und auch über einen weiteren Beruf nach seiner Fußballkarriere hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Aber für die Zukunft hält er sich alles offen. "Ich möchte glücklich, frei und sorglos sein - was sonst noch kommt, das weiß ich nicht", erklärt Cemal Kaldirim, der von seinen Freunden oft "Cem" genannt wird. Doch eines steht für den jungen Türken eindeutig fest: Eines Tages möchte er zurück nach Deutschland, nach Hause. Auch wenn bis dahin noch einige Zeit vergehen wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
In der fremden Heimat
Autor
Lea Rombach
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2012, Nr. 266, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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