In voller Fahrt

Donnerstagabend. Aus der Turnhalle eines Internats in Würzburg-Heuchelhof tönt Dribbeln, hin und wieder mal ein Jubelschrei sowie manchmal ein Quietschen. In der Halle bewegen sich sechs junge Frauen und Männer auf 24 Rädern quer durch den Raum. Plötzlich geht alles schnell. Eine Spielerin bekommt den Ball zugepasst und hat freie Bahn in Richtung Korb. Die ersten zurückgelegten Meter dribbelt sie den Ball noch rechts von sich, bis sie ihn auf den Schoß nimmt. Links und rechts von ihr haben es mittlerweile auch ihre Mitspieler ans andere Ende des Feldes geschafft. Noch drei Armzüge, dann bleibt sie stehen. Den Ball in den Händen hebt sie die Arme, hält kurz inne und wirft. Treffer! Ihre Mannschaft jubelt.

Beim Rollstuhlbasketball benutzen die fünf Spieler ihre Rollstühle, um sich vom einen Ende des Feldes zum anderen zu bewegen. Aus einem Schrittfehler wird ein Schubfehler, das heißt, dass ein Spieler mehr als die erlaubten drei Anschübe seines Rollstuhles ausübt. Allerdings gibt es eine Klassifizierung der Spieler. Die höchste Punktzahl, die ein Spieler haben kann, ist eine 4,5. Rollstuhlfahrer mit dieser Klassifizierung sind laut dem offiziellen Regelwerk diejenigen Feldspieler, die die geringste Behinderung haben und noch über eine gewisse Beinfunktion verfügen. Aber wie im Alltag bestimmen auch hier Ausnahmen die Regel: Nicht jeder Körperbehinderte kann genau kategorisiert werden. So wird dann zum Beispiel aus einem Spieler, der einerseits ein 3-Punkte-Spieler wäre, aber andererseits auch ein 4-Punkte-Spieler sein könnte, ein 3,5-Punkte-Spieler. Diese Kategorisierung ist im Spiel ausschlaggebend: Da nicht jeder Spieler die gleichen körperlichen Fähigkeiten hat, muss selbstverständlich darauf geachtet werden. Aus diesem Grund darf der jeweilige Trainer zu jedem Zeitpunkt des Spiels insgesamt nur maximal so viele Spieler spielen lassen, dass eine Gesamtpunktezahl von 14 nicht überschritten wird.

Die 17 Jahre alte Natascha Differding, eine 3,5-Punkte-Spielerin, bewegt sich konzentriert durch die Halle. Den Ball hat sie fest unter Kontrolle und schafft es immer wieder, die gegnerischen Spieler auszutricksen und sich einen Weg zum Korb der Gegner zu bahnen. Seit drei Jahren spielt sie Rollstuhlbasketball. "Das Zusammenspiel im Team macht den Reiz aus", sagt sie. Für sie ist es vor allem die Fairness der Spieler untereinander, die den Unterschied zum normalen Basketball bildet.

Seit ihrem vierten Lebensjahr sitzt Natascha im Rollstuhl. Sie hat eine angeborene beinbetonte spastische Diparese, eine Behinderung, die es ihr durch Gleichgewichtsstörungen und zu kurze Sehnen erschwert, ohne Hilfsmittel zu gehen. Bis vor einigen Jahren konnte sie noch Fußball spielen, allerdings nur mit Gehhilfen zur Unterstützung. "Ich stand dann immer im Tor und hab den Ball statt mit den Händen einfach mit den Krücken gefangen", berichtet sie stolz. "Ich weiß, dass ich den Rollstuhl immer brauchen werde, aber ich will trotzdem nicht immer auf ihn angewiesen sein. Deswegen versuche ich so viel wie möglich mit meinen Gehhilfen zu gehen. Auch wenn es manchmal ein bisschen komisch ausschaut", sagt die aus der Nähe von Würzburg stammende Frau. Deshalb ist sie froh, das Zentrum für Körperbehinderte Würzburg-Heuchelhof zu besuchen, wo sie auch Rollstuhlbasketball spielt. "Da hat einfach jeder irgendeine Behinderung, und für jeden ist das normal", fügt sie hinzu.

Ein "Läufer", wie sie Menschen ohne Behinderung nennen, kann noch so viel Kraft in den Armen haben - beim Spiel ist er den Rollstuhlfahrern hoffnungslos unterlegen. Wofür die geübten Spieler nur einen Anschub brauchen, benötigt ein Läufer zum Teil vier oder fünf Schritte.

Informationen zum Beitrag

Titel
In voller Fahrt
Autor
Tonja Strobel
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2012, Nr. 266, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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