Lennarts Eltern wachten Stunden am Brutkasten

Eigentlich wollte ich Kinderchirurgin werden", sagt Eva Cloppenburg lächelnd, "aber ich habe in der Chirurgie keine Stelle bekommen. In der Pädiatrie hat es mir dann so gut gefallen, dass ich dort geblieben bin." Und das war definitiv keine schlechte Entscheidung für die 52 Jahre alte Ärztin, die in Bochum und Köln Medizin studiert hat. Heute ist sie Oberärztin der neonatologischen Intensivstation und der Frühgeborenenstation im Klinikum Oldenburg. Die Neonatologie ist die Medizin des Früh- und Neugeborenen.

Die blonde Ärztin in der blauen Bereichskleidung erläutert, dass der Begriff Frühchen alle Kinder einschließt, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Diese werden dann je nach Gewicht in drei Klassen aufgeteilt. Diese Aufteilung beginnt bei einem Körpergewicht von unter 2500 Gramm. "Die unreifsten Kinder kommen in der 23. Schwangerschaftswoche, wir sagen SSW, zur Welt und wiegen durchschnittlich 500 Gramm. Zum Vergleich kann man sagen, dass in Deutschland Neugeborene durchschnittlich ungefähr zwischen 3300 und 3500 Gramm wiegen. Diese Kinder haben also nur ungefähr ein Siebtel des Normalgewichts."

Acht bis zehn Prozent der Kinder, die in Deutschland geboren werden, seien Frühchen. Bei den betroffenen Eltern entstehen oft Schuldgefühle, sowie Sorgen und Angst vor einem Leben mit einem Frühgeborenen. Auseinandersetzungen mit dem Tod sowie schwierige Elterngespräche sind für die Ärzte an der Tagesordnung. "Wir müssen die Eltern im Umgang mit ihren Frühchen unterstützen und auf ein Leben mit den Kindern zu Hause vorbereiten", sagt die Medizinerin. "Leider müssen wir inzwischen viele administrative Aufgaben erledigen, sitzen auch häufig am Computer. Diese Zeit fehlt dann für die Betreuung der Patienten und ihrer Eltern."

Ein leichtes Lächeln spielt in ihren Mundwinkeln, als sie erzählt, dass ihr die Arbeit mit den Kindern immer die meiste Freude bereitet. Die Lebenserwartung und Lebensqualität hängt von der medizinischen Versorgung der Frühchen ab. Nicht alle Kinder überleben eine zu frühe Geburt. Eva Cloppenburg erzählt von einer Mutter, die mit Zwillingen schwanger war. In der 25. Schwangerschaftswoche kam es zu einem Nabelschnurvorfall bei einem der Kinder, und ein Kaiserschnitt musste erfolgen. Das Kind mit dem Nabelschnurvorfall, ein Junge, kam tot zur Welt. "Das zweite Kind allerdings, ein kleines Mädchen mit einem Gewicht von 720 Gramm, schrie sofort, wurde rasch rosig und war trotz der frühen SSW sehr fit." Es trat keine Infektion und keine Hirnblutung auf, und noch dazu musste das Kind nicht einmal an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden, nur eine Atemhilfe war nötig.

Ganz anders war dies bei einem anderen Schicksal, das die Ärztin beeindruckt hat. In der 24. Schwangerschaftswoche wurde der kleine Lennart (Name geändert) geboren. Er wog nur 510 Gramm und entwickelte eine Infektion, außerdem Pneumothoraces beiderseits, "das ist ein Krankheitsbild, bei dem sich Luft zwischen Lungenfell und Rippenfell befindet", noch dazu trat eine Hirnblutung auf. "Dem kleinen Jungen ging es in dieser Phase so schlecht, dass er sich kurz vor dem Sterben befand. Die Eltern haben immer an ihn geglaubt und täglich stundenlang an seinem Brutkasten gestanden." Gerührt berichtet sie, die selbst zwei Kinder hat, dass Lennart es schließlich doch geschafft hat und nach vier Monaten aus dem Klinikum entlassen werden konnte. Bis jetzt hat der Junge keine Probleme an der Lunge. Zusammen mit sechs bis sieben anderen Mitarbeitern kümmert sich die Oberärztin um die bis zu 31 Frühgeborenen und kranken Neugeborenen. "Jeden Morgen machen wir eine Visite, in der sämtliche Probleme unserer kleinen Kinder und Therapien wie Infusionen und die Beatmung besprochen werden." Nachmittags und abends werden erneut die Krankheitsfakten aller Kinder besprochen, weil zu diesen Zeitpunkten die Übergaben an die nächste Schicht erfolgen.

Natürlich ist die Arbeit in einem Krankenhaus anstrengend, doch die knapp 1,70 Meter große Ärztin ist trotz allem begeistert von ihrer Tätigkeit. Sie sagt, dass sie nie "ein Helfersyndrom" motiviert hat, sich für ein Medizinstudium zu entscheiden, sondern einfach das Interesse an dem Fach. Gerade deshalb empfindet sie die Arbeit auf dem Fachgebiet der Neonatologie als so spannend. "Die Medizin entwickelt sich ständig. Therapien von heute sind morgen manchmal schon veraltet. Man muss also immer lesen, sich informieren, auf Kongresse fahren, um immer auf dem aktuellen Wissensstand zu sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Lennarts Eltern wachten Stunden am Brutkasten
Autor
Lena Cloppenburg
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2012, Nr. 278, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180