Im falschen Leben

Erst als Ehemänner und Väter haben diese Männer entdeckt, dass sie Männer lieben und anders leben möchten. Sie sprechen über ihr spätes Coming-out, Doppelleben und große Probleme für die Familie.

Die meisten denken, wir kämen in pinken Röcken", sagt einer der vier schwulen Väter aus Köln, die gepflegte Freizeitkleidung tragen und sich in einer Privatwohnung zum Interview treffen. Daniel Winter (alle Namen sind geändert) bemerkte mit Mitte vierzig sein Schwulsein, nachdem ihm klar war, dass seine Frau fremdging. "Meine ganze Lebensplanung war den Bach runtergegangen." In dem heute 52-Jährigen erwachte das schon lange unterdrückte Interesse an Männern und "drängte sich", wie er sagt, in die Lücke, die seine Frau in ihm hinterließ. In dieser "Zeit der Orientierungslosigkeit", in der er wenig schlief, war er immer unterwegs - morgens zur Arbeit, nachts in der Szene. Er brach den Kontakt zu seiner Frau ab, ein Rosenkrieg begann.

Beide Söhne sind über 20 Jahre alt. Einem erzählte er von seiner sexuellen Orientierung. Der andere weiß bis heute noch nichts von Winters Schwulsein, da er den Kontakt zum Vater abgebrochen hat. Der andere Sohn und Winters Exfrau bewahren Stillschweigen gegenüber Außenstehenden und dem zweiten Sohn. Winters Eltern reagierten geschockt, seine Schwester war über das Geständnis zunächst verwundert, hat ihn aber genauso lieb wie vorher.

Erst spät, 1998, bemerkte auch der heute 39 Jahre alte Tobias Adel, dass er schwul ist. Seine Eltern reagierten "wunderbar", aber sein bester Freund brach mit ihm und nahm sich im selben Jahr das Leben. In einem fünfseitigen Abschiedsbrief gab er Adel die Mitschuld. Dies war ein Ereignis, das sein Leben stark prägte. Adels Sohn war anderthalb Jahre alt, als sein Vater sich outete. Er wuchs mit diesen Gegebenheiten auf und ist zu gleichen Teilen bei seinem Vater und dessen Freund, hat einen eigenen Schlüssel und kann kommen und gehen, wann er möchte. Auch Freunde des Sohnes sind in dieses zweite Familienleben involviert.

Bernd Becker, der 51 Jahre alt ist, empfand mit 40, dass das Leben, das er führte, nicht das seine war. "Es war nicht meine Welt." So entschied er sich zunächst für ein exzessives Doppelleben, das er ohne schlechtes Gewissen führte. Nach einem Jahr berichtete er der Familie von seiner sexuellen Umorientierung. "Es war die Hölle für meine Familie." Mittlerweile hat seine Exfrau einen neuen Partner und kann gut mit der Situation umgehen. Ein positives Echo gab es von Freunden und Kollegen. Er selbst ist Lehrer. Viele Schüler kämen zu ihm und fragten um Rat. Becker ist ausgezogen und lebt mit seinem neuen Partner zusammen.

Familienfeste werden aber zusammen verbracht. So kommen Weihnachten er, sein neuer Partner, seine Exfrau, deren neuer Partner, Eltern, Schwiegereltern und sein Sohn unter dem Weihnachtsbaum zusammen. Beckers Sohn kommt gut mit seinem Vater und dessen Partner zurecht. Zu dritt fahren sie in den Urlaub. Enge Freunde seines Sohnes wissen von der Familiensituation. Becker ist gespannt, ob sein Sohn, der in der Pubertät ist, so etwas wie einen inneren Konflikt wegen der Sexualität seines Vaters durchleben wird. Wichtig sei nur, dass sein Sohn aufpasse, wem er etwas über seinen Vater preisgebe. "Der Wind weht uns ins Gesicht. Wir werden beschimpft."

Der 44 Jahre alte Michael Schmitz lebte ebenfalls ein klassisches Familienleben mit Frau und zwei Kindern. Als er 29 Jahre alt war, wurde er "ziemlich unglücklich angemacht". Daraufhin schlug Schmitz denjenigen, der ihn anmachte, zu Boden. Diese Begegnung ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Zwei Monate später suchte er einen Ort auf, an dem sich Schwule treffen. Zunächst hatte er nicht das Gefühl, dass er seine Frau betrog. Nach einiger Zeit verspürte er dennoch Zweifel und Angst. Er verlor 25 Kilogramm Gewicht, veränderte sein Aussehen und erfand Ausreden, um abends wegzugehen. Er hatte nervliche Zusammenbrüche und dachte an Suizid. Eine Paartherapie blieb ohne Erfolg. Die Nachricht von seinem Schwulsein ging wie ein Lauffeuer durch den 5000-Seelen-Ort, in dem er lebte. Sein Vater nahm dies recht locker und meinte, dass jeder selbst wissen müsse, was er so treibe. Aber für seine Mutter brach die Welt zusammen. Der Sohn erhielt Hausverbot. Die Schwiegereltern reagierten gelassener. Schmitz' Kinder besuchen ihn alle zwei Wochen. Mit seiner Frau gibt es immer noch Streitigkeiten, weil sie "zur Bestie mutiert" sei, als sie 2003 einen neuen Partner fand. Schmitz hat seinen Wohnort und seinen Freundeskreis aus Scham und Angst verlassen. Der Beginn eines neuen Lebens war für ihn "wie die zweite Pubertät und kostete viel Kraft".

Winter, Becker und Schmitz hatten eine starke Affinität zur Kirche. Sie waren im Pfarrgemeinderat der katholischen Kirche oder im Leitungsgremium der evangelischen Kirche tätig. Nachdem sie sich sexuell umorientiert hatten, beendeten sie ihr kirchliches Engagement und zogen sich zurück. Winter hat sich bei einem 70-jährigen katholischen Priester geoutet, den er seit seiner Kindheit kennt. Der sagte: "Gehe deinen Weg. Für mich bist du immer noch derselbe Mensch wie vorher." Das habe ihm gutgetan, sagt Winter. Ein sinnvoller Schritt für alle war, sich an die Schwulen Väter Köln e.V. gewendet zu haben. Sie werden zum ersten Mal nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer angesehen. Dort bekommen sie Unterstützung und können mit Betroffenen über auftretende Schwierigkeiten reden.

Die vier Männer sind froh, dass sie erst spät gemerkt haben, dass sie schwul sind. Hätten sie es früher bemerkt, wären sie vielleicht an HIV erkrankt, da damals noch nicht so ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Aids-Gefahr bestanden habe. Auch seien ihre Kinder "wunderbare Geschenke", die sie nicht missen wollen. Tobias Adel ist ebenfalls froh, dass er ein Kind hat, aber hätte gerne seiner Familie den Schmerz und das Chaos erspart, das durch seine sexuelle Umorientierung entstanden ist.

Alle haben große Schuldgefühle gegenüber ihren Familien und möchten, dass es ihren Exfrauen und ihren Kindern weiterhin gutgeht. Sie zahlen mehr Unterhalt, als vorgeschrieben ist. Mittlerweile sind alle vier glücklich mit ihrem Leben, obwohl sie hin und wieder in der Öffentlichkeit angepöbelt werden. Das Wort schwul müsse aus dem Schimpfwort-Repertoire entfernt werden, sagen sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im falschen Leben
Autor
Anna-Laura Güntgen
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2012, Nr. 284, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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