Eine Hupe bremst die Schwimmerinnen aus

Der Gegner greift von den Seiten an, naht von oben oder unten. Und zum Atemholen müssen die Sportlerinnen immer wieder auftauchen. Gerade deshalb lieben sie es, unter Wasser Rugby zu spielen.

Ein junges Mädchen schwimmt im Wasser der Schwimmhalle in Bad Oldesloe. Sie saugt tief die nach Chlor riechende Luft ein und taucht unter. Dort trifft sie auf ein Getümmel tauchender, sich windender Menschen. Einige suchen den Ball oder versuchen das eigene Tor zu schützen. Andere drängen sich vor gegnerische Spieler, um sie zu decken und zu verhindern, dass der Ball von ihnen zuerst entdeckt wird. Sie sieht denn Ball und stürmt darauf zu, wie zwei weitere Mannschaftskollegen ebenfalls.

Auch von der anderen Mannschaft sind einige am Ball, doch sie schnappt ihn vor den anderen. Schließlich schwimmt sie durch das Becken zum Tor der gegnerischen Mannschaft. Viele verfolgen sie und versuchen sie einzuholen. Doch das Mädchen ist schneller. Schließlich schafft sie es, den Ball in dem gegnerischen Tor zu plazieren. Auch Unterwasser hört sie das Hupsignal und taucht auf, um zu ihren jubelnden Mannschaftskollegen zu schwimmen.

Sahra Lippold spielt Unterwasserrugby, eine Sportart, die noch nicht weit verbreitet ist. Sie ist groß und schlank, hat lange, braune, lockige Haare mit einem frechen Pony. Mit ihren 18 Jahren wirkt sie schon recht erwachsen, ihr schallendes Lachen zeugt aber immer von jungem Charme. Vom Schwimmen und genauso vom Wasser allgemein war sie schon immer begeistert und fing früh mit Leistungsschwimmen in Bad Oldesloe an, das nicht weit von ihrem Heimatdorf Steinfeld entfernt ist.

Doch als dann zum ersten Mal die Lübecker Unterwasserrugby-Mannschaft in ihrer Schwimmhalle zu Gast war, war sie "sofort Feuer und Flamme". Sie schwärmt: "Das Beste daran ist der dreidimensionale Raum indem man sich bewegt. Der Gegner kann von allen Seiten, also auch von oben oder unten, kommen. Es ist bis jetzt die einzige Sportart, die einem das bietet, und das macht es zu etwas ganz Besonderem."

Wie bei den meisten Ballsportarten kommt es beim Unterwasserrugby darauf an, den Ball ins gegnerische Tor zu bekommen. Das Schwierige daran ist, dass man den Ball nur in der Hand halten darf, solange man unter Wasser ist. Die Becken sind 3,5 bis 4 Meter tief, weshalb oft ausgewechselt wird, um den Spielern immer wieder eine kurze Verschnaufpause zu geben. "Es kommt bei diesem Sport einfach auf Schnelligkeit und Wendigkeit, aber auch auf das Zusammenspiel an. Das macht wahnsinnig viel Spaß, ist aber auch schwierig. Bei einem Turnier war ich die letzte Verteidigerin vor unserem Tor, und eine Angreiferin war vor mir. Sie war mir nur leider körperlich total überlegen. Ich dachte nur, o.k. ich halt' sie am Bein fest und dreh' mich vor sie, um sie zu behindern. Nur leider hat sie mich einfach mitgezogen durch das halbe Becken. Aber sie wurde dadurch so weit gebremst, dass meine Mannschaft sie einholen konnte."

In einer Mannschaft spielen immer sechs Spieler in einem Spiel von zwei mal 15 Minuten. Die Kleidung dafür ist natürlich auch festgelegt. "Wir tragen Badeanzüge, und Männer enge Badehosen, dazu Taucherbrillen mit Schnorcheln, die meistens etwas gekürzt sind. Zudem schwimmen wir immer mit Schwimmflossen, und auf dem Kopf haben wir Badekappen, wie die von Wasserballspielern mit einem Ohrenschutz. Insgesamt sieht das schon ziemlich witzig aus."

Sahra spielt mit ihrer Mannschaft, dem DUC Lübeck, inzwischen in der ersten Liga, nachdem sie vergangenes Jahr aufgestiegen sind. Zwischen Dezember und April haben sie jeweils fünf Liga-Spiele gegen Mannschaften aus ganz Deutschland. Da gibt es genug Konkurrenz. "An vier Spieltagen davon müssen wir teilnehmen, dann können wir eins absagen, meistens das, was am weitesten weg ist. Letztes Jahr, als wir aufgestiegen sind, hatten wir zum Beispiel Wettkämpfe in Göttingen, Bremen, Berlin und Paderborn, und nach Dresden mussten wir dann nicht", berichtet sie. "Dort sind es meistens drei Spiele am Tag mit kleineren Pausen dazwischen. Das ist wahnsinnig hart, aber man freut sich trotzdem immer darauf. Ansonsten nehmen wir natürlich noch an kleinen regionaleren Turnieren teil." Untypisch für Ballsportarten wird Unterwasserrugby eher von Frauen dominiert. "Es gibt im Prinzip gemischte Mannschaften und reine Frauenmannschaften. Oder anders gesagt: In Männermannschaften dürfen Frauen mitspielen, in Frauenmannschaften jedoch keine Männer. Ich spiele in meinem Verein in beidem, also eher gesagt bei manchen Wettkämpfen treten wir nur mit Frauen an und manchmal auch gemischt." Die vielen Regeln sind im Prinzip leicht verständlich. Der ungefähr handballgroße und mit Salzwasser gefüllte Ball, muss in das meist nur etwa 40 Zentimeter große Tor. Daran darf sich niemand festhalten, alle müssen also durchgehend schwimmen. Der Ball darf sich nicht oberhalb der Wasseroberfläche befinden, und es dürfen nur körperliche Attacken gegen den Ballführenden ausgeführt werden.

Ansonsten ist Gewalt untersagt. Um über Spielbeginn und Ende, aber auch über Tore und Strafen zu informieren, wird sich mit einer Hupe verständigt, die außerhalb des Spielrands bei den Richtern und der Strafbank zu finden ist.

"Natürlich kann das immer mal wieder sein, dass ein Spieler etwas zu ruppig ist und andere tritt oder unter Wasser drückt, aber das gehört auch dazu. Oft ist es aber so, dass alle versuchen, von einem den Ball zu bekommen und ihn umzingeln. Dann fällt der Ball herunter, und ich, die ich die ganze Zeit zugesehen habe, schwimm' einfach hin und ab zum Tor." Das bis zu dreimal in der Woche stattfindende Training ist anstrengend. Zu Beginn wird sich eingeschwommen, gefolgt von langwierigen Tauchübungen. Dann treten sie in Sprints gegeneinander an. Danach werden meist noch Technikübungen gemacht, bevor der Rest der Zeit mit Spielen gegeneinander verbracht wird.

Die aus Skandinavien stammende Sportart verbreitet sich immer mehr. Deshalb werden jetzt auch Europa- und Weltmeisterschaften darin ausgetragen. Olympisch ist dieser Sport jedoch nicht. "Ich würde später nie etwas beruflich damit machen wollen. Das ist mir viel zu heikel", erklärt Sahra. "Außerdem spiele ich nun schon lange Oboe und will lieber etwas Musikalisches machen. Ich denke sogar, dass Unterwasserrugby dabei eine bisschen hilfreich ist, denn für beides braucht man sehr viel Luft. Und das trainiere ich ja."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Hupe bremst die Schwimmerinnen aus
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2012, Nr. 290, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180