Auf schmalen Frontzacken hinauf

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Zwei Zacken von ungefähr drei Zentimeter Länge bohren sich in tauendes Eis. Splitter wie von Glas spritzen durch die winterliche Luft. Dann noch einmal. Uwe Rieger steht fest auf seinen Steigeisen und ist bereit für die nächsten zwölf Meter Senkrechte. Das Besondere daran: Sie sind komplett von Eis bedeckt. "Eisklettern ist eine der gefährlichsten Sportarten, die es gibt", sagt der knapp vierzigjährige Familienvater.

Am Eiskletterturm in Lauterburg auf der schwäbischen Alb hat Uwe Rieger in seiner blau-roten Bergwachtjacke schon die ersten paar Meter geschafft. Er ist am Seil gesichert. In Reichweite der Eisgeräte ist das Seil doppelt genommen, damit man auch noch gesichert ist, sollte man es mit den Eisgeräten beschädigen. Auch wenn die Ausrüstung selbst zur Gefährlichkeit beiträgt - man kann sich schnell selbst verletzen -, ist sie doch das Wichtigste. "Man muss Vertrauen in die Ausrüstung gewinnen", sagt Uwe Rieger. Zum Beweis lässt er sich kurz fallen - das Seil, das beim Eisklettern im Gegensatz zum Klettern am Fels immer straff gespannt sein muss, um die Beschädigungsgefahr zu verringern, hält ihn sicher.

Auch er als erfahrener Kletterer muss sich beim Eisklettern anstrengen, er atmet laut. Entscheidend für den Kraftaufwand ist die Neigung. "Man spürt jedes einzelne Grad", erläutert er. Das sei auch ein bedeutender Unterschied zum Eisklettern am gefrorenen Wasserfall: Während es am 12 Meter hohen Eisturm, den man in Lauterburg seit dem Winter 2009 künstlich erzeugt, fast immer 90 Grad sind, variiert die Neigung am Wasserfall, mal hat man weniger, mal gibt es Überhänge.

Der Eisturm glänzt mit seinen bizarren Formen aus Eis in der Abendsonne. Während sich der gelernte Zimmermann und staatlich geprüfte Bautechniker in kleinen Schritten flott nach oben arbeitet, versammelt sich eine kleine Gruppe Schaulustiger unterhalb des Turms, der sich am Waldrand befindet. Sie schießen Fotos und machen Videos. Bei jedem Hieb in das dicke Eis, das sich um die Maschendrahtkonstruktion gebildet hat, fallen Eissplitter mit einem prasselnden Geräusch zu Boden. Abgebaute und wiederverwendete Teile des alten Fernsehturms vom Aalener Braunenberg bilden das Grundgerüst.

Der Rest ist Grundlage für den Sommerkletterturm, der zurzeit ungenutzt danebensteht. Um das Stahlgerüst ist Maschendrahtzaun gewickelt, der von einer Besprenkelungsanlage, die oben am Turm angebracht ist, bewässert wird. Am Draht gefriert dann das Wasser und bildet eine dicke Eisschicht.

Die komplette Dicke ist erst vom Innern des Turms erkennbar, wo das Licht bläulich von außen hereinschimmert und ständig ein paar Tropfen Wasser zu Boden fallen. Es ist sehr kalt. Auch wenn das Eis wegen der gerade herrschenden höheren Temperatur schmilzt: 50 Kubikmeter tauen nicht so schnell weg. Eine Schwierigkeit bei der Beeisung des Turms ist, das Wasser nach oben zu bringen, ohne dass es friert. Dazu ist das Wasser auf etwa 3 Grad geheizt. In die Leitungen ist eine steuerbare Heizung eingebaut. Kein Problem für die 28 aktiven Bergwacht-Mitglieder der Bereitschaft Aalen. Die "Mannschaft aus Installateuren, Elektrikern, Bautechnikern und weiteren Handwerken hat auch die Hütte komplett selbst gebaut, die gleich neben dem Eisturm steht und mit heißem Tee und kühlem Bier aufwartet.

Die letzten Meter sind oft auch die schwersten. Uwe Rieger schlägt die Eisgeräte nacheinander in das durch die "Wärme" weich und rutschig gewordene Eis. Dann die Steigeisen. Eis splittert und regnet auf den verschneiten Boden. Rieger ist oben angekommen. Er posiert noch für ein letztes Foto und lässt sich dann ins Seil fallen.

In der gemütlichen Holzhütte der Bergwacht Aalen in Lauterburg ist es angenehm warm. Der Empfang ist herzlich. Jetzt betritt auch Uwe Rieger, im Winter der technische Leiter, nach seiner Turmbesteigung den Raum. Der erfahrene Bergwachtler ist etwa 1,70 Meter groß, hat kurze blonde Haare und trägt einen cremefarbenen Pulli. Er zeigt die fürs Eisklettern notwendige Ausrüstung: zwei sogenannte Eisgeräte, spezielle, kürzere Eispickel, die oft einen leicht gebogenen Schaft haben und wesentlich schärfer sind als übliche Eispickel, zwei Steigeisen mit speziellen Frontzacken zum Eisklettern, den Klettergurt, die Handschuhe und den Helm zum Schutz vor herabstürzenden Eisbrocken. Die Eisgeräte dienen als "Hände" beim Eisklettern. Mit den Steigeisen haben die Füße auch im Eis genug Halt. Dabei steht man nur auf den rund drei Zentimeter langen Frontzacken. Günstig ist die Ausrüstung nicht: Rund 180 Euro kosten die Eisgeräte, 200 Euro die Steigeisen. Die entsprechenden Schuhe sind auch nicht unbedingt, billig. Aber lieber etwas mehr ausgeben "als teuren Schrott" zu kaufen, findet Uwe Rieger.

Rieger war Staatsjäger und hat in dieser Zeit eine Ausbildung zum Hundetrainer gemacht. Heute arbeitet der Heubacher bei der Verwaltungsgemeinschaft Rosenstein. Einer seiner beiden Söhne klettert auf seine Schultern. Seine Frau macht Tee für die Gäste. Die ganze Familie ist mit dabei: Alle fahren Ski, alle klettern. "Ich bin ruhiger geworden", behauptet der Mann, der neben Familie und seinem Beruf bei der Bergwacht quasi einen Vollzeitjob hat. Vom Bereitschaftsdienst weiß er einiges zu erzählen: Von einem Irak-Krieg-Veteranen, der sich in gebrochenem Deutsch darüber aufregt, dass ihm im Krieg nichts passiert sei und er sich nun "im Ländle" beim Skifahren verletzt habe. Von Gleitschirmfliegern, die man aus Bäumen retten muss, ohne sie zu sehen, weil das Blattwerk so dicht ist. Oder von wieder eingefangenen Hunden, die ihren Herrchen entlaufen waren.

Die Pause in der Hütte ist schon bald zu Ende: Uwe Rieger schaut aus dem Fenster und sieht schon seine nächsten Kunden kommen, die im Licht der rot glühenden Abendsonne eine der letzten Möglichkeiten nutzen wollen, die aufregende Erfahrung des Eiskletterns zu machen. Der Frühling wird das stahlharte Eis wieder in sulzigen Brei verwandeln. Als Ersatz steht dann der Sommerkletterturm bereit.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf schmalen Frontzacken hinauf
Autor
Marcel Schafft
Schule
Gymnasium Heubach, , Rosenstein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2012, Nr. 290, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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