Handicap mit Handicap

Sarah holt zum Schlag aus. "Noch mal genauso wie eben, mit Schmackes!", ruft ihr Vater. Der 66-Jährige steht neben dem Loch, Sarah soll versuchen, den Golfball aus acht Metern Entfernung einzuputten. Diesmal rollt der Ball viel zu weit am Loch vorbei. "Und tschüs!", ruft Sarah dem davonrollenden Ball zu. Sarah hat dunkelblonde, schulterlange Haare und wirkt mit ihren 1,40 Metern recht jung, aber sie ist 22 Jahre alt. Dass sie so klein ist, liegt an einer Chromosomenanomalie. Sarah Rinkowitz hat Trisomie 21.

Sie steht zusammen mit ihrem Vater und ihrem Trainer auf einem Golfplatz in Löffelsterz in Unterfranken in der Nähe von Schweinfurt. Sarahs Trainer Colin Monk unterstützt sie. "Mit Gefühl, Sarah! Nicht zu schnell", weist der Mann mit dem sympathischem englischen Akzent an, als sie den Ball zu kräftig schlägt.

Es ist manchmal schwierig, Sarah zum Sport zu motivieren, erzählt Udo Rinkowitz. Schon von klein auf musste Sarah speziell trainiert und gefördert werden. "Bei ihrer Geburt hatte sie in den Gliedmaßen keine Muskeln aufgebaut, das musste alles antrainiert werden", erklärt der Rentner. Deshalb haben ihre Eltern immer dafür gesorgt, dass Sarah Sport macht. "Aber Sarah ist auch ehrgeizig, vor allem, weil sie bei Wettkämpfen schon auf dem Treppchen stehen möchte." Auf die Frage, was ihr Lieblingssport sei, antwortet Sarah: "Golf im Sommer und Skifahren im Winter."

Zehnmal ist Sarah bei den Special Olympics schon auf ihren Skiern angetreten. Seit sie zwölf ist, trainiert sie Slalom und Riesenslalom. Und das Training zahlte sich aus: Vier Gold-, drei Silber- und fünf Bronzemedaillen konnte Sarah dafür bis jetzt mit nach Hause nehmen. Die Trophäen und Medaillen hat Sarahs Vater im Arbeitszimmer aufgestellt. Wenn er sie Besuchern präsentiert, ist sein Stolz unübersehbar. Und der Tonfall in seiner Stimme scheint zu sagen: "Seht her, was meine Tochter alles erreicht hat!"

Auch beim Reiten und Voltigieren konnte sie sich schon erfolgreich gegen die vielen hundert Konkurrenten bei den Special Olympics durchsetzen. Elfmal stand sie schon ganz oben auf dem Siegerpodest.

Der Sport hat noch eine andere wichtige Aufgabe: Integration. "Unsere Behinderten werden durch den Sport langsam, aber sicher in der Gesellschaft wahrgenommen", bestätigt der ehemalige Chemiemeister. So werden zum Beispiel durch Berichterstattung in den Medien immer mehr Menschen auf die Leistungen der gehandicapten Sportler aufmerksam. "Gerade Special Olympics bieten die Möglichkeit, die Akzeptanz und Einbindung in die Gesellschaft zu vergrößern." Das zeigen auch die positiven Reaktionen aus Sarahs Heimatdorf Kleinsteinach, einem beschaulichem Flecken in Unterfranken mit 470 Einwohnern.

Aber der Sport soll auch Spaß machen. Auch wenn das Training manchmal schwierig wird oder die Motivation nachlässt, bietet der nächste Wettkampf immer einen Grund zur Vorfreude. Seit dem Jahr 2000 nimmt Sarah im Wechsel an Sommer, und Winterspielen der Special Olympics teil und konnte so schon viele Freunde gewinnen.

Neben dem Sport hat Sarah, wie viele Menschen mit Down-Syndrom, eine Vorliebe für Musik. Besonders Musicals haben es ihr angetan. "König der Löwen, Tarzan, Mamma Mia", zählt Sarah auf. "Sie kann auch die ganzen alten Schlager mitsingen", sagt Udo Rinkowitz und sieht zu seiner Tochter. "Und Tanzen! Das gefällt ihr." Nach dem Golftraining machen sich Vater und Tochter auf den Heimweg. Im Auto bittet Sarah ihren Vater, die neue Hit-CD einzulegen, die sie sich zum Geburtstag gewünscht hat. Vergnügt beginnt sie, beim ersten Lied mitzusingen: "I had the time of my life".

Informationen zum Beitrag

Titel
Handicap mit Handicap
Autor
Alina Geuppert
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2012, Nr. 290, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180