Arbeit in der Pflege geht an die Substanz

Früher war alles besser", sagt Heike Kurz. Bei ihrer Ausbildung in den sechziger Jahren sei die Devise gewesen: "Behandle die Patienten so, wie auch du behandelt werden möchtest!" Heutzutage sei dies nicht mehr möglich, da das Personal stark reduziert wurde. Heike Kurz arbeitet seit 40 Jahren als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem Krankenhaus im Schwarzwald und möchte nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Die Krankenpflegerin steht um fünf Uhr auf, frühstückt, zieht ihre weiße Arbeitskleidung an. Um sechs Uhr hat sie Schichtbeginn und die Patienten werden von der Nachtschicht "übergeben". Ferner wird ihr der Gesundheitszustand der acht bis zwölf Patienten geschildert, für die sie zuständig ist. "Dann mache ich meinen ersten Rundgang, bei dem ich Blutdruck, Puls und Temperatur der Patienten in den sterilen Zimmern kontrolliere."

Um sieben Uhr beginnt sie mit der Grundpflege der Patienten, hilft diesen, sich zu waschen. "Dabei muss ich besonders auf die Hygiene achten und meine Hände desinfizieren, um bakterielle Übertragungen zu vermeiden." Ihre Tätigkeiten bei den Patienten muss sie in deren Krankenakte notieren, bevor sie gegen acht Uhr das Frühstück verteilt, das von einem Cateringservice angeliefert wird. Manchen Patienten muss sie bei der Nahrungsaufnahme helfen. Sind alle fertig, macht sie ihren zweiten Rundgang. "In diesem wechsle ich die Urinbeutel, leere die Bettpfannen und bringe die Patienten zu Untersuchungen." Gegen 12 Uhr teilt sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen das Mittagessen aus, bevor sie einen weiteren Rundgang macht, bei dem unter anderem der Blutdruck gemessen und notiert wird. Um 13.30 Uhr erfolgt die Patientenübergabe an die nächste Schicht. Kurz schreibt einen Verlaufsbericht und macht sich gegen 14.30 Uhr auf den Heimweg.

Die Zeiten können im Alltag abweichen, je nachdem, wie viele Patienten zu versorgen sind. "In diesem Beruf muss man abgehärtet sein, da es auch immer wieder Tote gibt, deren Angehörige besondere Zuwendung benötigen. Auch für uns ist es nicht leicht, damit umzugehen." Im Allgemeinen sind die Betreuungszeit für den einzelnen Patienten und die Aufenthaltszeiten im Krankenhaus kürzer geworden als früher, wodurch es der Pflegerin nicht mehr möglich ist, individuell auf Patienten einzugehen. Dieser Wandel hänge mit Personalreduzierungen zusammen. Auch wollen aufgrund der hohen Belastungen immer weniger Menschen die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger machen. "Das liegt daran, dass die Azubis zu kleinen Ärzten ausgebildet werden und deutlich bessere Schulabschlüsse vorweisen müssen als früher", kommentiert Kurz.

Es gebe jedoch auch positive Veränderungen, die enorm hilfreich seien, wie das Kardex-Dokumentationssystem am Computer, mit dem Pflegemaßnahmen und Untersuchungsergebnisse einfacher dokumentiert werden können. Zudem gibt es nun Lifter für schwerkranke kräftige Menschen, die den Transport erleichtern.

Heike Kurz würde den Beruf nicht weiterempfehlen. "Mich zwei Stunden alleine um 18 Patienten, darunter acht Frischoperierte, zu kümmern geht halt an die Substanz." Außerdem steige der Altersdurchschnitt der Patienten, das sei körperlich anstrengender. Stark belasteten sie die Überstunden aufgrund des Drei-Schicht-Systems. Eine positive Veränderung sei hingegen das generationsübergreifende Lernen mit jungen Kollegen, in dem ältere und neue Behandlungsmethoden und -techniken ausgetauscht werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Arbeit in der Pflege geht an die Substanz
Autor
David Ronellenfitsch
Schule
Gymnasium , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2012, Nr. 296, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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