Beim Klingelton in Alarmbereitschaft

Schwester Rebecca arbeitet auf einer Intensivstation und freut sich jedes Mal, wenn Patienten in die Reha und nach Hause entlassen werden.

Es rauscht, surrt, piept und klingelt. Immer wieder, die ganze Zeit. Flinke Füße in schwarzen Sandalen quietschen auf dunklem Linoleum. Sie tragen eine große, kräftig gebaute Frau in blauem Kittel von Zimmer zu Zimmer, von Patient zu Patient. Koordiniert bewegt sich Rebecca Völkel durch die pneumologische Intensivstation des Krankenhauses Großhansdorf, in dem sie seit 2007 tätig ist. Es ist 18 Uhr, doch für Schwester Rebecca und ihre Kollegin ist der Feierabend noch drei Stunden entfernt. Ein Regenschauer ist gerade vorbeigezogen. Das stört auf dieser Station so ziemlich niemanden. Denn die sechs Patienten liegen entweder im Koma oder sind gerade dabei, wieder in die Gegenwart zurückzufinden.

"Der Patient in Zimmer Nummer sechs muss saubergemacht werden", stellt die gebürtige Kielerin fest und holt sich ihre Kollegin zur Hilfe. Ein älterer Herr liegt blass und regungslos unter weißen Laken, zwischen Geräten und Monitoren. Seine Augen hält er geschlossen, so als würde er schlafen. Ein Schlauch ragt aus seinem Hals, der für die Beatmung sorgt. Essen und Trinken werden ihm durch eine Magensonde zugeführt und Medikamente über den zentralvenösen Katheter.

"Herr Pfau (Name geändert), ich drehe Sie jetzt einmal auf die Seite!" Um zu wissen, ob der Patient die Anweisungen der Schwester versteht, fordert sie ihn auf, seine Augen zusammenzukneifen, was für ihn eine große Herausforderung darstellt. "Die meisten unserer Kranken kommen mit einer Lungenentzündung, Lungenfibrose oder COPD, einer durch langes Rauchen hervorgerufene Krankheit auf unsere Station und sind in den meisten Fällen schon höheren Alters. Lediglich an Lungenfibrose Erkrankte sind auch mal unter 50 Jahre alt. Meist haben sie einen Luftröhrenschnitt und sind auf künstliche Beatmung angewiesen", sagt Schwester Rebecca. Entweder kommen sie von anderen Krankenhäusern oder von einer anderen hausinternen Station.

Der Krankheitsverlauf ihrer Schützlinge gestaltet sich jedes Mal anders. "Einmal ist es vorgekommen, dass ein Patient sich fünfeinhalb Jahre lang immer wieder in regelmäßigen Abständen im Haus aufhielt." Die 32-Jährige räuspert sich, holt einen Kamm aus dem Nachttisch und fährt ihrem Patienten damit behutsam durch die wenigen, verblassten schwarzen Haare.

Während sie die gemessenen Werte von Herrn Pfau in die Krankenakte einträgt, fällt ein großer Schriftzug auf ihrem Unterarm auf. "Mia san Mia". "Das ist Bairisch und bedeutet: Wir sind wir", sagt sie solz. Schließlich sei sie seit der Weltmeisterschaft 2006 leidenschaftlicher Fußballfan. Ihr Herz schlage besonders für den FC Bayern München. "Im Gegensatz zu vielen finde ich den Verein sehr sympathisch und freue mich natürlich auch, wenn sie den Titel gewinnen." So versucht Rebecca mittlerweile sich bis zu acht Spiele im Jahr live anzusehen. "Ein teures Hobby, besonders die Reise nach München kostet viel Geld, aber im Stadion mit meinen Freunden die Spieler anzufeuern, ist einfach unbeschreiblich."

Inzwischen ist Fußball neben ihrem Beruf zu ihrer Hauptbeschäftigung geworden. "Es ist schwierig bei einem Dienstplan mit Spät-, Nacht- und Frühdienst, ein geeignetes Hobby zu finden." Denn wann sie arbeiten muss, kann sich wöchentlich ändern. "Das Einzige, was mich wirklich unglücklich macht, ist, wenn ich Weihnachten Spät- oder Nachtdienst habe. Statt einen ruhigen Familientag zu haben, gestaltet sich dieser für mich wie jeder andere Arbeitstag eher stressig. Wenn ich eine eigene Familie hätte, dann würde das Ganze natürlich noch komplizierter werden", erzählt sie, während sie für Herrn Pfau behutsam die Decken zusammenrückt und ihn mit den Worten, "Jetzt liegen Sie besser und können ein bisschen entspannen" fürs Erste verabschiedet. Die Hände sprüht sie mit Desinfektionsmittel ein und macht sich auf den Weg ins Schwesternzimmer. Von hier aus kann sie auf den Monitoren sehen, wie die Werte der Patienten verlaufen und in welcher Lage ihr Zustand am stabilsten war. Kaum hat sie sich einen Schluck Wasser gegönnt, übertönt ein Piepen das ständige Surren.

"Wenn die Klingel tönt, dann hat sich häufig ein Schlauch beim Patienten verdreht, und die Flüssigkeit gelangt nicht mehr in seinen Körper. Es ist meist nichts Dramatisches, das kann ich mittlerweile raus hören", erklärt sie. Sie trägt ihre langen dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihr Pony hängt in ihr sonnengebräuntes Gesicht. "Es ist nicht mehr so wie während meiner ersten Tage auf der Intensivstation. Da bin ich bei jedem kleinsten, ungewohnten Geräusch panisch aufgesprungen und habe ungläubig die anderen Schwestern betrachtet, wie sie sich so geruhsam verhalten konnten." Auch die ständigen Töne und der Geruch von Desinfektionsmittel stören sie wenig. "Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles."

In der neunten Klasse der Realschule hat sie ein zweiwöchiges Praktikum in den Segeberger Kliniken gemacht. Schon als Kind hat sie davon geträumt, später einmal Krankenschwester zu werden, um Menschen auf dem Weg ihrer Genesung zu begleiten. Ihre Ausbildung hat sie in Heiligenhafen in einer Psychiatrie abgeschlossen. Doch bald stellte sich heraus, dass sie sich auf der Intensivstation wohler fühlte, da sie dort mehr in Kontakt mit der Medizin kam. Auch das Arbeiten auf einer peripheren, einer sogenannten allgemeinen Station konnte sie sich nicht interessant genug vorstellen. "In meinem Beruf macht es mir am meisten Freude, wenn ich sehen darf, dass Patienten die Station auf dem Weg in die Reha oder nach Hause verlassen. Das Weaning haben wir dann erfolgreich abgeschlossen."

Diese Beatmungsentwöhnung ist ein langwieriger Vorgang, bei dem der Patient sich mit Unterstützung einer Atmungstherapeutin wieder daran gewöhnt, eigenständig zu atmen. "Die Lunge ist schließlich der größte Muskel, der sich im menschlichen Körper befindet. Wie jeder andere Muskel auch, baut dieser sich sehr schnell ab und muss dann den ängstlichen Patienten mit viel Liebe und Geduld antrainiert werden." Schwester Rebeccas große, grüne Augen blicken zur Uhr. Es ist Zeit, ihrem zweiten Patienten Blut abzunehmen und dessen Werte zu überprüfen. Vom Kohlendioxidgehalt im Blut bis hin zum allgemeinen Zustand wird alles dokumentiert.

"Auch wenn wir uns viel Mühe geben, schaffen es leider nicht alle. Sobald wir feststellen, dass die Werte eines Erkrankten immer schlechter werden und darauf deuten lassen, dass ein Leben bald zu Ende geht, bekommt er vom Arzt ein hochdosiertes Schmerzmittel angeordnet, damit sich der Tod so schmerzfrei wie möglich gestaltet." Außerdem wird die Familie gebeten zu kommen und die Pastorin, die in der Klinik tätig ist, informiert. "Mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen, wenn jemand stirbt, auch wenn ich diesen Patienten besonders ins Herz geschlossen habe. Dass die Erkrankten meistens schon älter sind, macht es für mich leichter, ihr Sterben zu akzeptieren. Wichtig ist aber, dass man den Tod nicht mit nach Hause nimmt, sonst wird man ja verrückt."

In Situationen, wo Patienten instabil werden, kann sich Stress bei den zwei bis drei Krankenschwestern, die in einer Schicht vor Ort sind, zeigen. Hin und wieder werden sie auch zum Reanimieren auf eine andere Station gerufen, ein besonders heikler Moment, in dem Ärzte und Schwestern unter Höchstspannung stehen. Heute war jedoch ein recht ruhiger Tag. Bevor der Bayern-Fan nun nach acht Stunden Arbeitszeit nach Hause fährt, findet die Übergabe mit der Nachtwache statt. Flink eilt die Schwester in den Keller und bringt ihre Arbeitskleidung in die Wäscherei. Sie kann es kaum erwarten, frische Luft zu schnuppern und in ihrem gemütlichen Pullover und der bequemen Jeans ins Auto zu steigen. "Mein Leben ist zwar nicht perfekt, aber ich bin zufrieden. Es könnte aber etwas spannender sein, und mir könnte bald mal der perfekte Mann begegnen", stellt die seit fünf Jahren in Hamburg lebende Frau schmunzelnd fest. Ihren Traumberuf habe sie allerdings gefunden. "Ich kann mir vorstellen, bis zu meiner Rente hier zu arbeiten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Beim Klingelton in Alarmbereitschaft
Autor
Lea-Sophie Zwoch
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2012, Nr. 296, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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