Acht Stunden zwischen Leben und Tod

Sechs Uhr. Schichtbeginn der Frühschicht des Rettungsdienstes in Aalen. Nachdem sich Rettungsassistent Albert Süßmuth umgezogen hat, löst er die Nachtschicht ab, die eine ziemlich stressige Schicht hinter sich hat. Er bekommt den zigarettenschachtelgroßen Funkmelder überreicht. Zuerst geht er an sein zugewiesenes Rettungsfahrzeug, wo sein Schichtpartner Tony Weireter begonnen hat, das Fahrzeug zu kontrollieren. Sie überprüfen, ob alle Geräte funktionieren, die Trage in Ordnung ist und alle Medikamente vollständig sind.

Danach gehen sie in den Gemeinschaftsraum, einige Männer genießen das Frühstück. Tönt der Funkmelder, endet die entspannte Situation. Um 6.30 Uhr ertönt der Funkmelder für Süßmuth und seinen Kollegen. Süßmuth drückt auf dem kleinen Bildschirm rechts neben dem Lenkrad die Zahl drei, damit die Leitstelle, die den Auftrag an sie weiterleitet, erkennt, dass die Besatzung startklar ist. Nun muss es schnell gehen. Auf dem Bildschirm erscheinen Informationen über Einsatzort und den Vorfall, es geht um einen internistischen Notfall. Deshalb dürfen Horn und Signalleuchte eingeschaltet werden. Die Fahrt dauert vier Minuten.

Der Rettungswagen wird von einer nervösen Person erwartet. Süßmuth drückt auf dem Bildschirm die Zahl vier, damit die Leitstelle weiß, dass die Besatzung beim Patienten eingetroffen ist. Weireter hat das EKG und den Notfallkoffer in der Hand. Zuvor hat er sich Schutzhandschuhe angezogen. Die Männer laufen in das graue Mehrfamilienhaus. Es geht zwei Stockwerke nach oben. Sie betreten eine schlicht eingerichtete Wohnung, dort liegt ein grauhaariger Mann auf einem Sofa. Die verstörte Ehefrau berichtet, dass ihr Mann zusammengebrochen ist und Schweißausbrüche erlitten hat. Nachdem die Rettungsassistenten die im Rahmen einer Notfallversorgung erforderliche Diagnostik, das heißt EKG und Blutabnahme, durchgeführt haben, stellt sich heraus, dass der Verdacht auf Herzinfarkt vorliegt.

Inzwischen ist ein Notarzt eingetroffen, da ein Rettungsassistent nur die Erstversorgung und die lebenserhaltenden Maßnahmen durchführen darf. Es wird noch schnell nach der Versichertenkarte und den Personalien gefragt. Diese werden gebraucht für den Fahrbericht. Ebenfalls wird ein Protokoll für die Klinik angefertigt. Dann wird die gelbe Trage geholt und der Patient darauf gelagert. Anschließend wird er in den rot-weißen Rettungswagen transportiert. Der grauhaarige Notarzt und Rettungsassistent Albert Süßmuth bleiben beim Patienten im hinteren Teil des Fahrzeugs. Der Fahrer drückt auf die Sieben, um anzuzeigen, dass sie zur Klinik fahren. Dort wird der Patient dem Klinikpersonal übergeben.

Die zwei Rettungsassistenten machen ihr Fahrzeug wieder startklar, drücken die Eins, fahren zur Wache und gehen in den Gemeinschaftsraum. Wie gehen sie mit der nervlichen Anspannung um? Albert Süßmuth sagt: "Im Laufe der Zeit wird vieles Routine. Jedoch gibt es immer wieder Situationen, die einen sehr belasten. Wenn dies nicht so wäre, wäre man kein Mensch, sondern eine Maschine." Der gelernte Werkzeugmacher ist durch den Zivildienst zu diesem Beruf gekommen und seit 20 Jahren beim Rettungsdienst in Aalen tätig. Einen anderen Beruf auszuüben kann er sich nicht mehr vorstellen. Schon wieder ertönt der Funkmelder: ein schwerer Verkehrsunfall. Zeitgleich mit dem Notarzt kommt das Rettungsfahrzeug am Unfallort an. Neugierige Passanten haben sich versammelt. Die zwei weiß gekleideten Rettungsassistenten treffen auf einen Motorradfahrer, der schwer verletzt ist.

Ein Autofahrer hat ihm die Vorfahrt genommen. Nun muss alles schnell gehen, um das Leben des 36-jährigen Fahrers zu retten. Während die Polizei Fotos vom Unfallort macht, werden lebensrettende Sofortmaßnahmen durchgeführt. Der Motorradfahrer wird mithilfe einer Vakuummatratze in den Wagen gebracht, wo der Notarzt ihn unter Narkose setzt. Zeitgleich wird er von Rettungsassistent Weireter beatmet. Der etwa 20-jährige Autofahrer, der den Motorradfahrer angefahren hat, sitzt auf dem Bordstein und hat einen Schock. Süßmuth hat ein zweites Rettungsfahrzeug hinzugezogen, das sich um ihn kümmert. Inzwischen ist die Frau des Verunglückten eingetroffen, sie wird von der Polizei zurückgehalten. In der Klinik warten Ärzte und Schwestern im Schockraum auf den Patienten. Später erfährt Süßmuth, dass er notoperiert werden musste und er weitere Operationen und einen langen Klinikaufenthalt vor sich hat.

An diesem Tag werden Süßmuth und Weireter zu sechs Einsätzen gerufen. Um 14 Uhr übergeben sie an die Spätschicht. "In der Urlaubszeit, oder wenn viele Kollegen krank sind, müssen wir oft eine Zwölfstundenschicht fahren", sagt Süßmuth, "und da kommt man dann mal richtig an seine Grenzen. Aus diesem Grund sollten soziale Berufe besser bezahlt werden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Acht Stunden zwischen Leben und Tod
Autor
Anna Süßmuth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2012, Nr. 296, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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