Jeden Schultag schweigend zur Kapelle

Früher mussten die Mädchen mit Hut und Handschuhen zur Kirche gehen, auch der Alltag war streng geregelt. Heute geht es auf dem Internat in Neuseeland lockerer zu, sagt Kimberley, deren Mutter schon auf dem Iona College war.

Glockengeläut ertönt. 260 Mädchen in schwarzen Röcken mit weißer Bluse, brauner Krawatte und braunem Blazer gehen aus dem gelb gestrichenen Gebäude gesittet in Richtung der kleinen Kapelle. Die Älteren auf dem höher gelegenen Weg, die anderen auf dem unteren. Keiner von den Zwölf- bis Achtzehnjährigen stürmt in das Gotteshaus hinein, alle stellen sich nach Jahrgangsstufen in einer Reihe auf. "Erst wenn wir ruhig sind, geben unsere Lehrer uns die Erlaubnis, nacheinander und vor allem schweigend die Kapelle zu betreten", erzählt Kimberley Free von ihrem Schulalltag im Iona College, einer christlichen Privatschule mit Internat für Mädchen auf der neuseeländischen Nordinsel in der Kleinstadt Havelock North. Jeden Morgen heißt es um 8.20 Uhr sammeln im Klassenraum, danach "Chapel", wie die Neuseeländer es nennen. Erst um neun Uhr beginnt der eigentliche Unterricht.

"Ich belege zurzeit die Fächer Biologie, Englisch, Mathe, senior modules, Geschichte, Kunst und wie alle Schüler dieser Schule Religion." Die Siebzehnjährige grinst, "was aber nicht bedeutet, dass wir jeden Tag beten und streng gläubig sind". Sie trägt ihre dunkelbraunen Haare streng zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre dunkel umrahmte Brille betont ihr schmales Gesicht. Durch die Uniform wirkt sie eher wie ein weitaus jüngeres Schulmädchen aus vergangener Zeit.

Nach zwei Schulstunden ist die erste große Pause erreicht. Kimberley begibt sich in den Pausenraum ihres Jahrgangs. Sie geht an prächtigen Rosenbeeten vorbei, die ganz und gar nicht an einen Schulhof erinnern. Als die Zwölftklässlerin durch die dunklen Holztüren in das Hauptgebäude, wo im oberen Geschoss die Schlafräume liegen, gehen will, hält ihr ein blondes Mädchen die Tür auf. Es wird nicht gedrängelt. "Das ist bei uns hier so, die Jüngeren müssen den Älteren Platz machen." Im Altbau wird man in eine andere Welt entführt, und das neuseeländische, relaxte Flair, das das Land beherrscht, ist ganz verflogen. Hier in diesem Gebäude von 1913 scheinen Kerzenleuchter die einzigen Lichtspender zu sein, der Boden ist mit dunklem Teppich ausgelegt, die Wände sind mit Holz verkleidet, eine Wendeltreppe führt zu den Schlafzimmern des Internats, jeder Gang ist verwinkelt. Es ist fast so wie in Harry Potters Welt. Die Schülerinnen sind auf vier Häuser verteilt, benannt nach den Gründern des Internats. "So sind wir das ganze Jahr darauf aus, genügend Punkte bei Aktivitäten wie Swimming, Athletics und Cross Country sowie anderen Aktionen für unser Haus zu sammeln, um am Ende des Schuljahres, im Dezember, den House Cup zu gewinnen." Bei diesen Worten werden einige Mädchen, die sich mittlerweile in ihrem "Common Room" eingefunden haben, aufmerksam. "Das stärkt unseren Zusammenhalt und lässt uns auch mal in Kontakt mit Schülern aus den anderen Jahrgängen kommen."

Dann geht es wie jeden Morgen um die Frage, was es zum Mittagessen geben wird. Immerhin verwöhnt ein Koch mit seinen Helfern täglich 308 hungrige Mägen mit selbstgebackenem Brot, einer Suppe und Hauptgericht. Mittags essen alle, auch die 28 Lehrer, gemeinsam in einem Speisesaal, der aussieht, als wäre er Hogwarts entsprungen. "Als ich in der zehnten Klasse auf diese Schule kam, da wusste ich überhaupt nicht, wie das werden soll", sagt Kimberley. "Zunächst konnte ich mir den Schulalltag ohne männliche Schülerschaft gar nicht vorstellen. Im Jahr zuvor bin ich nämlich in Dubai zur Schule gegangen, wo als Gesprächsthema, wie das bei 14-jährigen Mädchen so üblich ist, nur Jungs in Frage kamen." Mittlerweile weiß sie, dass dieses Thema auch auf einer Mädchenschule eine große Rolle spielt.

Für sie als Daygirl sei das Leben aber immer noch ein bisschen anders als das der "full boarders", die sich nochmals zwischen "weekly boarders", die freitags nach der Schule bis Sonntagabend nach Hause gehen, und "normal boarders", die ihre Familie nur achtmal im Jahr sehen, unterscheiden. "Ich bin froh, dass ich bei meinen Eltern wohnen kann", sagt sie. "Besonders wenn ich sehe, dass neue Internatsschüler ihr Handy erst einmal für vier Wochen abgeben und ohne Internet auskommen müssen, damit kein Kontakt zur Familie besteht, sondern man sich schnell im College einlebt." Das sei aber schon deutlich angenehmer als noch zur Schulzeit ihrer Mutter Angela. Denn damals, als die Schule nur ein Internat war, wurde den Mädchen jeglicher Kontakt mit der Familie verboten, ausgenommen Briefe schreiben und Ferienbesuche.

Aber auch nach dieser Eingewöhnungsphase haben die Internatsschüler es nicht leicht. Viele Regeln gibt es, deren Einhaltung streng von der Hausmutter kontrolliert werden, trotzdem bleiben die "Boarders" kreativ. So habe vor kurzer Zeit eine Schülerin einen Hasen bei sich im Zimmer versteckt. "Im Sommer klettern einige Mädels auch gerne zum Sonnen aufs Dach oder versuchen nachts, sich aus dem Haus zu schleichen, um ihren Freund zu treffen", sagt Kimberley. Das allerdings sei mittlerweile deutlich einfacher, da es nicht wie früher Wachhunde an den Toren der Schule gäbe.

Mittlerweile stehen die Mädchen an, um ein Stück Kuchen zu bekommen. Freudig macht Kimberley sich um 15.45 Uhr auf ihren zehn Minuten langen Fußweg nach Hause. Daheim schmust sie zunächst mit ihren Katzen, zeichnet oder guckt Fernsehen, um danach mit den Hausaufgaben zu beginnen. Auch wenn sie wie die meisten Neuseeländer eher das entspannte Leben bevorzugt, ist ihr die schulische Ausbildung wichtig. "Wenn ich im Dezember 2013 meinen Abschluss bestanden habe, den man dem Abitur gleichsetzen kann, möchte ich an der Universität in Christchurch Speechtherapy studieren, und dafür muss ich mich halt etwas anstrengen."

Dies ist auch das Ziel des Iona College, dessen Motto von "Persuing Personal Best" spricht. Da das College eine Privatschule ist, haben die Schüler das Glück, in einer Klassengröße von vier bis maximal 22 Schülern zu lernen. Kimberleys Eltern müssen im Jahr 3600 Euro zahlen, zu denen noch zweimal in der Schulzeit 1600 Euro für die Schulkleidung hinzukommen. "Für neuseeländische Verhältnisse ist das recht viel Geld, aber dafür bekommen wir auch etwas", betont Kimberley.

Bevor sie mit den Hausaufgaben beginnt, öffnet sie ihre Haare. "Das ist eine Sache, die ich total anstrengend finde, dass wir unsere Haare immer streng zu einem Zopf gebunden haben müssen." Sie verdreht ihre Augen. Da fällt ihre Mutter ihr ins Wort: "Im Vergleich zu meiner Schulzeit gibt es nichts zu beschweren. Damals mussten wir täglich nach englischen Tischmanieren essen, das heißt mit allen möglichen Messern, Löffeln und Gabeln. Außerdem mussten wir jeden Sonntag mit Hut, weißen Handschuhen und geputzten Schuhen in die Kirche gehen. Was so ziemlich das Langweiligste war, was man sich als junger Mensch vorstellen kann."

Auch die persönliche Gestaltung des Zimmers war verboten, nur ein Radio und ein Spielzeug durfte man besitzen. "Ansonsten sahen alle Zimmer einfach gleich aus, wie im Krankenhaus." Genauso waren auch Süßigkeiten untersagt, woran sich Angela allerdings wenig gehalten hat. "Das Leben im Internat war schon streng genug. Wir durften selbst in den obersten zwei Klassen nur fünfmal im Jahr für zwei Stunden in den Dorfkern gehen", was als "daily leave" bezeichnet wurde. "Und da ich es so lange ohne Süßigkeiten nicht ausgehalten hätte, habe ich den Hohlraum unter meinem Holzfußboden genutzt", lacht die 49-Jährige stolz, da ihr Versteck nie entdeckt wurde.

Für Kimberley zählt zurzeit nur, dass die Ferien bald beginnen. Trotzdem ist sie froh, auf diese Schule gehen zu können, schließlich überschreitet die Warteliste einige DIN-A4-Seiten. In diesem Jahr feiert das Mädcheninternat seinen hundertsten Geburtstag, ein Anlass, um den jetzt schon alle Gedanken der Schülerschaft kreisen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Jeden Schultag schweigend zur Kapelle
Autor
Lea-Sophie Zwoch
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2013, Nr. 1, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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