Nie landet eine Spende im Müll

Und wieder einmal stehen plötzlich 20 Säcke in der Garagenauffahrt von Familie Ihlo. Auch im Haus stapeln sich Spenden für arme Menschen in Osteuropa. Und das Rentnerpaar sortiert und sortiert, um die Not der anderen zu lindern.

Die Menschen sind in ihren Anlagen alle gleich, nur die Verhältnisse machen den Unterschied." Dieser Satz von Georg Christoph Lichtenberg schmückt die weiße Wand im Wohnzimmer des Ehepaars Ihlo. Renate Ihlo zeigt einen Zeitungsartikel. Er ist vom 15. Oktober 2003 und handelt von einer Spendenaktion einer Hauptschule in Kaltenkirchen für bedürftige Letten. "Ich hatte schon vorher von Direkttransporten in Länder wie Lettland gehört, aber erst dieser Artikel hat mich so gerührt, dass ich mich sofort mit einer Paketstation in Verbindung setzte. Dort wurden wir natürlich herzlich begrüßt und mit Freude in die Helfergemeinschaft aufgenommen."

Schon zuvor hatte die heute 72-Jährige immer mal wieder einige Säcke voller Altkleider zu Annahmestellen gebracht. Doch seit neun Jahren engagiert sich das Ehepaar für die Internationale Paketaktion Ost, die schon mehr als 320 000 Tonnen Hilfsgüter transportiert und verteilt hat. Werner Matutat rief die Organisation 1972 ins Leben und wurde 2002 mit dem Anerkennungspreis des Hamburger Bürgerpreises ausgezeichnet. Das Ehepaar Ihlo gehört zu den ehrenamtlichen Helfern, auf die sich die Organisation stützt. Ihr ganzes Haus in Schackendorf im Kreis Segeberg dient als Sammelstation - überall stehen Kartons und Säcke. Bereits beim Eintreten stolpert man fast über einen Sack mit Altkleidern, neben dem sich Kaffeekannen, Decken und was man sonst zum alltäglichen Leben braucht häufen. Ein buntes Chaos auch auf der Terrasse. Vor dem Fenster trägt ein Wäscheständer frischgewaschene Altkleider.

Die wahre Leidenschaft der Ihlos für das Sammeln offenbart sich vor allem in der Garage. Hier fängt Renate Ihlos Arbeit an. "Ich sortiere die Kleidung nach Frauen, Männern, Kindern und Schuhen und packe diese dann in Kartons." Das Ehepaar sammelt auch Spielsachen, über die sich die Kinder freuen, auch haltbares Essen wird verschickt. In der Garage findet man Geschirr, Gardinen und Schulranzen. Regelmäßig fährt das Ehepaar Supermärkte ab, um große Bananenkartons mitzunehmen. Die sind besser geeignet für den Transport, denn die gelben Säcke, in denen die meisten ihre Altkleider vorbeibringen, reißen schnell. Renate Ihlo freut sich, dass so viele Spender den Weg zu ihnen finden. "Es sind wirklich sehr unterschiedliche Leute, die bei uns vorbeikommen. Manche nehmen auch eine längere Anfahrt in Kauf. Sie haben von uns gehört und wissen wohl, dass unsere Hilfe auch ihr Ziel erreicht."

Es ist ihr anzumerken, dass sie für ihre Arbeit kein Dank oder Lob erwartet. "Die meisten kommen nicht regelmäßig, sondern nur, wenn sie gerade mal wieder ihren Kleiderschrank durchsortiert haben. Plötzlich stehen da manchmal zwanzig Säcke in der Auffahrt." Heute ist so ein Tag. "Ich habe meinem Mann Wolfgang schon gesagt, wenn er nachher nach Hause kommt, kann er leider nicht in die Garage fahren", sagt sie lächelnd. Dort sammeln sich nämlich Säcke bis unter die Decke. Die pensionierte Versicherungskauffrau weiß, dass die meisten das spenden, was sie sonst wegwerfen würden. Trotzdem ist die Kleidung meist in einem tadellosen Zustand. Sie weiß, dass die Menschen dort auch mit kaputten Kleidern noch etwas anfangen können. "Selbst die Stoffe an sich haben schon einen unglaublichen Wert." Das ist der Grund, warum nie eine Spende im Müll landet.

Ganz anders sieht es bei uns aus. "Wir leben heute in so einem großen Überfluss. Wir haben eine ganz andere Grundeinstellung und werfen weg, was uns nicht mehr gefällt, weil etwas Neues produziert wird. Deshalb ist es doch aber nicht unbrauchbar." Diese Verschwendung regt sie auf. "Wir hatten 26 Jahre lang zwei Hunde und so lange habe ich auch zum Gassigehen immer die gleiche Winterjacke getragen. Warum sollte ich es auch nicht tun? Ich hab nie einen Grund gesehen, eine neue zu kaufen, weil sie ja immer noch wärmte", erinnert sie sich kopfschüttelnd. Die selbstbewusste alte Dame ist emotional aufgewühlt. "Alle wollen immer mehr Luxus, aber ich vermisse nichts. Wir wollen keine Kreuzfahrten oder teure Kleidung und sind mit unserer Rente vollkommen zufrieden."

Die Ziele in Osteuropa sind immer unterschiedlich. Von Rumänien bis nach Litauen und Weißrussland fahren die LKW mit den Kleidern der Internationalen Paketstation Ost. "Wenn die oft nur wenig getragenen Klamotten noch mal einen neuen Besitzer finden, werden sie wenigstens endlich aufgetragen. Wer gibt heute noch eine Bluse weg, weil sie wirklich gerissen ist?" Mehr als 12 Millionen Kilometer haben die LKW mit den Kartons schon zurückgelegt, um Menschen in Kinder- und Altenheimen, aber auch Familien ein wenig Last von den Schultern zu nehmen. "Wir können uns das gar nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen manche Leute dort leben. Die Familien sind groß, und oft ist das Geld so knapp, dass es gerade einmal reicht, um den Hunger zu stillen. Da bleibt für Kleidung und andere für uns alltägliche Gegenstände wie zum Beispiel Matratzen kein Geld." Wie fühlt es sich an, wenn man auf dem kalten harten Boden schlafen muss? Wenn man sieht, wie die Eltern jeden Cent umdrehen, um ihre Kinder zu ernähren? Renate Ihlo weiß, dass sie allein die Situation nicht ändern kann, aber sie kann helfen, sie ein klein wenig zu verbessern. Sie selbst ist noch nie in einem der Länder gewesen. Zu groß ist doch ihre Angst vor dem, was sie dort erwarten würde. "Ich möchte diese Armut nicht mitansehen."

Nachdem die Kartons fertig sortiert sind, muss das Ehepaar warten, bis Werner Matutat sie mit seinem Lieferwagen abholt. Alles wird verladen, die Organisation sorgt dafür, dass die Spenden ihr Ziel erreichen. Sie hat Kontakte zu Speditionen, die die Kartons ehrenamtlich fahren. Meist nehmen sie diese auf ihrem Rückweg mit, nach dem sie ihre eigentliche Ladung abgeliefert haben. Wenn die erste Hürde geschafft ist, sorgen die dortigen Kirchengemeinden für den Rest. "Wir schenken ihnen unser Vertrauen. Alle wissen genau, dass, wenn die Pakete nicht mehr ankommen, der schlechte Ruf vorauseilt und niemand mehr Hilfe erhält."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nie landet eine Spende im Müll
Autor
Lea Stahl
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2013, Nr. 7, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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