Abends sucht er im Abfall

Die Straßenlaternen leuchten nur schwach, viele sind defekt. Der Schein der Fahrradlampe ist nur wenige Meter weit zu erkennen, es ist dunkel und kalt an diesem Freitagabend in Hamburg-Wandsbek. Vor mehr als einer Stunde hat auch der letzte Supermarkt geschlossen, die Mitarbeiter sind mittlerweile verschwunden. "Das ist die Grundvoraussetzung zum Containern", erklärt Max Reims (Nachname geändert). Der 53 Jahre alte, grauhaarige Mann sammelt aussortierte Produkte aus den Abfallbehältern von Supermärkten ein, um sie weiterzuverwerten. Drei- bis viermal in der Woche fährt Reims auf seinem Rad, bepackt mit zwei Satteltaschen und einem Fahrradanhänger, eine bis zu vier Stunden lange Tour durch Wandsbek. Die Strecke umfasst bis zu zwölf Supermärkte, bei denen er mit seinen bloßen Händen und einem Greifarm Verwertbares aus den Mülltonnen einsammelt.

Vor vier Jahren hatte Max Reims einen schweren Fahrradunfall, nachdem ihm die Vorfahrt genommen worden war. Seitdem humpelt er und ist wegen der starken Schmerzmittel arbeitsunfähig. Er lebt in einer Sozialwohnung und bezieht Hartz IV. "Das Arbeitslosengeld reicht gut zum Leben", versichert er, aber durch das Containern könne er fast vollkommen auf das Einkaufen verzichten. "Nur noch ganz spezielle Zutaten wie Gewürze oder Hefe muss ich gelegentlich zukaufen. Diese findet man schlichtweg zu selten." Seinen Mitbewohnern und Freunden bringt er Lebensmittel von seinen nächtlichen Touren mit. "Nur zehn Prozent von dem, was ich beim Containern finde, benötige ich selbst, alles andere wird verschenkt." Die Bekannten freuten sich stets. Eine Bekannte sagt, dass man sich die Produkte eben genau anschauen müsse, aber nichts anderes tue man sowieso auch im Supermarkt. Sie sehe also keine Gefahr.

"Jeder Abfallcontainer ist eine neue Überraschung, man weiß nie, was einen erwartet. Manche stinken, weil die Lebensmittel schon verfault sind, in andere werden von den Supermarktmitarbeitern noch brauchbare Lebensmittel in Kartons gelegt. Darüber freue ich mich dann natürlich immer riesig." Eines haben jedoch alle Abfallbehälter gemeinsam: Unmittelbar vor der Leerung sind sie randvoll. Meist durcheinander liegen Tomaten und Gurken, aber auch viele eingeschweißte Produkte wie Süßwaren.

Meistens findet Reims zu viele brauchbare Produkte vor, als dass er sie alle mitnehmen könnte. "Ich achte stets darauf, immer nur so viel mitzunehmen, wie meine Abnehmer und ich auch verwerten können." Nach jeder Tour sei er stets wieder verwundert, was weggeworfen wird. Schon leichte Druckstellen reichen aus, um kiloweise Bananen wegzuwerfen. "Im Laden soll immer alles perfekt aussehen, da passt es eben nicht ins Bild, wenn Bananen braune Stellen haben, geschmacklich gibt es aber keinen Unterschied. Es würde mich freuen, nicht mehr Containern gehen zu können, weil die Supermärkte ihre Produkte auch in geringfügig schlechteren Zuständen verkaufen würden." Bei Fleischprodukten ist er allerdings vorsichtig. "Dafür ist mir aber auch in den fast drei Jahren, die ich jetzt schon Containern gehe, noch nie etwas passiert." Übrigens ist Containern in Deutschland anders als in Österreich und der Schweiz verboten und kann eine Strafanzeige zur Folge haben. Die Begegnungen mit Polizisten und Sicherheitsleuten verliefen bisher fast immer positiv, solange man den Ort wieder sauber verlasse und keine Schäden verursache. "Einige Filialleiter informieren mich sogar, wenn mal wieder etwas Besonderes in den Müllcontainern wartet", sagt Reims.

Informationen zum Beitrag

Titel
Abends sucht er im Abfall
Autor
Till Böhme
Schule
Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium , Quickborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2013, Nr. 7, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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