Das Straßenmagazin gibt es auch im Abo

Am Rheinufer vor der gewaltigen Aurora-Mühle und gegenüber der glänzenden Fassaden des Kölner Rheinauhafens liegt die Oase. Im ersten Stock des zweigeschossigen Hauses befindet sich die Wasserschutzpolizei. Die Tür im Erdgeschoss steht offen. Dennoch klingeln immer wieder Leute, unsicher, ob sie eintreten dürfen. "Die Oase bietet sozial Schwachen und Wohnungslosen ein zweites Zuhause und einen Zufluchtsort. Die Betroffenen bekommen hier professionelle Hilfe und können zum Beispiel duschen oder die Kleiderkammer nutzen", sagt Christina Bacher, die seit sechs Jahren für die Oase arbeitet. Die 39 Jahre alte Journalistin trifft sich mit einigen freien Autoren und Fotografen zur monatlichen Redaktionssitzung des Straßenmagazins "Draussenseiter".

Immer dabei ist der harte Kern, der aus zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern besteht, doch jedes Mal stoßen neue hinzu. Die Gruppe, die sich im "Offenen Treff" der Oase versammelt, eine Mischung aus Café und Gemeinschaftsraum, ist wieder bunt gemischt. Barbara Feltens ist gerade mit ihrem Studium fertig geworden, sie liest die Zeitung jeden Monat Korrektur und feilt an ihrer Schreibe. Elisabeth Monitor ist mit ihren 84 Jahren die Älteste und reicht ihre Artikel auf Kölsch handschriftlich ein. Günter erzählt stolz, dass er eines der Gründungsmitglieder der Straßenzeitung ist. Für den 41-Jährigen ist die Redaktionsarbeit inzwischen zum Lebensinhalt geworden.

Im vergangenen Jahr feierten die "Draussenseiter" ihr zwanzigjähriges Bestehen. Damit ist sie eine der ältesten Straßenzeitungen Deutschlands und kann auf viel prominente Unterstützung zurückgreifen. Die Zeitung erzählt von den Menschen der Straße und wird von ihnen und anderen sozial Schwachen verkauft. Wer Verkäufer werden möchte, bekommt einen Ausweis und erhält einmalig ein Startkapital von fünf Zeitungen. Alle weiteren Exemplare muss der Verkäufer für 80 Cent erwerben, verkauft dieses Heft dann wiederum für 1,70 Euro. "Uns ist wichtig, dass die Zeitung auch verkauft und gelesen wird. Sie soll kein Mittel zum Betteln sein", erklärt Christina Bacher. Es sei keine wirkliche Einkunft, eher ein Taschengeld, aber die Verkäufer seien stolz auf ihre Arbeit und erhielten oftmals positives Feedback der Passanten und Trinkgeld.

In der Redaktionssitzung wird viel erzählt und gelacht. Kritisch wird die letzte Ausgabe reflektiert. Besonders auf die Bilderserie der Streetfotografen sind sie stolz. Neue Ideen und Themen werden vorgeschlagen. Die Zeitung ist bunt, ansprechend und besteht aus Reportagen, Porträts und Artikeln, aber auch Kurzgeschichten und Illustrationen. In der Jubiläumsausgabe wurden die Verkäufer in Porträts vorgestellt.

Interviews werden geplant, Termine werden besprochen. Da die meisten Mitglieder tagsüber arbeiten oder studieren, sollen weitere Treffen an den Abenden stattfinden. Herbert Linne beispielsweise - selbst jahrelang auf der Straße zu Hause und jetzt sesshaft geworden - ist seit eineinhalb Jahren dabei und möchte einen berühmten Architekten interviewen. Es wird überlegt, ob ihn einer der Fotografen unterstützen soll. Günter möchte bald eine neue Kurzgeschichtenserie beginnen.

Stolz erzählt er nach dem Treffen seine eigene Geschichte und wie er es weg von der "Platte" und vom Alkohol geschafft hat. Dass auch er einen vernünftigen Beruf erlernt habe, verheiratet gewesen sei, ein normales Leben geführt habe. Er erinnert sich genau, wie er eines Tages von der Arbeit kam und seine Frau mit seinem besten Freund erwischte. Die Situation eskalierte, er kam für kurze Zeit ins Gefängnis, wurde arbeitslos, alkoholabhängig und später obdachlos. Irgendwann kam er zur Oase. "Hauptsächlich wegen des Essens", gesteht er. Seinen Lebenswillen hatte er fast verloren. "Eines Tages saß ich dann neben einem alten Obdachlosen. Sein eines Bein war schon am Faulen", sagt Günter. "Da sagte er zu mir, dass ich ja noch jung sei und zurückkönne. Er aber nicht mehr. Aber ich hätte noch eine Chance."

Nach dieser Begegnung hat Günter eine Kehrtwende in seinem Leben gemacht und es auf abenteuerliche Weise auch irgendwie geschafft. Inzwischen ist er seit zwanzig Jahren trocken und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", sagt er stolz. Im Juni 1992 haben er und andere Wohnungslose mit der Unterstützung des Obdachlosen-Seelsorgers Karl-Heinz Kreutzmann die Straßenzeitung als "Bank-Express" gegründet, als "Bank Extra" wurde sie weitergeführt und schließlich wurde auf Anregung vieler Verkäufer nach der 100. Ausgabe mit "Draussenseiter" ein neuer Name gefunden. Von kleinen, kopierten Din-A5 Ausgaben haben sie sich hochgearbeitet. Heute wird sie im üblichen DIN-A4-Format vierfarbig in einer 3000er-Auflage gedruckt. Inzwischen kann man ein Abonnement erwerben. Trotz Zuschusses der Stadt und einiger Werbeanzeigen trägt sich die Straßenzeitung nur knapp.

Günter, der keiner geregelten Arbeit nachgeht, ist unter seinem Künstlernamen "der kleine Günter" mit einer Serie schon fast etwas berühmt geworden. Auf seine Folgen warten die Leser gebannt: Die Geschichte handelt von einem anonymen Rächer, der der Polizei unter die Arme greift. Kommissar Meyer, der neben dem Greifer die Hauptrolle spielt, sei auch in Wirklichkeit der Polizist, der ihn damals verhaftet habe, erklärt Günter lachend. Aber dieser sei mit dem neuen literarischen Ruhm einverstanden. "Ich habe schon Unmengen neue Ideen. Wir werden von Ausgabe zu Ausgabe besser."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Straßenmagazin gibt es auch im Abo
Autor
Laurine Jüttner
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2013, Nr. 7, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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