Es ist fast schon uncool, nicht feiern zu gehen

Flackernde, farbige Lichter, der Geruch verschiedener Parfums liegt in der Luft, laute Musik, der Bass lässt den Boden erzittern, ein Raum voller tanzender Menschen. Die Atmosphäre einer Diskothek zieht junge Leute zwischen 18 und 26 Jahren an. Aber auch für unter 18-Jährige werden immer häufiger spezielle Partys angeboten. So erlaubt zum Beispiel die Diskotheken-Kette Funpark freitagabends von 20 bis 24 Uhr den Einlass ab dem Alter von 16 Jahren.

"Es ist fast schon uncool, freitag- und samstagabends nicht feiern zu gehen", sagt eine 18 Jahre alte Schülerin aus Siegburg schulterzuckend. Sie selbst ist eine regelmäßige Diskotheken-Besucherin. "Ich will eigentlich nur tanzen", lacht sie. Doch viele der Stammgäste sehen das ganz anders: "Freunde treffen" oder auch "Weiber abschleppen" und "billig saufen" sind häufige Antworten auf die Frage nach dem Grund ihres Besuchs.

Manche unter 18-Jährige, die trotzdem in die Diskothek Rheinsubstanz in Bad Honnef wollen, zeigen einen falschen Personalausweis einer älteren Person vor. Vor dem Eingang steht das Security-Personal, in der Regel muskulöse und breite Männer in dicken Bomberjacken, die ihre Erscheinung imposanter machen. "Die Ausweise, bitte!" Eine Gruppe von vier verunsicherten Mädchen in schwarzen Miniröcken und High Heels kramt in ihren Täschchen nach ihrem Personalausweis, mindestens zwei von ihnen sind noch lange nicht 18 Jahre alt. Das erkennen auch die Türsteher sofort. Die zwei werden beiseite gebeten und sollen zum Vergleich ihre Unterschrift vorzeigen, während sich das Security-Personal über die Situation lustig macht. Die Unterschriften stimmen nicht überein, die beiden Mädchen konnten die Türsteher nicht überzeugen und werden aufgefordert zu gehen. Schon ist die nächste Gruppe Gäste im Anmarsch, diesmal sind es fünf junge Männer, einfach in Jeans und T-Shirt gekleidet. Einer von ihnen trägt ein Sakko mit Hemd darüber. Lässig zeigen sie ihre Ausweise, sie haben nichts zu befürchten.

Schon am Eingang ist die Musik deutlich hörbar. Das DJ-Pult ist direkt neben der Tanzfläche aufgebaut, Boxen schmücken die Wände. Der Discjockey versteckt sich hinter drei nebeneinanderstehenden Laptops mit dem eingravierten Symbol des angebissenen Apfels. Die Musik wird häufig aus den aktuellen Hits der Charts zusammengemixt, doch auch Klassiker wie Rednex' "Cotton Eye Joe" werden häufig mit Techno-Rhythmus unterlegt und gespielt.

Bei der Lautstärke fällt es schwer, sich zu unterhalten, die Gäste rufen sich gegenseitig direkt ins Ohr, wenn sie sich verständigen möchten. Aber auch ohne Worte kann man eine Botschaft vermitteln: Ein Mädchen tippt ihrer Freundin auf der Tanzfläche auf die Schulter und zeigt auf das leere Glas in ihrer Hand. Diese hat sofort verstanden, und Hand in Hand drängen sich die beiden durch zur Theke, um sich ein neues Getränk zu bestellen.

Die Mädchen auf der Tanzfläche sind aufgebrezelt, quetschen die Füße in High Heels und tragen enge, figurbetonte Kleidung, zeigen nackte Haut. Beim Tanzen wird geschüttelt, was frau hat, und verführerisch mit dem Po gewackelt, um den Männern im Raum zu gefallen. Statt gesittetem Paartanz, wie man ihn aus den Anfangszeiten der Diskothek kennt, ist rhythmisches Hüfte-aneinander-Reiben angesagt. Die sexuelle Spannung ist spürbar.

Exzessiver Alkoholkonsum darf in der Party-Szene natürlich nicht fehlen, man trinkt sich Mut an, bevor man sich traut zu tanzen. Wenn die Getränke in der "Disse" zu teuer sind, trifft man sich zum sogenannten "Vortrinken". Aber auch durch Veranstaltungen, bei denen spezielle alkoholische Getränke billiger als gewöhnlich angeboten werden, werden "Party-People" in die Diskotheken gelockt. Bei einer Wodka-Energy-Party bezahlt man für ein Wodka-Energy-Mixgetränk nur 99 Cent, während der Preis für ein Mineralwasser drei Euro beträgt.

Auch das "Abschleppen" wird unter Alkoholeinfluss erleichtert. Ulrike Mader, Inhaberin mehrerer Diskotheken im Raum Bonn, betont, dass im Vergleich viel häufiger Frauen als Männer im betrunkenen Zustand vom Security-Personal hinausbegleitet werden müssen. "Sie vertragen weniger und haben oftmals vorher nichts gegessen", sagt die blonde Mittdreißigerin. Oft wird auch vor sogenannten Date-Rape-Drogen, auch K.-o.-Tropfen genannt, gewarnt, die in ein kurz unbeaufsichtigtes Getränk gemischt werden können. Leider ist übermäßiger Alkoholkonsum in der Wirkung auf den ersten Blick nicht von dem Einfluss solcher Drogen zu unterscheiden. Daher ist es nicht möglich, genau zu bestimmen, wie häufig Gebrauch von K.-o.-Tropfen gemacht wird. Als Schutz davor bleibt nur, das Getränk nicht unbeaufsichtigt zu lassen oder bestenfalls direkt auszutrinken.

"Natürlich ist es ein heikles Geschäft: Wir verkaufen Alkohol. Der Erste wird dadurch lockerer, der Zweite wird ruhiger, und ein Dritter wird vielleicht aggressiv", sagt Ulrike Mader. Es ist kaum möglich, dies zu unterbinden, daher ist es Aufgabe des Security-Personals, manchen Personen oder Gruppen, die nicht friedfertig wirken, den Einlass zu verweigern. Allerdings wird aggressives Verhalten immer häufiger auch bei Frauen beobachtet.

Constantin Bonn, Hausmeister einer der von Ulrike Mader betriebenen Diskotheken, zeigt auf eine Narbe oberhalb seiner rechten Augenbraue, die er dem Ring an der Faust eines weiblichen Gastes zu verdanken hat. Diese hatte den Preis für ihren Aufenthalt nicht bezahlen wollen, da die Bezahlung häufig durch ein neues, unübersichtliches Chipkartensystem festgelegt wird. Beim Betreten der Diskothek wird eine solche Karte ausgehändigt. Darauf werden Preise für gekaufte Getränke und die Benutzung der Garderobe vermerkt und beim Ausgang summiert, so dass der Gast bezahlen kann. Konflikte entstehen, wenn solche Karten verlorengehen oder Gäste bestreiten, für den vermerkten Betrag getrunken zu haben. Allerdings enthalten die Chipkarten meistens einen Grenzbetrag, so dass der Kunde nicht für mehr als 50 Euro Getränke kaufen kann. Dadurch ist die Gefahr der Verschuldung eingegrenzt.

Gegen 5 Uhr morgens spätestens leert sich die Rheinsubstanz allmählich. Die Gäste gehen zur Garderobe, bezahlen und warten draußen auf ihr Taxi. Eine Frau packt sofort beim Ausgang ein zweites Paar bequemere Sneakers aus ihrer Tasche. Mit einem erleichterten Seufzen schlüpft sie hinein und murmelt "Scheiß-High-Heels". Ihre Begleitung hatte diese Idee nicht gehabt. Auf die Schulter ihrer Freundin gestützt, humpelt sie auf den hohen Schuhen auf das Taxi zu. Schick betreten sie die Diskothek, zerzaust und erschöpft verlassen die jungen Menschen sie wieder. "Wir müssen das Leben genießen, solange wir jung sind", meint die 18 Jahre alte Besucherin, während sie lässig die braunen Haare zurück-streicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Es ist fast schon uncool, nicht feiern zu gehen
Autor
Ingken Knöpfler
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2013, Nr. 13, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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