Hart am Ball bleiben

Damals flog die gelbe Filzkugel übers Netz. 8000 Zuschauer verfolgten den Showkampf von Michael Stich und Boris Becker in Magdeburg. Mittendrin ist der kleine Ralf, der im Vorprogramm spielen darf. "Seitdem wusste ich, dass ich Profi werden will", sagt er. Heute, mit 20 Jahren, ist Ralf Steinbach auf dem besten Weg, sein Ziel zu erreichen. Während der gebürtige Hallenser von seinem Leben als angehender Tennisprofi erzählt, erholt er sich im Clubhaus vom TC Sandanger in Halle an der Saale von der ersten Trainingseinheit.

In der Woche trainiert er 20 bis 24 Stunden bei seinem Vater, der ebenfalls Ralf heißt. "Natürlich ist das manchmal hart, aber man muss für seine Ziele arbeiten. Außerdem sind mein Papa und ich ein eingespieltes Team und schaffen es so, das Beste aus mir rauszuholen. Natürlich gibt es auch manchmal Stress", sagt der blonde junge Mann grinsend. "Doch was auf dem Platz ist, bleibt auf dem Platz und findet nicht den Weg an den Esstisch." Seit Ralfs viertem Lebensjahr sind sie ein Erfolgsgespann. "Mit meinem Papa sollte man sich auch lieber nicht anlegen", lacht er und deutet auf seinen Vater.

Als ehemaliger Wasserballer wirkt dessen Statur tatsächlich einschüchternd. Er ist groß, kräftig und breitschultrig. "Obwohl er oft sehr streng ist, weiß ich, dass er meinen Traum genauso lebt wie ich. Wir gewinnen zusammen, und wir verlieren zusammen." In der Tat richtet sein Vater seinen kompletten Tagesplan nach seinem Sohn.

Ralf hat Abitur auf dem Sportgymnasium in Halle gemacht. Er sei "sowohl Träumer als auch Realist", deshalb ist es ihm wichtig, eine Absicherung zu haben. Das Gefühl, viele Opfer bringen zu müssen, hat er nicht, sondern glaubt sogar, mehr erleben zu können. Die Turnierreise nach Südafrika hat ihn bisher am meisten fasziniert. Dort war er noch auf der Jagd nach Punkten für die Jugendweltrangliste bis achtzehn Jahre, wo er es immerhin bis auf Rang 116 gebracht hat. Nachdem er den Einstieg in die Weltrangliste der Herren geschafft hat, arbeitet er sich dort Stück für Stück vor und ist kurz davor, die Marke der Top 1000 zu schaffen. "Oft sieht man leider nur das, was einem auf dem Weg vom Hotel zur Tennisanlage begegnet, aber dort war zum Beispiel die immer noch vorhandene Rassentrennung von Schwarz und Weiß auch für mich sehr offensichtlich. Als mein Vater eine Nacht im Krankenhaus verbringen musste, war auffallend, dass alle Ärzte weiß waren und die Schwestern oder Putzkräfte dunkelhäutig."

Meist reist er allein. "Das ist manchmal ein bisschen langweilig und einsam. Andererseits sammle ich viele Erfahrungen, werde selbständiger und aufgeschlossener. Trotzdem wäre es schön, manchmal jemanden dabeizuhaben." Dies ist aus finanziellen Gründen nicht möglich. Ohne die Unterstützung seiner Familie wäre der ganze Aufwand ohnehin nicht machbar. "Alle stehen hinter mir und glauben an mich, aber sie machen mir keinen Druck." Der Einzige, der ihm Druck macht, ist er selbst. "Natürlich weiß ich, dass meine Familie und vor allem meine Eltern viel opfern müssen, um mir meinen Traum zu ermöglichen, deshalb will ich sie nicht enttäuschen."

Falls es nicht klappen sollte, hat Ralf einen Plan B. Für ihn käme ein Management-Studium in den Vereinigten Staaten in Frage, doch er könnte sich auch vorstellen, zur Polizei zu gehen. In seiner Freizeit interessiert er sich für Ballsportarten. Er hat von 15 bis 17 Jahren in der Landesauswahl Sachsen-Anhalts Handball gespielt. Dann wurde die Zeit zu knapp, und er hat sich fürs Tennis entschieden. Ausschlaggebend war auch, dass seine Schwester Lydia ebenfalls eine ehemalige Profispielerin ist. Da ruft sein Vater nach ihm. Ralf macht sich im Laufschritt auf den Weg zum Platz, den er seit Jahren tagtäglich betritt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hart am Ball bleiben
Autor
Luise Intert
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2013, Nr. 19, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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