Mit leichtem Zischen löst sich die Sehne

Es weht ein rauher Wind, als das Startsignal ertönt. "Tuut Tuut." Knapp 60 Bogenschützen treten an die Schießlinie. Unter ihnen Junge und Ältere, Anfänger sowie Profis, die schon etliche Erfolge aufweisen. Hier und da klimpern Medaillen, die an den Pfeilköchern festgemacht sind. Von Gold bis Bronze glitzern sie im schwachen Sonnenlicht, das durch die dichte Wolkendecke bricht. Durch ein Mikrofon wünscht der Kampfrichter trotz der windigen Wetterbedingungen "Alles ins Gold". Obwohl seine Stimme kaum hörbar vom Wind davongetragen wird, gibt es Applaus. Die Bezirksmeisterschaft im Bogenschießen 2012 auf dem Schützenplatz mit Schießlinie und Platz für 27 Strohscheiben in Wendisch Evern bei Lüneburg kann beginnen. Nach zwanzig Sekunden erfolgt ein weiteres "Tuut", und die Digitalanzeige zählt herunter von 240 Sekunden.

"Da bleiben einem also theoretisch vierzig Sekunden pro Pfeil, denn in der Außensaison werden sechs Pfeile pro Durchgang geschossen", sagt Lutz Müller, der seine zwei Töchter seit mehreren Jahren auf jeden Wettkampf begleitet. Er positioniert sich hinter seiner jüngeren Tochter Ina und beobachtet ihre Ergebnisse durch ein Fernglas. Das große blonde Mädchen nimmt in der Jugendklasse teil und schießt auf eine Entfernung von 60 Metern. "Das braucht ganz schön viel Übung, bis man endlich trifft, wenn die Scheibe so weit weg steht", sagt die 14 Jahre alte Schülerin später seufzend. Locker bringt sie ihren ersten Schuss hinter sich. Der zweite muss etwas warten. Es ist zu windig, um einen Schuss zu riskieren. Still steht sie an der Linie und ist nicht die Einzige, die ihren Bogen absetzt und wartet, bis die Windböen sich gelegt haben. Doch die Uhr läuft, Ina beeilt sich.

Sie zieht einen Pfeil aus dem blauen Köcher, der an ihrem Gürtel hängt. Nun hebt sie ihren linken Arm, in dem sie ihren brombeerfarbenen Bogen hält, und zieht mit ihrer rechten Hand langsam die Sehne bis zu ihrer Nase. In dieser Position verweilt sie einen Augenblick, um sorgfältig durch das Visier zu zielen. Ihr Körper ist ebenso gespannt wie ihr Bogen, auf dem 24 Pfund lasten. Nicht nur die Arme werden hier gebraucht, auch die Beine müssen einen festen Stand garantieren. Mit einem leichten Zischen löst sich die Sehne aus der Hand der Schützin. Diese schnellt nach vorn und katapultiert den Pfeil in Richtung Strohscheibe. Nur durch das Fernglas kann man zusehen, wie Inas Pfeil mit den violetten Federn im äußeren von drei gelben Kreisen aufkommt und stecken bleibt. Ansonsten ist nur ein leichtes Klacken zu hören.

Als die Zeit abgelaufen ist und das Signal zweimal über den Sportplatz ertönt, hat Ina alle sechs Pfeile im guten Bereich plaziert. Nun tritt eine zweite Gruppe an die Startlinie. Ina stellt ihren Bogen auf einem Bogenständer ab und zieht sich einen Pullover über. "So einen starken Wind hatten wir, glaube ich, noch nie", sagt sie. "Man muss all seine Kraft aufbringen, damit einem der Bogen nicht aus der Hand gerissen wird. Dazu kommt noch, dass wir extremen Rückenwind haben. Also muss ich mich jedes Mal dagegen lehnen. Ich hoffe so sehr, dass mein Ergebnis heute trotzdem gut ist. Schließlich will ich ja auch die Quali für die Landesmeisterschaft schaffen. " Als die Anzeige diesmal auf null umspringt und ein dreifaches "Tuut" zu hören ist, setzen sich alle in Bewegung und laufen zu den bis zu 70 Meter entfernten Zielscheiben.

Doch von vielen Teilnehmern sind nicht alle Pfeile auf der Zielscheibe gelandet. Sie beginnen mit der Suche im Gras. Solche Schüsse werden auf dem Schießzettel als "Mistake" gekennzeichnet. Jeder Scheibe wird so ein Zettel zugeteilt, auf dem die Ergebnisse schriftlich festgehalten werden. Hierbei wird alles zur Kontrolle von einem zweiten Schreiber übernommen, ansonsten wird von den Schützen höchste Ehrlichkeit erwartet. In dicken Jacken schlurfen die Schützen durch das feuchte Gras. Gruppen aus jeweils vier Schützen sammeln sich um die Scheiben. Einer nach dem anderen sagt seine Ergebnisse an. Die Kugelschreiber kratzen über das feucht gewordene Papier.

In der ersehnten Pause sind alle zu heißen Würstchen und Kuchen eingeladen. Bevor es wieder losgeht, überprüfen alle noch einmal die Einstellung ihres Bogens. "Damit der Pfeil immer gleich fliegt, muss zum Beispiel die Spannung der Sehne auch immer gleich sein", erklärt ein Vater, der seinen Unterstand direkt neben Ina aufgebaut hat. "Viele setzen dabei aber auch auf beste Qualität. Für so einen Recurvebogen mit Visier und Stabilisatoren werden schon mal mehr als 200 Euro ausgegeben. Es gibt sogar Compoundbögen, die mit einer Art Flaschenzug den Pfeil ziehen. Mittlerweile schießen aber auch viele wieder traditionell. Das heißt, mit einem Blankbogen ohne Zielvorrichtung. Das ähnelt dann etwas dem allbekannten Bild des Robin Hood."

Es ist kalt, Regen prasselt. Doch nach 120 Schuss ist es geschafft, und alle versammeln sich mit Kaffee und Tee um das Siegertreppchen. Die Sieger werden ausgiebig beklatscht. Auch Ina steht heute hier und strahlt. Sie hat den zweiten Platz erreicht. "Solche Tage machen immer Spaß, aber man ist auch froh, wenn sie vorbei sind", sagt Ina lächelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit leichtem Zischen löst sich die Sehne
Autor
Hanna Schubert
Schule
Gymnasium Oedeme , Lüneburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2013, Nr. 19, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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