Das rollende Klassenzimmer

Der Nachwuchs des Zirkus Delmonde besucht die "Schule für Kinder beruflich Reisender". Der Unterricht vermittelt die Grundtechniken und Vertrauen ins Lernen.

Gelbe Zirkus- und Wohnwagen und ein lila Auto stehen auf einer Rasenfläche neben dem Aldi Süd. Dort hat der Zirkus Delmonde in Frankfurt-Zeilsheim sein Lager aufgeschlagen. Ein weißer Kleinbus nähert sich. Er trägt in grünen Lettern die Aufschrift "Schule für Kinder beruflich Reisender". Elke Kürth-Landwehr steigt aus dem Führerhaus und klappt eine Treppe an der Rückseite aus. Diese führt in einen fahrbaren Klassenraum. An der Wand zum Führerhaus hängt eine weiße Tafel, darunter sind Schränke angebracht, in denen Stifte, Papier, Kleber und andere Utensilien verstaut sind. Unterhalb der Fensterreihen an beiden Seiten sind jeweils drei Tische befestigt. Die Stühle sind an die Tische angeschnallt, damit sie während der Fahrt nicht durch den etwa zweimal fünf Meter großen Klassenraum fliegen. Neben den Tischen stehen Regale mit bunten Büchern. Alles, was man für den Unterricht braucht, ist auf zehn Quadratmetern untergebracht. Elke Kürth-Landwehr macht die Heizung an, schnallt die Stühle ab und hängt die Uhr an einen Nagel neben der Tafel.

Die Lehrer der "Schule für Kinder beruflich Reisender" besuchen mit ihren fahrenden Klassenzimmern reisende Schüler in ganz Hessen. Sie ermöglichen ihnen einen Unterricht, der ihrem Leistungsstand entspricht, und verbessern damit ihre Chancen auf einen Schulabschluss. "Guten Morgen, Frau Kürth-Landwehr!", Jimmy kommt als Erster durch die geöffnete Tür. Er trägt eine bunte Mappe unter dem Arm, in der seine Hausaufgaben verstaut sind. Insgesamt besteht die Gruppe aus fünf Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren. Sie sind Geschwister.

Zunächst klären Lehrerin und Schüler, was sie am letzten Schultag vor den Ferien machen möchten. Die Kinder haben viele Ideen, die von einer Pfannkuchentorte über Luftballons bis hin zum Basteln aller Planeten reichen. Die etwa fünfzigjährige Lehrerin nimmt nur die Schüler dran, die sich melden. Reingerufenes wird ignoriert. Trotzdem gibt es Diskussionen: Ginny beschwert sich, dass sie sich schon viel länger meldet als Justin, der vor ihr drangekommen ist.

Diese Schule gibt es seit 2010. Sie wurde von Christiane Desbuleux ins Leben gerufen, die bei ihrer Arbeit als Bereichslehrkraft gemerkt hat, dass es sinnvoll wäre, eine Organisation für ganz Hessen aufzubauen. Als Träger für ihr Projekt konnte sie den Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau gewinnen. Eine Besonderheit der Schule sei die starke Kooperation zwischen Schule und Eltern, sagt Desbuleux. "Sowohl die Eltern als auch die Kinder merken, dass es große Lernfortschritte gibt." Außerdem sei die Zahl der Hauptschulabschlüsse reisender Schüler in Hessen angestiegen.

Nachdem alle Vorschläge gesammelt sind, schreiben die Schüler das Datum an die Tafel. Dazu klettert Ginny auf den Schrank, der unter der Tafel steht. Danach notiert Elke Kürth-Landwehr das Programm für heute: Lesen, Schreiben, Rechnen. Nach und nach wird der Raum durch die Heizung angenehm warm. Die Sonne scheint durch die Fenster und ein großes Fenster im Dach. Zusätzlich sind Lampen über jedem Tisch angebracht. Während die Erwachsenen draußen das blaue Zirkuszelt aufbauen, dürfen die Kleinen in der ersten Stunde basteln.

Die Lehrerin liest in der Zeit mit der zehnjährigen Ginny und dem elfjährigen Jimmy aus deren Übungsbüchern. Die Schüler sind konzentriert bei der Sache und wechseln sich beim Lesen mit ihrer Lehrerin ab. Dabei klären sie auch unbekannte Wörter.

Elke Kürth-Landwehr hat kurze, hellgraue Haare und trägt eine rot umrandete Brille, um ihren Hals hat sie ein buntes Tuch geknotet. Sie hat ursprünglich Landwirtschaft studiert und an der Universität als auch in verschiedenen Betrieben gearbeitet. Dabei hat sie festgestellt: "Alle Praktikanten sind immer zu mir gekommen." So hat sie sich immer um die Jüngsten gekümmert. Deshalb entschloss sie sich, noch Pädagogik zu studieren: "Vor drei Jahren habe ich mich auf diese Stelle beworben."

Nach den Leseübungen mit den jüngeren Schülern ist zehn Minuten lang Pause. Zum Glück gibt es in der Nähe einen Spielplatz, zu dem sich alle zusammen mit einem Ball auf den Weg machen. In der nächsten Stunde wird geschrieben. Elke Kürth-Landwehr kontrolliert mit jedem Schüler einzeln die Hausaufgaben, während die anderen Arbeitsblätter bearbeiten. Jedes Kind wird individuell betreut und bekommt die Aufgaben, die seinem Leistungsstand entsprechen. Genau das gefällt der Lehrerin an ihrer Arbeit: "Man hat eine kleine Gruppe und kann die Kinder da abholen, wo sie sind."

Außerdem könne man sich so um die Schüler kümmern, die Probleme haben, die in einer großen Gruppe einfach untergingen. Da die Pädagogin sich immer nur auf einen Schüler konzentriert, bleibt aber Unruhe nicht aus. Ginny ruft "Ich kann das nicht lesen!", während Jimmy allen lauthals mitteilt, dass er fertig ist. Die beiden müssen sich einen Moment gedulden, da Elke Kürth-Landwehr gerade damit beschäftigt ist, mit Justin die Hausaufgaben zu kontrollieren. Den Kindern gefällt der Unterricht. Ginny hat ihren Tisch mit bunt bemalten Papierherzen geschmückt und erklärt: "Der Unterricht gefällt mir sehr gut, am meisten Spaß macht es aber, wenn wir Spiele spielen." Auch die Wände sind mit selbstgemalten Bildern der Kinder geschmückt. Auf den meisten sind Zirkuszelte zu erkennen, doch es gibt auch Fotos der Schüler und Handabdrücke. Das fahrende Klassenzimmer wird von mehreren Schülergruppen genutzt, alle Kinder sind mit Bildern verewigt. Elke Kürth-Landwehr erklärt lächelnd, dass sie Ginnys gebastelte Herzen vermutlich abhängen wird, bevor sie eine andere Gruppe besucht. Jeder Schüler hat nämlich seinen Stammplatz, und gelegentlich gibt es Beschwerden, wenn ein Kind feststellt, dass jemand anderes an "seinem" Tisch gesessen hat.

Die Lehrerin besucht die Schülergruppe des Zirkus Delmonde immer mittwochs und freitags. Montags haben die Kinder einen anderen Lehrer, der sich stärker um kreative Aufgaben und Englisch kümmert. Dienstags und donnerstags bekommen die Schüler Lernzeitaufgaben, die sie am nächsten Schultag mit ihrer Lehrerin kontrollieren. "Die Schüler müssen schnell lernen, möglichst selbständig zu arbeiten." Das Hauptziel ist, dass sie sich Grundtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen aneignen. Ihre Eltern können sie dabei oft nicht unterstützen. Viele beruflich Reisende versuchen, im gleichen Bundesland zu bleiben, damit ihre Kinder immer von der gleichen Institution betreut werden. Auch beim Zirkus Delmonde ist das der Fall. Die Geschwister besuchen ausschließlich diese Schule. Die Lehrerin kommt aus Gießen und ist normalerweise für Mittelhessen zuständig. "Es ist manchmal mit viel Fahrerei verbunden, außerdem muss alles sehr flexibel sein." Es kann passieren, dass ein Zirkus noch einen Tag vor dem Unterricht nicht weiß, auf welchem Platz er lagern kann. Manchmal geben ältere Zirkuskinder auch Workshops an Schulen, in deren Nähe sie gerade lagern. Dort bringen sie den Schülern akrobatische Kunststücke, Zaubertricks oder Clownsnummern bei. Dann haben sie morgens keine Zeit, und der Unterricht muss eben nachmittags stattfinden.

Nach dem Unterricht im Schreiben gibt es wieder eine kurze Pause. Die Schüler erholen sich beim Seilhüpfen. In der Mathestunde schauen die Schüler auf einem Laptop zuerst ein Video, in dem erklärt wird, wie man mit dem Zahlenstrahl rechnet. Danach sollen sie sich einige Beispielaufgaben ausdenken. Die Ältesten rechnen bis 100, die beiden jüngeren bis 20.

Da ist es natürlich auffällig, wenn Justin plötzlich schwierige Aufgaben mit großen Zahlen löst. Das legt den Verdacht nahe, dass er bei seiner Nachbarin Ginny abgeschrieben hat. Celine ist mit fünf Jahren die Jüngste und noch in der Vorklasse, sie löst einfache Zuordnungsaufgaben. Am Ende der Stunde gibt es neue Lernzeitaufgaben. Außerdem bespricht die Lehrerin mit jedem, wie er sich im Unterricht verhalten hat. Dazu malen sowohl Lehrerin als auch Schüler lächelnde oder traurige Smileys an.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das rollende Klassenzimmer
Autor
Franziska Klinger
Schule
Otto-Hahn-Schule , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2013, Nr. 25, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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