Kisha macht Mut

Als am frühen Morgen die Kinder der dritten Klasse in der Thomas-Mann-Grundschule in Darlingerode, einem idyllischen Ort im Harz, in ihren Klassenraum stürmen, sind alle glücklich. Denn die vierjährige Schulhündin, die der Klasse beim Lernen helfen soll, liegt auf ihrer Matte. "Kisha ist nämlich nicht jeden Tag in der Schule", erklärt die junge Klassenlehrerin und Besitzerin der Hündin, Cordula Kruse. "Die Schüler freuen sich immer, sie zu sehen." Seit zwei Jahren ist sie als Schulhündin im Einsatz. Ein- bis zweimal in der Woche darf die Rhodesian-Ridgeback-Dame mit in die Schule.

Eineinhalb Jahre informierte sich die Lehrerin über den Einsatz von Schulhunden, die "tiergeschützte Pädagogik" hatte es ihr angetan. Die Eltern erhielten einen Brief, und am Elternabend wurde über Ängste und Bedenken diskutiert.

Als Erstes steht der Morgenkreis auf dem Programm. Dabei liegt Kisha in der Mitte und hört den Kindern zu. "Durch die beruhigende Wirkung des Hundes haben die Schüler oft mehr Mut, über sich zu sprechen", sagt die Klassenleiterin. Danach ist der Musikunterricht an der Reihe. Die Schüler bitten, dass Kisha ein Kunststück am Klavier zeigt. "Sie hat gelernt, Klavier zu spielen", berichtet ein Junge stolz. Und wahrhaftig, nachdem die Lehrerin eine Taste anschlägt, stupst der Schulhund mit der Schnauze auf dem Klavier herum. Alle sind begeistert.

Danach kommt das Kommando, sich auszuruhen. Denn der Hund soll nur etwa zehn Minuten aktiv teilnehmen und sich dann wieder erholen. "Er soll sich nicht überanstrengen. Die größte Angst der Eltern, dass sich die Kinder vom Hund ablenken lassen, hat sich nicht bestätigt", erklärt die Lehrerin. "Eher sind die Kinder durch Kisha ruhiger geworden." Kurz darauf ist Frühstückspause. Alle wissen, was sie machen dürfen und was nicht. Bevor der Hund überhaupt in die Klasse gekommen ist, haben sie Regeln entworfen, an die sich jeder halten muss: "Sei leise, ich höre gut. Schreien tut mir weh. Füttere mich nur, wenn es erlaubt ist! Wasch dir gründlich die Hände, nachdem du mich angefasst hast", steht auf einem Schild. Diese und weitere Regeln lernten die Kinder.

Während die Kinder auf den Hof in die Pause gehen, zieht sich Kisha in ihren Ruheraum zurück. Dann geht es mit Deutschunterricht weiter. Selbst die Hündin hat Lesen gelernt. Frau Kruse hat ein Blatt in der Hand, auf dem steht: "Platz". Sie zeigt es Kisha, die sieht es und legt sich hin. Die Kinder sind begeistert. Daraufhin geht der Hund wieder zurück auf seine weiche Matte. Jetzt müssen die Kinder versuchen, Aufgaben zu lösen. Es gibt einen Ansporn. Wer die Aufgabe fertig gelöst hat, darf zu der Hündin gehen, sie streicheln und ihr etwas zum Naschen geben.

Nachdem alle fertig sind, fragt eine Schülerin, ob sie ihr Lieblingsspiel spielen können. Das Spiel heißt "Verstecken". In diesem Fall sucht der Hund. Die Schüler bekommen ein Leckerli in die Hand und verstecken sich im Klassenraum. Nun ruft einer nach dem anderen die Hündin. Kisha findet tatsächlich jeden. "Der Sinn des Spiels ist, dass die Schüler mehr Mut bekommen und lernen, Wörter richtig auszusprechen. Denn man muss den Namen des Hundes deutlich sprechen, um gefunden zu werden, Mut haben, ruhig bleiben und die Kommandos klar laut und deutlich sprechen, damit die Hündin den Schüler auch findet", erklärt Cordula Kruse.

Kisha hat einen speziellen Wesenstest bestanden, der bestätigt, dass sie in der Schule arbeiten darf. In Deutschland gibt es keine anerkannte Ausbildung für Schulhunde. Die Lehrerin nimmt aber regelmäßig an Fortbildungen des Arbeitskreises Schulhund Sachsen-Anhalt teil. Nun ist die letzte Stunde der Schüler beendet, und mit einem Pfotendruck verabschiedet sich Kisha.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kisha macht Mut
Autor
Till Chwoika
Schule
Gymnasium Stadtfeld , Wernigerode
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2013, Nr. 25, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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