So nah wie möglich an den Puck heran

Es ist der einzige Sport, der für mich in Frage kommt. Du bist an der frischen Luft, hast den sozialen Kontakt und kannst ihn bis ins hohe Alter betreiben." So antwortet Georg Blaß auf die Frage, warum Eisstocksport ihn so fasziniert. Bei diesem Wintersport geht es darum, eine Scheibe mit Griff so nah wie möglich an einen Puck heranzubekommen. Schon in früheren Zeiten überbrückten Bauern und Handwerker die winterlichen Pausen mit dieser Beschäftigung. Der 71 Jahre alte Blaß hat schon im Kindesalter den Erwachsenen zugeschaut, wie sie in seinem Heimatdorf Rhan in der Oberpfalz die Stöcke über den zugefrorenen See schlittern ließen.

1959 ist der gelernte Koch nach München gezogen und hat seine Leidenschaft anfangs auf dem Hinterbrühler See und später vermehrt auf Asphaltbahnen in Hallen ausgeübt. "Montag bis Freitag habe ich hart in der Gastronomie gearbeitet. Jeden Samstag sind wir dann als Stammtischverein zum Stockschießen gegangen." Damals gab es noch keinen offiziellen Rahmen, erst 1979 wurde die Stockschießabteilung des FC Fasanerie Nord in München gegründet, mit Blaß als Gründungsmitglied. Bis 1989 waren es nur Männermannschaften, die ihr Können in Wettkämpfen beweisen konnten, dann erst kam eine Damenabteilung dazu. Als er in Rente ging, zog es ihn und seine Frau Hannelore aufs Land. Sie kauften sich 1996 ein Haus in dem Ort Thalham im Landkreis Freising.

Im Jahr 2000 gab Blaß seinen Posten als Abteilungsleiter beim FC Fasanerie Nord auf, da es schlichtweg zu teuer war, ständig zwischen Thalham und München nur für den Stocksport zu pendeln. "Mein Leben ist seitdem ruhiger geworden, hier auf dem Land", sagt er und streichelt dabei seinen Hund Leni. Sein Leben verlief in den vergangenen Jahren zwar weniger hektisch, trotzdem vermisste er das Stockschießen zunehmend. Deshalb hat er 2002 erneut eine Stockschießabteilung, die "Maibaumfreunde", mitgegründet. Seit einiger Zeit nimmt Blaß an offiziellen Meisterschaften nicht mehr teil. "Lediglich bei dorfinternen Turnieren, bei denen man Fleisch- oder Weinpreise gewinnen kann, zeige ich, was ich noch draufhabe", sagt der Rentner lächelnd. Warum hat er sich von den offiziellen Spieltagen und Turnieren abgewendet? "Ich bin einfach kein junger Hüpfer mehr, und auch wenn ich den Sport noch so liebe, die wöchentlichen Trainingseinheiten und Auswärtsspiele sind zu viel für mich geworden."

Für ihn steht heute der soziale Aspekt an erster Stelle: Das Treffen, Diskutieren und Lachen mit den anderen Stockschützen sei ihm gerade als Rentner wichtig. Die Gefahr, zu vereinsamen und sich schleichend von der Gesellschaft zu isolieren, werde durch Sportarten wie das Stockschießen verhindert. Zudem sei dieser Sport eine gute Möglichkeit, sich fit zu halten. Im Hinblick auf den Nachwuchs sieht es allerdings schlecht aus: Nur wenige Mädchen und Jungen entscheiden sich für diesen Sport, der eher von Menschen über 30 ausgeübt wird. "Es gibt zu viele Sportarten, besonders in der Stadt ist das Sportangebot extrem vielfältig", sagt Blaß. "Als ich Jugendlicher war, gab es den Fußballverein und das Eisstockschießen, mehr war für uns Jungen nicht da."

Heute reicht das Angebot von Tennis über Kampf- und Ballsportarten bis hin zum Tanzsport. Meist befasst sich nur dann ein Heranwachsender mit dem Stockschießsport, wenn der Vater oder die Mutter schon aktiv dabei sind. "Vielleicht ist auch die Tatsache, dass dieser Sport oft geringschätzig als Altmännersport abgestempelt wird, der Grund, warum er für die Jugend so uninteressant ist", vermutet Blaß. "Die jungen Leute wollen wahrscheinlich bei ihrer Freizeitbeschäftigung körperlich stark gefordert werden, so dass der Sport mit dem Stock erst dann für sie in Frage kommt, wenn sie keine Höchstleistungen mehr erbringen können."

Informationen zum Beitrag

Titel
So nah wie möglich an den Puck heran
Autor
Julian Blaß
Schule
Carl-Orff-Gymnasium , Unterschleißheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2013, Nr. 31, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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