Die Gaeltacht zur Sprache bringen

In den vergangenen zehn Jahren ist das Gälische in Irland wieder populärer geworden. Auch Lehrer an der deutschen St. Kilian's Schule in Dublin bemühen sich, das irische Erbe wiederzubeleben. Es gibt erste Erfolge.

Werden wir dieses Interview auf Gälisch führen?", scherzt Eibhlín Sharkey, als sie die Tür zu ihrem Klassenraum aufschließt. Es ist 13 Uhr, Mittagspause, und der Flur draußen vor dem Zimmer ist erfüllt von dem Geplauder erleichterter Schüler, die auf dem Weg zur Kantine oder zum Schulhof sind. Es ist ein kalter Tag in Dublin, aber die Sonne durchflutet den Raum. An den Wänden des Zimmers hängen Poster, die von Eibhlíns Schülern hergestellt wurden. Manche zeigen Grammatikregeln, andere irische Sprüche, wie "Níl aon tinteán mar do thinteán féin" - Ein eigener Herd ist Gold wert.

Eibhlín Sharkey zeigt stolz auf ein Foto von sich und Daniel O'Donnell, einem berühmten irischen Volkssänger, den sie einmal am Flughafen getroffen hat. Es ist eines der vielen persönlichen Gegenstände, die sich in ihrem Klassenraum befinden. Frau Sharkey setzt sich auf einen Stuhl und lächelt erwartungsvoll. Sie ist Anfang dreißig und unterrichtet seit 2004 Gälisch in St. Kilian's, der Deutschen Schule in Dublin. Da sie stets gutgelaunt ist, ist sie eine beliebte Lehrerin. Sie streicht ihr schulterlanges braunes Haar aus ihrem runden Gesicht, und ihre grauen Augen funkeln, als sie beginnt über ihre Kindheit in Gweedore, Donegal, im Nordwesten Irlands zu reden.

Gweedore ist ein Dorf an der Küste und liegt in einer Gaeltacht-Region von Irland. "An Gaelteacht" ist die Bezeichnung für Gebiete in Irland, in denen Gälisch die vorherrschende Sprache ist. Diese Regionen befinden vor allem im Westen Irlands in Donegal, Mayo, Galway, Kerry und Cork, aber auch im Süden in Waterford und im Osten in Meath. Hier sind sowohl Englisch als auch Gälisch Verkehrssprache. Für viele der 86 000 Bewohner ist Englisch Zweitsprache. Auch Eibhlín Sharkey ist mit der gälischen Sprache aufgewachsen. "Ich habe Englisch nur über das Fernsehen und meine Verwandten aus England gelernt. Wenn sie uns in Gwedore besuchen kamen, mussten wir Englisch reden." Erst als sie in die Grundschule kam, begann Eibhlín ernsthaft Englisch zu lernen, jedoch nur im Fach Englisch, alle andere Fächer erlernte sie in der gälischen Sprache.

Während der Sommerferien werden die Gaeltacht-Regionen von vielen Schülern aus englischsprachigen Gebieten in Irland besucht, die dort gälische Sprachkurse belegen. "Die Kurse geben ihnen die Möglichkeit, sich in die Sprache und in die traditionelle Kultur zu vertiefen", erklärt Eibhlín, die manchmal als Lehrerin in einem Irish College im Sommer arbeitet. Morgens besuchen die Jugendlichen den Sprachunterricht und am Nachmittag nehmen sie an verschiedenen Aktivitäten teil, wie Sport, also Fußball und Hurling, Musik und Kunst. Abends werden céilís, irische Tanzveranstaltungen, oder traditionelle Musikveranstaltungen angeboten. Dort lernen die Schüler irischen Tanz oder das Spielen der bodhrán, der irischen Rahmentrommel.

Während des vergangenen Jahrhunderts war für viele Gaeltacht-Bewohner die Auswanderung in Großstädte wie Dublin, Belfast und Cork die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Weil sich viele Gaeltacht-Gebiete an der damals abgeschiedenen Westküste befinden, gab es dort wenig Infrastruktur. Der unfruchtbare Boden machte es schwer, Landwirtschaft zu betreiben.

Das hat sich in den vergangenen 20 Jahren aufgrund des Keltischen Tigers geändert, berichtet Frau Sharkey. "Es gab in Gweedore viele Fabriken, die Männer aus meinem Dorf beschäftigten. Die Mehrheit der Arbeiter waren gälische Muttersprachler, daher wurde in den Fabriken nur Gälisch gesprochen." Seit Beginn der Wirtschaftskrise in Irland mussten aber viele Fabriken schließen: Gweedore verlor seine wichtigsten Arbeitgeber. Die Auswanderung ist wieder zum Problem für die Gaeltacht-Gebiete geworden und damit einer der Hauptgründe für den Rückgang der gälischen Sprache.

Daithí Ó Drisceoil, ein Gälischlehrer an der St. Kilian's Schule, ist ein Beispiel dafür, dass es noch Hoffnung für die alte Sprache gibt. Er trägt einen grauen Wollpullover über einem weißen Hemd. Er setzt sich auf einen der Holzstühle, schlägt die Beine übereinander und rückt seine Vollrandbrille zurecht. Er ist um die dreißig und hat einen gepflegten Vollbart. Daithí Ó Drisceoil kommt aus Kilkenny und lebt in Dublin. Er unterrichtet Gälisch und Musik. "Ich besuchte einen gälischsprachigen Kindergarten, naíonra, das war mein erster Einstieg in die Sprache. Obwohl ich die Kindergartenlehrerin am Anfang nicht verstand, begriff ich ihre Gesten." Daithí lernte die Sprache ziemlich schnell. Zu Hause sprach er mit seiner Mutter Englisch und Gälisch mit dem Vater. "Ich bin der Meinung, dass die Kenntnis der gälischen Sprache zum Nationalstolz jedes Iren und jeder Irin beiträgt." Kritiker beschweren sich, dass zu viel Zeit in der Schule damit verbracht wird, eine tote Sprache zu erlernen. Ihnen entgegnet Daithí trotzig: "Ich spreche Gälisch, bin ich tot?"

Im vergangenen Jahrzehnt ist die gälische Sprache in Irland populärer geworden. Daithí Ó Drisceoil erklärt das so: "Im Jahr 2005 gelangten die Iren zu Wohlstand. Es war eine Zeit, in der sie von amerikanischer Kultur beeinflusst worden sind. Die Iren erkannten dann aber, dass sie ihre Identität langsam verloren und bemühten sich, ihr irisches Erbe wiederzubeleben." Die Gaelscoileanna, also gälische Schulen, fanden nun stärkeren Zulauf. Änderungen im gälischen Lehrplan 2011 haben geholfen, das Lernen der Sprache zu fördern.

Auch gälische soziale Netzwerke tragen dazu dabei, dass die Sprache bei Jugendlichen mehr Anklang findet. Eine dieser Websites ist Abair Leat (abairleat.com), das gälische Äquivalent von Facebook. Menschen, die nicht die Gelegenheit haben, Gälisch zu sprechen, können über dieses Forum miteinander kommunizieren. Seit 1996 gibt es den gälischsprachigen Sender TG4, Teilifís na Gaeilge, und mehrere gälische Radiokanäle. "Man muss seine eigene Kultur verstehen, bevor man andere verstehen kann", erklärt Daithí.

2011 haben Eibhlín und Daithí die Gälisch-Gesellschaft Coiste na Gaeilge in der Schule gegründet. Ihr Ziel ist es, die Schüler dazu zu ermutigen, sich mit der gälischen Kultur zu beschäftigen und Gälisch zu sprechen. "Wir wollen die Freude an der Sprache wieder anregen. Wir treffen uns einmal wöchentlich und besprechen Projekte. So haben wir einen Film in Gälisch über die Geschichte der Schule gedreht. Dieser Film war bei Schülern und Lehrern sehr beliebt." Die Schulklingel läutet zum Ende der Pause, und der Flur füllt sich wieder mit den plaudernden Stimmen von Schülern. Zeit für Gälischunterricht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gaeltacht zur Sprache bringen
Autor
Emma Haran, Stefanie Vollmer-Fox
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2013, Nr. 37, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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