Todesmutig durch splitternde Fenster

Sie brennen, springen vom Dach und werden dafür bezahlt. So wie der 22 Jahre alte Stuntman Alexander. Autos gehen in Flammen auf und explodieren, ein junger Mann rennt, am ganzen Körper brennend, durch die Gegend, springt todesmutig durch splitternde Glasfenster und von Hausdächern herab oder befindet sich mitten in einer heftigen Massenschlägerei, in der er unzählige Schläge und Tritte einstecken muss. Was sich anhört wie die Beschreibung einer Szene aus "Alarm für Cobra 11", ist ein normaler Arbeitstag von Alexander Kowalewski aus Eurasburg in der Nähe von Augsburg. Denn der junge Mann tritt als professioneller Stuntman sowohl live als auch in Filmproduktionen auf. 

Feuer, Stürze von Hausdächern, sogenannte High-Falls, und Körperstunts wie Schlägereien gehören zu den Aufgaben des jungen Mannes. Der 1,80 Meter große 22-Jährige wirkt zwar vom äußeren Erscheinungsbild her durchtrainiert und muskulös, erweckt ansonsten aber in keiner Weise die Vorstellung eines "Adrenalin-Junkies", der sich freiwillig immer wieder anzünden, zusammenschlagen oder anfahren lässt. Mit seinen kurzen hellbraunen Haaren und klaren blauen Augen wirkt er wie der Traum aller Schwiegermütter. Gelassen erzählt er davon, dass er bereits seit der 8. Klasse mit Leib und Seele Stuntman ist und seit neun Jahren dem professionellen Stuntteam "Canis cornutus" angehört. Dieses hat sich aus jungen Männern aus Eurasburg und den umliegenden Dörfern entwickelt, die gemeinsam die brasilianische Kampfkunstart "Capoeira" praktiziert haben. Obwohl die Gruppe klein begonnen hat, kann sie bereits beachtliche Erfolge vorweisen.

"Also unsere letzten Projekte waren zum Beispiel der Kinofilm ,Inglorious Basterds' mit Brad Pitt und der deutsche Film ,Wer früher stirbt, ist länger tot', um nur die bekanntesten aufzuzählen", erzählt der muskulöse Alexander Kowalewski fast geschäftsmäßig. Doch das waren nur einige von etlichen Projekten, die das Stuntteam schon auf die Beine gestellt hat. So nehmen immer wieder auf Reitstunts spezialisierte Mitglieder der Crew an den Kaltenberger Ritterturnieren teil. Wo lernt man, von einem Pferd zu stürzen, sich in einem Auto zu überschlagen oder in Flammen zu stehen, ohne sich zu verletzen? "Also ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf ist Stuntman auf keinen Fall", erklärt Kowalewski. "Alle Techniken, die wir für die richtige Durchführung von solchen gefährlichen Stunts können müssen, erlernt man allein durch das Abschauen bei den Älteren und Erfahreneren und ständiges Training, bei dem manche Szenarien gefühlte tausend Mal wiederholt werden, damit sie perfekt sitzen."

So einfach, wie es sich anhört, ist es in der Realität nicht, wenn man für größere Projekte engagiert werden will. Das Stuntteam "Canis cornutus" ist eine GmbH und muss mit etlichen Insider-Internetseiten in engem Kontakt stehen, um immer wieder Engagements zu bekommen. Auf diesen Seiten ist jeder Stuntman mit seinen Spezialgebieten aufgelistet. "Häufig sind aber auch einfach deine Körpergröße und dein Körperbau dafür verantwortlich, ob man für eine Rolle als geeignet betrachtet wird oder nicht." Schließlich muss ein Stuntman den Schauspieler doubeln, ohne dass der Zuschauer den Rollentausch bemerkt.  

Die 11 Männer und die einzige Frau des Teams haben es bisher geschafft, größere Verletzungen zu vermeiden. "Ein paar Schnitt- und Platzwunden und den einen oder anderen gebrochenen Knochen hatten wir schon, aber das war es dann eigentlich auch schon wieder", erklärt der junge Mann so beiläufig, dass man ihm sofort glaubt, dass ein gebrochenes Bein für ihn keine wirklich große Sache, sondern ein unnötiges Ärgernis ist. "Viel schlimmer ist der Muskelkater hinterher", fügt er grinsend hinzu.  

Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass die jungen Leute ihr Leben riskieren. Jeder Stuntman schätzt selbst das Risiko ein und legt seinen Preis fest. So kann man etwa für einen Sturz aus dem Fenster einen bestimmten Preis je gefallenen Meter festlegen. "Es muss jeder selbst entscheiden, wie viel ihm sein Leben wert ist", erklärt Alexander Kowalewski nachdenklich. Obwohl er als Mechatroniker in einer Autowerkstatt beschäftigt ist, überlegt er, hauptberuflich Stunman zu werden. "Vergangenes Jahr war sehr erfolgreich."

Informationen zum Beitrag

Titel
Todesmutig durch splitternde Fenster
Autor
Lisa Schack,Wernher-von-Braun-Gymnasium, Friedberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2010, Nr. 103 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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