Geheimnis hinter dem Graben

Viele Hundebesitzer kennen die Situation: Es ist Zeit für den alltäglichen Spaziergang. Doch die Lust dazu fehlt, da man die Strecke schon in- und auswendig kennt. Für dieses Problem gibt es eine ganz einfache Lösung: Geocaching, die moderne Schatzsuche. Der BWL-Student an der Fachhochschule Gießen-Friedberg Oliver Hippe nimmt an dieser Schatzsuche schon seit mehr als zwei Jahren teil. Am Samstagnachmittag verlässt der große schwarzhaarige Abenteurer aus Wetzlar das Haus. Bekleidet ist der 25-Jährige mit wasserfesten Stiefeln, einer kurzen Hose in Tarnfarben und einem olivgrünen T-Shirt. Während er auf den nahe gelegenen Wald zumarschiert, erklärt er, was Geocaching eigentlich ist. "Im Prinzip ist es nichts anderes als eine Schatzsuche, nur mit GPS-Satellitennavigation." Auf der Internetseite www.geocaching.com bekommt man zuerst einmal die Koordinaten für diese meist schuhkartongroßen Plastikbehälter, die sich Caches nennen. Hippe muss nun die Koordinaten in sein GPS-Gerät eingeben und erhält den Luftlinienweg zu seinem Ziel. Auf dem handgroßen Gerät blinkt ein rotes Licht, und nach kurzer Zeit erscheint auf dem Display ein Pfeil mit einer Meteranzeige. "Machen wir uns auf den Weg zu meinem 222. Cache", sagt Hippe und geht los. Während er immer wieder auf sein GPS-Gerät sieht, berichtet er, dass der erste Cache im Jahr 2000 in Amerika gelegt wurde. Vorher habe es das sogenannte Letterboxing gegeben, das wie Geocaching funktioniert habe nur mit Kompass und Landkarte statt GPS. Der Weg führt immer weiter in den Wetzlarer Wald hinein, bis Oliver innehält und stoppt. "Heute suche ich nur einen Traditional Cache, weil ich nicht so viel Zeit habe." Er springt über einen Graben, der seitlich am Waldweg entlangführt, um nun die nähere Umgebung nach der kleinen Plastikkiste abzusuchen, die er zu finden hofft. Es gibt neben den Traditional Caches noch sogenannte Multicaches, bei denen der Suchende mehrere Stationen und Rätsel passieren und lösen muss, um an weitere Koordinaten für den letzten Cache zu kommen. Eine weitere Art des Geocaching ist das Suchen der Mystery Caches. "Mystery Caches suche ich persönlich nicht so gerne, da man ein oder mehrere Rätsel auf der Internetseite lösen muss, bevor man die Koordinaten bekommt. Diese sind oft sehr schwer und langatmig, und ich möchte lieber draußen mit der Suche beschäftigt sein als drinnen mit Rätseln", sagt Oliver und lacht. Er geht auf Mauerreste und ein verfallenes Haus zu, das auf einem ehemaligen Übungsgelände der Bundeswehr steht. Hier sehe man mal wieder, dass Geocaching auch dazu diene, die Region in der man lebt, besser kennenzulernen. "An diesen Platz wird ein normaler Spaziergänger nie kommen." Seine Stimme stockt. "Da hinten! Wenn man dies eine Zeitlang macht, hat man das einfach im Gefühl, wo die Caches versteckt sein könnten." Er geht auf ein Stück Zaun zu, an dem er eine Kette entdeckt hat, wischt das Laub beiseite und zieht ein metallenes Stück Rohr aus der Erde. Manche Leute würden sich viel Mühe mit den Caches geben, sagt er und schraubt das Rohr auseinander. Darin befindet sich ein Schloss, das man nur mit einem Inbusschlüssel öffnen kann. Diesen zieht er grinsend aus der Tasche. "Das habe ich ja gewusst, denn auf der Internetseite befinden sich Beschreibungen von Geocachern, die diesen Cache schon gefunden haben." Er öffnet das Schloss und holt ein kleines Büchlein aus dem Rohrstück. "Das Logbuch, hier trägt sich der Finder ein und legt es dann zurück, so wie er es gefunden hat." Gesagt, getan. Oliver trägt sich ein und verschließt den Cache wieder. Auf dem Rückweg erzählt er, dass auf der ganzen Welt Caches versteckt seien und dass auch jeder einen Cache verstecken könne. "Ich selbst habe einen Travelbug in meinen Cache gelegt." Ein Travelbug ist ein kleiner Gegenstand, der an einer Plakette befestigt wird, die man vorher auf der Geocachingseite im Internet bestellen muss (Kosten 6 Euro). "Meine Freundin und ich haben im Gedenken an unsere verstorbenen Hunde deren Hundemarken und Bilder an der Plakette befestigt." Derjenige, der nun diesen Travelbug findet, darf ihn mitnehmen und ihn in einem anderen Cache plazieren. Die neue Position des Travelbugs muss er auf der Internetseite verzeichnen, so dass der Besitzer sehen kann, wo sich sein Travelbug gerade befindet. "Die Bilder mit den Hundemarken sind zum Beispiel momentan in Holland", berichtet Oliver stolz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geheimnis hinter dem Graben
Autor
Henric Klose Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2010, Nr. 202 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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