Es ist so cool, einfach eine Geschichte vorzutragen

Ein schlanker dunkelhaariger Mann steht auf einer kleinen Bühne. Das Licht ist abgedunkelt, die Zuschauer sind gespannt. Vor dem 27-Jährigen steht lediglich ein Mikrofon, sonst ist er gänzlich allein. Er trägt ein graues Sweatshirt und eine schwarze Jeans. Gebannt lauscht das Publikum seiner Stimme. Marque-Régnier Hübscher, übrigens sein richtiger Name, ist Poetry-Slammer. In kleineren Gaststätten, aber auch auf größeren Veranstaltungen und Wettbewerben stellt er seine selbstgeschriebene Literatur vor. Poetry-Slam kommt aus Amerika, genauer aus Chicago. Dabei muss der Künstler in einer Zeitspanne von vier bis sechs Minuten den selbstgeschriebenen Text vortragen. Er benutzt lediglich seine Stimme und seinen Körper. Requisiten sind nicht erlaubt. Die Themen sind beliebig. Es kann etwas Persönliches, aber auch etwas Politisches sein. Das Publikum übernimmt die Rolle der Jury und bewertet durch den Applaus, wer in die nächste Runde kommt. In Deutschland gibt es seit den neunziger Jahren Wettbewerbe dieser Art.

Marque-Régnier Hübscher wurde 2009 Saarländischer Poetry-Champion, bei der Deutschen Meisterschaft war er zweimal am Halbfinale beteiligt. Auch 2009 gewann er im Hamburger Schauspielhaus das Jahresfinale und setzte sich gegen 1200 Konkurrenten durch.

Mit 23 Jahren sah der gelernte Speditionskaufmann zum ersten Mal eine Poetry-Slam-Veranstaltung im Fernsehen und wurde neugierig. Er ging zur offenen Bühne in Hamburg und sah es sich live an. "Jeder ging einfach mit seinem Text auf die Bühne, und da wusste ich sofort, das will ich auch machen. Vorher hatte ich noch nie so etwas geschrieben. Es war also vollkommen neu und deshalb auch so wahnsinnig spannend." Beim dritten Poetry-Slam, den er sich ansah, trat er zum ersten Mal selbst auf. "Es war so cool, einfach eine Geschichte vorzulesen oder vorzutragen und dafür gefeiert zu werden", erzählt er stolz.

Am meisten fasziniert ihn, dass man ganz alleine und nur mit seinem Text auf der Bühne steht. Mit dem Körper macht er eine ganz eigene Performance, über die er sich vorher Gedanken macht. Auf die Kleidung legt er keinen besonderen Wert. Nur wenn er selbst moderiert, was er immer öfter macht, zum Beispiel beim Kampf der Künste in Hamburg, zieht er sich ein Hemd an. "Die Atmosphäre muss einfach locker sein."

Seit acht Jahren lebt er in Hamburg-Eimsbüttel. Seitdem er mit 16 Jahren die Schule beendet und eine Ausbildung gemacht hat, hat sich sein Leben durch den Poetry-Slam verändert. Nun betreibt er das zunehmend hauptberuflich. Neben eigenen Auftritten werden Workshops und die Organisation für ihn immer wichtiger. "Wir machen immer mehr Workshops an Schulen. Das ist eine tolle Arbeit, denn die Kinder schreiben wirklich gute Texte mit nur wenig Unterstützung. Für viele ist es ein wirklich großartiges Erlebnis. Wir machen deswegen viel in Problemvierteln. Die Kinder lernen so, ihre ganze Wut in Texten zu bündeln und diese nicht nur mit ihren Fäusten auszudrücken. Diese anzuhören macht einem wirklich Gänsehaut."

Für die Organisation von Wettkämpfen aller Art braucht er viel Zeit. Zwischendrin spielt er noch Theater und ist als Quereinsteiger an seine ersten Rollen gekommen. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft zusammen mit dem Poetry-Slammer Moritz Neumeier. Die Wohnung bietet ebenfalls oft Platz für reisende Poetry-Slammer, die in der Nähe an Wettbewerben teilnehmen möchten. So bildet sich eine Gemeinschaft von Leuten, die einfach gerne ihre Meinung sagen.

"Das Künstlerleben ist kein Hauptberuf. Das Einkommen ist dafür zu unregelmäßig, und es dauert lange, bis man seinen Namen über die Stadt hinaus verbreitet. Selbst wenn man von Veranstaltern eingeladen wird. Poetry-Slam ist nicht bekannt und beliebt genug, um allein davon leben zu können." Deshalb will er sich nach und nach aus der Gemeinschaft zurückziehen. Was er danach machen will, weiß er noch nicht.

Für seine Eltern ist das unstete Künstlerleben ihres Sohnes nicht immer einfach. Auftritte besuchen sie nur selten. Hübscher ist mit seiner drei Jahre älteren Schwester Janine in Ostfriesland aufgewachsen. "Meiner Mutter hab ich mal eine CD mit Texten von mir geschenkt, die auch signiert war. Sie hat sich wirklich darüber gefreut, aber sie mag meinen schwarzen Humor einfach nicht." Seine Texte lernt er immer auswendig. "Ich brauche meine Hände zu sehr bei einem Auftritt, als dass ich einen Text ablesen könnte. Daher ist mein Zeitlimit manchmal etwas schlecht durchdacht. Oft sitze ich schon im Zug zu einem Auftritt und lese mir meinen Text wieder und wieder laut vor, um ihn auswendig zu lernen. Die anderen Menschen sitzen dabei dann meistens entgeistert um mich herum. Dabei werde ich oft sehr komisch angesehen", erklärt er lachend.

Um sich Inspiration zu holen, beobachtet er gerne Menschen, die sich unbeobachtet fühlen. Aber auch ein ganz alltägliches Gespräch auf der Straße, was er mit anhört, kann ihn auf eine Idee bringen. "Inspiration ist für mich nicht ortsgebunden. Ideen kommen einem überall in den merkwürdigsten Situationen. Zum Beispiel gehe ich manchmal einfach so durch die Stadt. Dann höre ich Gesprächsfetzen und habe plötzlich eine Idee. Einfach so, das ist eine Art Eingebung. Aber ich verlasse mich immer darauf und nehme mir nicht vor, zu einer bestimmten Zeit einfach einen Text zu schreiben. Die Spontanität macht den Text zu etwas Besonderem. Eigentlich kann jeder gute Texte schreiben, wenn er sich darauf einlässt."

Seine Themen sind unterschiedlich. Oft geht er auf die Fehler der Menschen ein, wie zum Beispiel den Egoismus und das Übersehen von Klimaproblemen, die uns später doch einholen: "Und wenn du selbst für den Weg zum Bäcker da unten im Haus den Chrysler nimmst, der mal echt big ist. Und dich dann vielleicht mal irgendwann wunderst, dass der Wald hinter deiner Siedlung brennt, während vorne an der Hauptstraße eine Schlammlawine entlangrollt, die mal echt big ist. Und dann bist du wieder der Allerallererste, der die Hände vor die Augen macht und sagt: Ich bin unsichtbar! Unwahrscheinlich, dass das gutgeht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Es ist so cool, einfach eine Geschichte vorzutragen
Autor
Laura Struve, Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2013, Nr. 37, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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