Ohne Sprachkenntnisse auf einem anderen Kontinent

Für mich war das alles nur wie eine große Reise. Ich wusste schon, dass wir auswandern würden, aber dass es für immer sein wird, war mir nicht richtig bewusst." Die 22 Jahre alte Naemi Fiechter erzählt lebhaft: "Ich hatte keine Angst, als Kind ist ja sowieso alles in Ordnung, solange die Eltern dabei sind. Wir planten die Auswanderung schon seit drei Jahren." Naemi war acht Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihren drei Schwestern nach Kanada auswanderte. Ihr Vater wollte der Hektik der Schweiz entfliehen und in Kanada Farmer werden. Das Haus in einer kleinen Gemeinde östlich von Winterthur wurde ausgeräumt, die wichtigsten Möbel nach Kanada verschifft.

"Ich hatte praktisch keine Vorkenntnisse der Sprache, übte in den Sommerferien vor der Auswanderung spielerisch mit meinen Schwestern etwas Englisch, aber das war nicht viel", erinnert sich Naemi. "Meine beste Freundin zog etwa zur gleichen Zeit von Waltenstein bei Winterthur, wo wir gewohnt hatten, weg, und so war für mich die Trennung etwas leichter." Ihr neues Zuhause lag nun auf einem anderen Kontinent, in einem Dorf das Keremeos heißt und in British Columbia in der Nähe von Kelowna liegt. "Bis der Lastwagen mit dem Container kam, schliefen wir auf dünnen Matten und saßen im Wohnzimmer auf dem Boden."

Naemi mit ihrem krausen Haar und Sommersprossen lächelt, es scheint, als ob sie sich gerne an diese Zeit erinnere. "Ich kam in die zweite Klasse. Die ersten paar Tage saßen meine Eltern, so oft sie konnten, neben mir in der Bank." Naemi fühlte sich nicht angenommen, sie war anders als die anderen, konnte die Sprache nicht. Auch die Lehrerin war nicht besonders motivierend. Weil Naemi vom Schulstoff unterfordert war und mit der Klasse nicht klarkam, durfte sie nach zwei Wochen in die dritte Klasse wechseln. "Obwohl es dort besserging und die Hilfslehrerin immer bei mir war, wollte ich nicht, dass Mama mich allein in der Schule ließ. Ich musste oft weinen. Mit der Lehrerin machten wir dann ein Zeichen aus, das bedeutete, dass ich auf die Toilette muss. Das war für mich irgendwie das Wichtigste."

Mit den Mitschülern lief es besser. Alle wollten mit der Neuen reden und sie ausfragen. "Sie redeten einfach auf mich ein und nahmen mich am Arm, weil sie mir etwas zeigen wollten." Die sympathische junge Frau lacht und nimmt einen weiteren Schluck Tee. Nach etwa drei Monaten konnte sie dem Unterricht gut folgen, und Ende des Schuljahrs gab es keine Probleme mehr. "Was wir besonders cool fanden, waren die gelben Schulbusse, die alle Kinder einsammelten und zur Schule brachten." Manches gefiel ihr nicht. In der Schule bekam man nur billiges Essen, das sogenannte Junk-Food. Das Brot war so schwammig, dass man den ganzen Laib zur Größe einer Scheibe zusammendrücken konnte. "Mama, die früher als Lehrerin gearbeitet hatte, war zuerst geschockt, weil halt alles lockerer war. Sie war sich von der Schweiz natürlich etwas anderes gewohnt. Sie lernte das aber auch schätzen, der psychische Druck ist in der Schule deswegen auch nicht so stark." Dass es dort weniger streng zugeht, zeigte sich, als Verwandte zu Besuch kamen. Die Kinder konnten problemlos für ein paar Tage freinehmen.

In ihren ersten Tagen in Kanada war vieles ungewohnt. Die Schwestern rannten immer davon, wenn das Telefon läutete, weil sie Angst davor hatten, es abzunehmen und nichts zu verstehen. Die Nachhilfelehrerin für Englisch hatte auch ihre Probleme, den Kindern die Wörter zu erklären: "Als sie uns das Wort crawl, also kriechen, erklären wollte und wir einfach nicht verstanden, was sie meinte, musste sie es selbst zeigen."

Als sie kürzlich Ferien in ihrer alten Heimat gemacht hat, fielen Naemi die vielen Regeln auf. "Für alles und jedes hat es eine Regel. Alles muss pünktlich und genau sein. Besonders geschockt war ich, als ich hörte, dass in manchen Schrebergärten die Gartenhäuschen noch bis vor kurzem die gleiche Farbe haben mussten, weil sonst das Gesamtbild nicht schön aussehe." Dennoch stellte sie auch fest: "Die Zuverlässigkeit in der Schweiz war schon ein wenig ein positiver Schock. Als mir jemand etwas versprach, bekam ich es schon am nächsten Tag. In Kanada muss man sich auf längere Wartezeiten einstellen. Hier kann man sich auf die Leute verlassen." Dennoch sei für sie die Freiheit, die man mit weniger Genauigkeit und weniger Regeln habe, wichtiger. "Ich bin froh, dass wir uns damals entschieden auszuwandern und würde es sofort wieder tun."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ohne Sprachkenntnisse auf einem anderen Kontinent
Autor
Daniel Laumer
Schule
Kantonschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2013, Nr. 37, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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