Dem Dirigenten gemeinsam etwas blasen

Draußen strahlt die Sonne. Drinnen im Saal wird konzentriert gearbeitet. Mehr als 60 junge Leute zwischen 12 und 30 Jahren sitzen zusammen und proben. Lutz Jurisch leitet das Sinfonische Blasorchester des Heinrich-Schütz-Konservatoriums in Dresden, kurz SBO genannt. Seit 13 Jahren ist er hier Dirigent. Jeder hat im Orchester eine eigene Stimme. Aber keine Stimme kann für sich allein die Vielfalt der Komposition in allen Farben umfassen. Die melodieführende Stimme, die Bässe und die begleitenden Instrumente können nur gemeinsam die Hörer begeistern und verzaubern. Und ein bisschen auch sich selbst. In einer Gesellschaft, in der jungen Leuten früh gesagt wird, wie wichtig die eigene Persönlichkeit ist, scheint das Orchester ein klassischer Gegenentwurf zu sein. Denn was motiviert junge Leute diszipliniert gemeinsam in einem Orchester zu spielen? Alle ziehen an einem Strang und vertrauen dem Dirigenten. Allerdings wird niemand in einem Orchester musizieren, der nicht Disziplin, Persönlichkeit und Freude an der Musik verbindet.

Neben dem Dirigieren und der Interpretation eines Stückes hat der Dirigent die Aufgabe, Lust auf neue Stücke zu machen und das richtige Maß zwischen Forderung und Überforderung zu finden. Orchester als Freizeitaktivität für Jugendliche sind keine reinen Auswahlorchester. "Vor allem nach einem Besetzungswechsel ist es schwer. Wenn ich aber alle Leute besser kennengelernt habe, dann weiß ich ungefähr, wo das Maß liegt." Bei einem Auswahlorchester, werden die einzelnen Mitspieler direkt ausgewählt, zum Beispiel durch ein offizielles Vorspiel. Da die Mitglieder des SBO meist noch Schüler sind, ergeben sich zu Beginn des neuen Schuljahres Besetzungswechsel, weil manche Mitglieder das Orchester verlassen oder neue hinzukommen.

Die Aufgaben sind das eine, die Anforderungen und Erwartungen der Orchestermitglieder an den Dirigenten das andere. "Er soll freundlich, lustig und nicht zu streng sein, aber auch bei der Sache bleiben", meint die 17 Jahre alte Lena Schulze. "Man muss sich während des Spielens auf ihn verlassen können." Der große, schmale Sebastian Eich mit der Schüttelfrisur ergänzt: "Wichtig ist, dass der Orchesterleiter auch etwas Verständnis für das Leben außerhalb des Orchesters hat." Der Zeitfaktor wird manchmal zum Problem: Da nutzt man während der Probe auch gern mal die Gelegenheit, wenn das eigene Instrument keinen Einsatz hat, zum SMS schreiben und für ein kurzes Handyspiel, sagt Sebastian. Die Querflötenspielerin Lena nutzt die Zeit zwischen den Einsätzen auch gern, um über die kommenden Tage nachzudenken und um Kommentare nach rechts und links auszutauschen. "Takte zählen", erzählt Lena lachend und ihre leicht gelockten Haare wippen.

Das Orchester probt wöchentlich etwa zwei Stunden und hat vor großen Auftritten mehrere Sonderproben. Schwierige Passagen müssen zu Hause dennoch einzeln geübt werden. Seit 2002 fährt das ganze Orchester auch immer am Schuljahresanfang ins Probenlager. Dies sei sowohl zur Verbesserung der musikalischen Seite des Orchesters, als auch für das Verhältnis der Gruppenmitglieder untereinander wichtig. Mit ernstem Blick erzählt Jurisch, der beim Heinrich-Schütz-Konservatorium angestellt ist, dass man auch als Dirigent das Verhältnis der Orchestermitglieder untereinander intensiv mitbekommt. "Da die Orchesterbesetzungen streckenweise beträchtlich schwanken, gibt es auch Jahrgänge, bei denen außermusikalisch nicht viel läuft." Er legt die Stirn in Falten und sagt: "Ich wünschte, manche Erfahrungen nicht gemacht zu haben, weil ich dann an einige Aufgaben befreiter herangehen könnte. Wenn man weiß, was alles schiefgehen kann, braucht man viel mehr Sicherheit."

Dabei handelt es sich um Maßstabsverschiebungen und um den Umgang mit pubertierenden Schülern oder kleinen Pannen. Bei einem Jahreskonzert fehlte auf der Bühne für einen jungen Musiker ein Stuhl. Die Stimmung im Saal war schon voll gespannter Aufmerksamkeit. Doch Jurisch ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er holte den fehlenden Stuhl, reichte ihn, groß wie er ist, über die erste Reihe hinüber und ließ sich Zeit, bis alle Personen auf einem und dem eigenen Stuhl saßen. Die Spannung im Saal wich einem befreiten Lachen. Manchmal wünscht sich Jurisch, der von 1984 bis 1989 an der Hochschule in Dresden Musik studiert hat und mit Leib und Seele Musiker ist, mehr Zeit, um mit Einzelnen ins Gespräch zu kommen.

Im Allgemeinen empfinden die jungen Musiker das Miteinander als positiv. "Mitunter etwas auf die Instrumente bezogen, aber ansonsten ganz gut", sagt Sebastian, der seit sechs Jahren Posaune spielt. Lena meint ergänzend, dass man einige auch aus der Schule oder dem Freundeskreis kennt. Jedoch ist es "ein großer, wirrer, lustiger Haufen, der eine Liebe teilt: die Musik", sagt sie und ihre großen braunen Augen strahlen. Niemand muss sich hier Fernsehserien über Freundschaft, Pläne und Ziele ansehen. Das kann man selbst miterleben.

Natürlich kommt es nicht nur auf ein gutes Miteinander, sondern auch auf das Verhältnis zum Dirigenten an, das nach Lenas Meinung auch essentiell für die eigene Motivation ist. "Wenn man weiß, dass man respektiert und gelobt wird und dass oft gelacht wird, freut man sich noch viel mehr auf das Musizieren." Wenn sie vom Dirigenten nie angeschaut oder angesprochen wird, kommt sie sich unwichtig vor und die Motivation sinkt sehr schnell, meint eine junge Musikerin. Sebastian fasst zusammen: "Ja, aber ob positiv oder negativ, ist dahingestellt."

Der Dirigent muss sein Ensemble junger Musiker, die sich zwischen Schule, Lehre, Sportverein und Beruf bewegen, jedes Mal aufs Neue motivieren. Und wie macht man das? "Diese Frage stelle ich mir jedes Mal neu", erklärt Jurisch schmunzelnd, der mit seiner stattlichen Figur, den kurzen dunklen Haaren und dem sympathischen Lachen einen großen Wiedererkennungswert hat. Doch dann wird er wieder ernst: "Auf jeden Fall durch inhaltliche Arbeit, aber auch durch attraktive Auftritte, wie zum Beispiel das Jahreskonzert im Congress Zentrum oder Projekte mit anderen Orchestern." Seine natürliche Autorität und seine Ausstrahlung machen ihn zu einem einnehmenden Gesprächspartner. Doch dann probt das SBO weiter. Der erste Akkord erklingt, aber Jurisch winkt ab. "Das war besser, aber noch nicht gut", stellt er lachend fest.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dem Dirigenten gemeinsam etwas blasen
Autor
Marie-Luise Damm
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2013, Nr. 43, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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