Metal und Klassik sind ähnlicher, als man denkt

Collin möchte Gesang studieren und hofft auf eine Karriere als Tenor. Für seine Musik hat er einige Schwierigkeiten in Kauf genommen. Auch die Schule ist immer wieder zu kurz gekommen.

Ein junger Mann vor der Musikhochschule Lübeck. Seine langen lockigen roten Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, sein Gesicht ist von einem leichten Bart bedeckt. Er trägt eine schwarze Jeans mit einer schwarzen Sweatjacke, darunter ist das Fan-Shirt einer bekannten Metal-Band zu erkennen. Doch genauso schwer, wie man sich vorstellen kann, dass dieser stämmig gebaute Mann gerne Zehn-Kilometer-Läufe mit seinem Vater macht, kommt man auf den Anlass seines Besuchs der Hochschule. "Ich würde gerne den Professor hier kennenlernen", sagt Collin Schoening. "Ich weiß noch nicht, ob ich lieber hier oder in Freiburg oder sonstwo studieren möchte." Collin will klassischer Tenor werden.

Nachdem seine Mutter schon als kleines Kind viel mit ihm gesungen hat, entdeckte auch seine Grundschullehrerin in der zweiten Klasse sein musikalisches Talent. Schnell nahm die Musikhochschulabsolventin ihn in ihren eigenen kleinen Chor auf. Später ging er in den Kinderchor der Musikschule in seinem Heimatort Rendsburg.

Rasch wurde auch Roland Möhle, dem Leiter dort, das Talent des Jungen bewusst. Er vereinbarte mit der Mutter, ihn in den Jugendchor zu befördern. Durch den Stimmbruch rutschte Collin von seiner Lieblingsstimmlage, dem Sopran, in den Tenor ab. "Ich war vollkommen verzweifelt und wütend und wollte alles hinschmeißen, weil ich keine andere Stimme singen wollte, aber Roland war total begeistert. Er war der Meinung, ich könnte ein super Tenor werden, denn er sagte, obwohl meine Stimmlage gewechselt hätte, wäre das Talent geblieben. Damit stellte er mich erst mal zufrieden", erklärt Collin lachend.

Nach diesem stimmlichen Wandel wurde er in den Rendsburger Bachchor aufgenommen. Es folgten Auftritte vor größerem Publikum. Seine Begeisterung wuchs mit seiner Freude an den Proben, aber vor allem an den Konzerten. Daneben entwickelte sich auch eine Beziehung zur Metal-Musik. Durch Freunde lernte er diese so anders klingende Musikart kennen und war davon begeistert. "Metal und Klassik sind sich ähnlicher, als man denkt. Und was noch viel besser ist, dass es viele Bands gibt, die beides mit einander verbinden. Metal ist kein bloßes Rumgeschreie, es hat genauso Sinn und Struktur wie auch klassische Musik."

Neben seiner Liebe zum Metal blieb die klassische Musik aber allgegenwärtig. Seine Eltern standen dabei stets hinter ihm und versuchten ihm alles zu ermöglichen. So machte auch sein Vater Collin auf eine Anzeige des Landesjugendchores in der Zeitung aufmerksam und riet ihm, sich doch dort zu bewerben. Wieder war Collin schnell begeistert und nahm an einem Vorsingen teil. Als dann das Schreiben mit der Bestätigung der Teilnahme kam, überschlug er sich fast vor Freude. "Ich war noch sehr jung, als ich aufgenommen wurde, und es gab kaum andere in meinem Alter. Ich war gerade 13 Jahre alt und der Rest mindestens zwei Jahre älter als ich. Aber ich fand das gut, so konnte ich von den anderen lernen", sagt er im Rückblick und schwärmt: "Es macht so viel Spaß, weil alle, die da sind, wirklich gut sind, aber auch ein Ziel vor Augen haben. Nicht alle wollen später etwas mit Gesang machen, aber allen ist es wichtig, und so ist man auch bei einer großen Anzahl an Teilnehmern eine richtig gute Gemeinschaft."

In dieser Zeit entschloss sich Collin, dass er wirklich Gesang studieren will. Bei seinem zunehmenden Engagement für die Musik vernachlässigte er die Schule allerdings immer mehr. Schließlich kam es dazu, dass er die neunte Klasse wiederholen musste. "Das war für meine Eltern ein ziemlicher Schock, sie waren echt entsetzt, und in langen Gesprächen klärten sie mich über die Prioritäten auf. Schule steht erst einmal über allem. Ich konnte das auch nachvollziehen. Ich war nie wirklich ein Überflieger, was das Schulische angeht, und sah deshalb ein, dass mich dort mehr anstrengen muss."

In dieser Zeit kam es zu mehreren Schulwechseln, die es ihm nicht gerade einfacher machten. Er hatte zuerst auf eine Waldorfschule gewechselt, weil es dort ein großes musikalisches Angebot gab, suchte sich dann aber eine neue Schule, weil er mit dem Einstieg dort und einigen Mitschülern nicht zurechtkam. Schließlich schaffte Collin es doch, schulisch auf einem guten Stand zu bleiben und gesanglich weiterzuarbeiten.

In jedem Jahr besucht er das Metal-Festival Wacken und viele andere Festivals. "Manches ist echt richtig witzig, was alles so passiert. Zum Beispiel als ich das erste Mal in Wacken war, hatte mir meine Oma extra ein eigenes Zelt gekauft. Ich hab mich super gefreut, und als wir dann da waren, habe ich es auch gleich schön aufgebaut. Als ich mich dann aber hineinlegte, musste ich leider feststellen, dass es nur Platz für mich bis zu meinen Waden gab. Die Füße und der Anfang der Beine schauten raus, weil es zu klein war. Das war schon recht witzig, ändern konnte ich es ja nicht. Noch witziger war es dann aber, als ich am nächsten Morgen aufwachte und nasse Füße hatte. Mit meiner Luftmatzratze trieb ich leicht schaukelnd auf dem nun entstandenen See in meinem Zelt herum. Als die anderen mich gesehen haben, konnten die vor Lachen kaum noch aufrecht stehen."

Neben dem Chorgesang arbeitete er im Gesangsunterricht auch zunehmend an Solostücken. Bei Wettbewerben wie "Jugend musiziert" erreichte er auf Bundesebene einen dritten Platz. Schließlich wurde er Mitglied der Studienvorbereitenden Ausbildung von Schleswig-Holstein. Bei Kursen wie dem Schnupperkurs an der Musikhochschule versucht er Professoren kennenzulernen und sich die passendsten auszusuchen. "Ich weiß jetzt genau, was ich will. Bevor ich irgendwo singe, schaue ich den Zuschauern ruhig in die Augen. Dann beginne ich. Wenn ich dann fertig bin, schaue ich ihnen noch einmal in die Augen. Wenn ich dann etwas Nachdenkliches oder Positives sehe, dann bin ich zufrieden. Und genau dieses Gefühl will ich, die Menschen erreicht zu haben."

Trotz vieler Hochs und Tiefs wegen schulischer oder familiärer Probleme und dem immer wiederkehrenden Gedanken deshalb vielleicht alles aufzugeben, macht Collin weiter. Dabei zählt er auf die Menschen, die ihn antreiben. Für ihn war entscheidend, dass ihm sein Gesangslehrer großes Potential zugesprochen hat. "Da wusste ich genau, dass es das ist, was ich will. Und das ich alles dafür tun werde, aber vor allem auch, dass ich das schaffen kann", sagt er voller Nachdruck. "Mein Traum ist es natürlich, einmal mit den größten Tenören der Welt gemessen zu werden. Aber selbst, wenn ich später nur Gesangslehrer werde und es nur gelegentlich schaffe aufzutreten, ist es mir das wert."

Informationen zum Beitrag

Titel
Metal und Klassik sind ähnlicher, als man denkt
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2013, Nr. 43, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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