Baggern und buddeln

In einem Waldstück bei Kassel liegt ein Männerspielplatz. Dort dürfen sich Männer nach Herzenslust an den Maschinen austoben. Aufgewirbelte Staubwolken, trockene Luft und Dreck. Das laute Motorengeräusch überdeckt das Zwitschern der Vögel. In dem kleinen Waldgebiet bei Kassel ist ein Paradies für Motorenbegeisterte. In Großalmerode legen 30- bis 70-jährige dickbäuchige Männer mit Schnurrbart und Anzug für einen Tag lang Hand an. "Aus allen Städten deutschlandweit besuchen uns jedes Wochenende Manager aus Führungspositionen und Männer mit einem Bürojob, um einmal so richtig die Sau rauszulassen. Frauen dürfen ebenfalls mitmachen, doch die meisten Männer lassen ihre Frauen lieber zu Hause, um sich einen Tag an den Maschinen austoben zu können", erklärt die 48-jährige Heike Möller, die mit ihrem Mann Gerhard den Männerspielplatz betreibt. Mit ihrer blauen Allwetterjacke, lässiger Hose und Turnschuhen sitzt die Frau mit den schulterlangen blonden Haaren am Empfang und weist die Besucher ein. Der Empfang ist jedoch nicht wie in einem Hotel eine Rezeption, sondern ein Blechhäuschen aus blauem Lamellenblech, das eher an eine Konservendose erinnert. Der Spielplatz stellt auf einem Grundstück von sieben Hektar Bagger, Radlader, Quads und Kräne zur Verfügung. Gerhard Möller, der Brillenträger mit dem braunen Schnurrbart, erklärt den Besuchern zunächst die Sicherheitsvorschriften und geht dann mit kleinen Gruppen von drei bis vier Personen zu der ersten von 20 Stationen. Auch der 39-jährige Geschäftsmann Thomas Kramer (Name geändert) aus Frankfurt, der sehr klein ist und durch seinen korpulenten Körperbau und seinen Vollbart locker als Dirk Bach durchgehen könnte, hat sich heute Zeit genommen, um dem Alltag zu entfliehen. An der ersten Station, wo ein Parcours für Quads errichtet ist, der durch Wald, aufgeschüttete Hügel und ein unebenes Schottergelände geht, werden vorher Gummistiefel und robuste Jacken und Hosen angezogen, die einer Bundeswehruniform gleichen. Die Quads werden in die richtige Position gebracht. Dann gibt es die letzten Anweisungen des Mitarbeiters Jürgen Henzel, der ein orangefarbenes T-Shirt mit dem schwarzen Schriftzug "Introductor" trägt. Seine Stiefel gehen bis unter die Kniekehlen, und die Kleidung ist von oben bis unten mit Schlamm beschmutzt. Mit seinen schwarzen Haaren und der Kappe auf dem Kopf steht er an der ersten Station. "Die meisten Männer legen ihr Gehirn am Eingang ab, deswegen muss ich für die Sicherheit der Tour sorgen", sagt er. Thomas Kramer ist sichtlich aufgeregt, er kann es kaum erwarten und läuft auf dem Gelände aufgeregt hin und her. Nun dürfen die Männer aufsteigen. Der Schlamm spritzt hinter den Reifen in die Luft, und nach einigen Runden fährt Kramer bereits gefährliche Manöver. Er ist sichtlich angestrengt und angespannt, kneift die Augen zusammen und runzelt die Stirn. Man hört nichts außer dem dröhnenden Geräusch der Motoren, die durch die Pfützen und die unebene Landschaft strapaziert werden. Vor einem steilen Hügel, den Kramer anfährt, läuft ihm der Schweiß von der Stirn. Mit jeder Runde, die er fährt, werden die Fahrmanöver durch höhere Geschwindigkeiten und das enge Fahren der Kurven riskanter. Er gibt seiner Maschine Anweisungen wie "los" oder "schneller", als wären sie ein Team. Sobald die Männer von ihrem Quad absteigen, strahlen sie bis über beide Ohren. Obwohl Kramer vorher niemanden gekannt hat, unterhält er sich angeregt mit den anderen über die Offroad-Tour, denn auch sie teilen die Leidenschaft für mächtige Fahrzeuge. Von Müdigkeit ist keine Spur. Die nächste Station ist schon ins Auge gefasst: die Kettenraupe. Sie hat eine gelbe Lackierung und ist etwa 2,5 Meter hoch, so dass die Männer daneben wie kleine Jungen aussehen. Die Raupe mit dem Führerhaus über zwei Ketten fährt auf einem aufgeschütteten Haufen Kies und Erde. Die Gruppe wartet darauf, dass es endlich losgeht, alle blicken voller Spannung mit geöffnetem Mund auf die große Maschine. Kurz vor dem Einsteigen in das Führerhaus zittern Kramers Hände, sobald er jedoch die Schaltinstrumente in den Händen hält, wird er ruhig, runzelt die Stirn und beißt die Zähne zusammen, wodurch die Wangenknochen sichtbar hervortreten. Er fährt mit dem Gerät mehrmals vor und zurück, wobei er den Kies mit der Schaufel, die an der Kettenraupe montiert ist, auflädt. "Die Maschine erst einmal in Gang zu kriegen ist schon schwer und erfordert einiges an Konzentration. Man will sich ja nicht vor den anderen blamieren", sagt der Geschäftsmann nach der Fahrt mit der Kettenraupe. Es geht gleich weiter zur dritten Station, dem Bagger, wo ein Mitarbeiter schon auf die Gruppe wartet. Da es vorkommen kann, dass der Bagger schräg am Hang steht, weil das Gelände sehr steil und uneben ist, ist diese Station eine besondere Herausforderung, die auch gefährlich werden kann. Daher erklären mehrere Mitarbeiter die Kraft des Baggers, da die meisten Besucher nur Rasenmäher oder Autos gewohnt sind. "Wir wollen ja nicht, dass einer unter die Räder kommt", erklärt Mitarbeiter Jürgen Henzel. Die Teilnehmer steigen jeweils einzeln hintereinander in das Führerhaus des Baggers und versuchen, mit verschiedenen Hebeln die große Schaufel mit Erde zu füllen. Einer bedient den Bagger, die anderen stehen am Rand und gucken gespannt zu, ob er es schafft, die Schaufel zu füllen. Es gelingt erst nach ein paar Versuchen. Kramer strahlt, als er diese Aufgabe bewältigt hat. Nachdem er sich ausgetobt und noch weitere Stationen besucht hat, lässt er den Tag gemütlich ausklingen und tauscht seine Eindrücke an der Würstchenbude bei Currywurst, Cola und Bier aus. Alle hatten Spaß. Ein Gefühl der Freiheit und das Kribbeln in der Magengegend hoben diesen Tag vom normalen Alltag ab. "Es war einfach geil", sagt Kramer. Die Ehefrauen warten schon sehnsüchtig auf ihre Männer am Tor, die sich trotz Erschöpfung noch nicht trennen wollen. Mit nach unten gezogenen Mundwinkeln verlassen sie das Männerparadies und blicken traurig zurück. Nun kann der Alltag wieder beginnen. Heike Möller erklärt schmunzelnd: "Frauen werden erwachsen, Männer nur größer; doch hätten sie diesen Spieltrieb nicht, würden wir heute noch in Höhlen wohnen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Baggern und buddeln
Autor
Janina Chrupalla, Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2010, Nr. 202 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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