Ihr Einsatz, Wilsberg!

Vereinbarter Treffpunkt: Wiener Platz, Köln-Mülheim. Wilsberg und sein Partner Konermann warten schon. Letzterer ist etwa 1,90 Meter groß, Wilsberg misst nur einen halben Meter, hat schwarzes Kurzhaarfell und ist nicht etwa der verschrobene ZDF-Detektiv aus Münster, sondern Schulhund in der Ausbildung und beschäftigt, den Platz zu erkunden. Verspielt tapst er umher. Michael Konermann, Lehrer am Alfred-Müller-Armack-Berufskolleg, fährt jeden Dienstag von der Hauptstelle des Berufskollegs in Köln-Zollstock zum Adolf-Kolping-Werk in Köln-Mülheim. Der Grund sei, dass so die Chancen steigen, dass mehr Schüler kommen. Die meisten wohnen in Mülheim, scheuen den Weg und bleiben dem Unterricht fern. Die Förderschüler, die Konermann in seiner berufsvorbereitenden Klasse betreut, sind Außenseiter. Er möchte ihnen eine Chance geben. Es sei ihre letzte. Wenn sie hier nicht den Bogen bekämen, dann drohe ihnen ein Leben in Arbeitslosigkeit.

"So, hier sind wir. Das ist das Adolf-Kolping-Werk." Mit einer einladenden Geste zeigt Konermann auf das Schulhaus. "Ich muss Sie aber warnen, erwarten Sie nicht zu viel. Die meisten können nur sehr schwer lesen und schreiben. Die ganze Klasse ist nicht in der Lage zu dividieren, und auch das Addieren und Subtrahieren im zweistelligen Bereich bereitet einigen große Probleme. Die Klasse ist zwar größenmäßig überschaubar, aber dennoch zu groß. Jeder einzelne Schüler hier bräuchte eine intensive Einzelförderung, die ich ihnen leider nicht bieten kann." In dem kleinen, lichtdurchfluteten Klassenraum sind heute doch mehr Schüler als erwartet. Jeder grüßt Konermann und Wilsberg freundlich. Es ist eine bunte Mischung: Mädchen, Jungen, Deutsche, Türken; die einen fein angezogen, die anderen in Jogginghose.

Ayse (Namen der Schüler sind geändert) hat Geburtstag. Alle gratulieren ihr. Konermann schenkt ihr eine Packung Twix. Bevor er mit dem Unterricht beginnt, erkundigt er sich noch, ob es bei irgendjemandem Erfolge bei der Job- oder Praktikumssuche gegeben habe. Bis auf einen Schüler müssen alle verneinen. Konermann fordert Michael auf, von dem Bewerbungsgespräch zu berichten, zu dem er den Schüler begleitet hat. Michael hatte vergessen, sein Handy auszustellen, und es habe dann tatsächlich geklingelt. Das Unterrichtsgespräch spinnt sich um die Frage: Wie verhalte ich mich und verkaufe ich mich am besten?

Wilsberg, der entspannt auf dem Fußboden liegt, wird nur ab und zu aus seiner Ruhe gerissen. Dann muss er nämlich seinem Herrchen als Anschauungsobjekt für Körpersprache dienen. Dafür hält er Wilsberg ein Leckerli hin, und die Schüler können beobachten, wie Wilsberg freudig mit dem Schwanz wedelt. "Wilsberg sendet uns durch seine Körperhaltung Signale und kann so mit uns auch ohne Worte kommunizieren. Tatsächlich ist die nonverbale Kommunikation auch beim Menschen nicht zu unterschätzen. Unbewusst geben wir immer etwas von uns preis. Im Bewerbungsgespräch zum Beispiel zeigen wir unsere Nervosität, wenn wir die Hände nicht stillhalten und an unserer Kleidung spielen."

Später erklärt er, wie er auf die Idee mit dem Schulhund gekommen ist. Es gehe ihm darum, die Atmosphäre zu verbessern. Es sei doch eigentlich absurd, dass die Schüler sich darüber freuen, wenn der Lehrer krank sei. Mit einem Schulhund sei das anders. Die Schüler würden ihn ansprechen, sich mit ihm unterhalten und seien ehrlich betrübt, wenn das Duo abwesend ist. Ihm sei bewusst, dass das Konzept Schulhund in den Berufsschulen ein Novum ist. Tatsächlich war es nicht so einfach, alle zu überzeugen. Die einen hätten Angst vor Hunden, die anderen waren skeptisch, wie ein Hund in den Unterricht integriert werden sollte. Vor einem Jahr gab die Schulkonferenz ihr Placet.

Wilsberg stammt von einer Hundezüchterin aus Dänemark. Gutmütigkeit liege dem Labrador in den Genen. "Wilsberg und ich machen zurzeit die Ausbildung zum Therapiehund. Wenn ich das Konzept Schulhund weiter ausbauen will, muss auf ihn 100 Prozent Verlass sein." Zurzeit sei Wilsberg nur begrenzt im Einsatz. In dieser berufsvorbereiteten Klasse liegt das daran, dass eine Schülerin Angst vor Hunden hat und den Hund lieber angeleint wissen will. Zukünftig will Konermann, dass er Schüler alleine mit Wilsberg hinausschicken kann, damit sie sich beruhigen, zu sich finden und einfach die Begegnung mit dem Hund genießen können. "Der Hund behandelt sie vorurteilslos. Ihn kümmert es nicht, ob sie lesen oder rechnen können, ob sie Designerklamotten tragen oder nicht. Zudem sei es für einige aus diesen Problemklassen wichtig, dass sie die Scheu vor Körperkontakt verlieren. Einige hier wurden als Kinder misshandelt. Ein Schulterklopfen meinerseits hat die Schüler zusammenzucken lassen."

Auf die Frage, ob er Fan der ZDF-Serie ist, lacht Konermann und sagt, nicht unbedingt. Wilsberg heiße so, weil er durch den Dreh einer Wilsberg-Folge in seinem Haus das benötigte Geld für die Anschaffung des Hundes bekommen habe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ihr Einsatz, Wilsberg!
Autor
Hannah Busshoff
Schule
Ursulinengymnasium , Köln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2013, Nr. 49, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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