Waschen, schneiden, föhnen

Heike Purr vergräbt ihr Gesicht im dichten Fell von Titus. Der aufgedrehte Riesenschnauzer-Gordonsetter-Mischling sieht sich in dem kleinen Raum um und scheint seine Chancen zur Flucht von dem Tisch in der Mitte des Raumes aus abzuschätzen. "Für den hier ist das die pure Langeweile, er ist wie ein hyperaktives Kind", ruft Heike Purr lachend über das Surren der Schermaschine hinweg. Der temperamentvolle, mittelgroße Hund versucht sein Glück daraufhin mit einem ausdauernden Gebell, dem Heike Purr keine Beachtung schenkt, ihre Arbeit unbeeindruckt fortführend. Das rabenschwarze Fell fällt in großen Büscheln auf den Tisch.

Seit 15 Jahren arbeitet die Besitzerin von zwei Hunden als Groomer, als Hundefriseur. Sie begann mobil und hat inzwischen ein Studio in Altenberge, einem Vorort von Münster. In Deutschland ist die Ausbildung zum Groomer nicht anerkannt, in anderen Ländern wie den Niederlanden dauert diese etwa drei Jahre. In Deutschland werden jedoch Seminare zur Fortbildung angeboten. "Die Erfahrung ist entscheidend. Man muss außerdem offen sein und auf großen Hundeschauen versuchen, ins Gespräch mit Preisrichtern und anderen Professionellen zu kommen", erklärt die zierliche Frau. "Das Problem dabei, dass jeder in Deutschland diesen Beruf ausüben kann, ist, dass die Leute oft die erforderte Geduld unterschätzen. Es gibt für jede Rasse bestimmte Standards für den Schnitt des Haarkleids." Die 47-jährige Frau hat ihr braunes Haar hochgesteckt und trägt Jeans, Stiefeletten und einen schwarzen Kittel, auf dem eine Hundepfote abgebildet ist.

"Titus stattet mir alle drei Monate einen Besuch ab, aber das ist ebenfalls von der Rasse abhängig", erklärt Purr. Pudel müssen sogar alle sechs Wochen zum Friseur. "Pudel bedürfen aufgrund ihres hellen und dadurch empfindlichen Fells und der aufwendigen Schurvorgaben besonderer Pflege - waschen, föhnen, schneiden - da ist alles inbegriffen", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Vom Färben oder Tupieren des Felles hält sie wiederum nichts. "Mir ist es wichtig, dass es der Rasse entspricht und Haut und Haar guttut."

Zu 99 Prozent sei der Besuch beim Hundefriseur aus gesundheitlichen Gründen unerlässlich, er dient besonders der Gesunderhaltung der Haut, an welche bei Haushunden oft nicht genügend Luft gelangt. Besonders die Rassen, die für einen Aufenthalt im Freien gezüchtet wurden und langes Fell haben, das leicht verfilzt, leiden häufig unter Hauterkrankungen und sind auf die professionelle Pflege angewiesen. "Nicht selten schicken mir die Tierärzte aus der Umgebung Hunde mit Hautproblemen wie Parasiten oder Ekzemen und auch Hunden mit Herzleiden ist oft durch die Abnahme von Fell das Leben ein wenig erleichtert", sagt Heike Purr ernst.

Außerdem bereitet sie Jagdhunde für Jagdzulassungen vor, was im Münsterland gefragt ist. Bevor diese Hunde bei der Jagd zugelassen werden, bewerten die Prüfer unter anderem deren Haarkleid. Und sie bereitet Hunde für Schönheitsvorstellungen vor. Heike Purr stellt ihren eigenen Hund, einen Chesky Terrier, regelmäßig auf großen Ausstellungen vor. "Er ist sozusagen ein tiefgelegter Riesenschnauzer", sagt sie liebevoll. In Paris nahm sie an einer Welthundeausstellung mit insgesamt 24 000 Hunden teil. Ihr eigener Hund ist Weltjugendsieger.

"Es ist wichtig, genau zu wissen, was bei den Richtern gerade gefragt ist, man muss immer auf dem neuesten Stand sein. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob australische oder englische Richter das Ganze bewerten", erklärt sie. Auch Geld spielt keine geringe Rolle. "Es handelt sich um einen richtigen Markt. Erfolgreiche Hunde werden für 30 000 bis 40 000 Euro nach Amerika verkauft, zurzeit sind Chinesen und Japaner beim Hundekauf auf dem Vormarsch." Sie spricht auch die Schattenseiten dieses Marktes an. "Richter bevorzugen oft überzüchtete Hunde wie den Mops mit seiner kurzen Schnauze, die hinderlich für die Atmung ist, oder den Schäferhund mit der extrem tiefen Hüfte. Die Züchter bauen dieses auf Kosten der Tiere immer weiter aus, gerade weil sie sich einen hohen Verdienst an ihnen erhoffen", ruft sie und versucht das Gebell von Titus zu übertönen, der sich rasch beruhigen lässt.

"Natürlich gibt es gefährliche Situationen, ein gewisses Risiko ist schon vorhanden, besonders bei ängstlichen Hunden muss man vorsichtig sein. Man merkt sofort, wenn die Hunde sich anspannen." Einige Hunde werden vom Tierarzt sediert, bevor sie in ihre Obhut gegeben werden, einige kommen mit Maulkorb. Auch Hunde mit Tierschutzhintergrund sind oft misstrauisch und reagieren aggressiv. "Eines der besten Dinge an meinem Beruf ist das Gefühl, wenn Hunde, die anfangs zitternd vor mir saßen, plötzlich vor Freude an der Tür kratzen, wenn sie zu einem Termin kommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Waschen, schneiden, föhnen
Autor
Laura Keßler
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2013, Nr. 49, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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