Fräulein Cruz in Münster

Elisa! Der Bus fährt hier pünktlich um 7.07 Uhr und wird auch nicht auf dich warten. Können wir endlich gehen?" Die ersten drei Wochen waren für die Brasilianerin aus Belo Horizonte wirklich schwer. Die 17-Jährige kommt aus dem Bundesstaat Minas Gerais, wo sie mit zwei Geschwistern in einem großzügigen Anwesen mit Pool und eigenem Fußballplatz aufgewachsen ist. 3,2 Millionen Einwohner hat die Stadt. "In unserer Stadt gibt es im Gegensatz zu Deutschland keine Mittelschicht, man ist entweder reich oder arm", berichtet die älteste Tochter der wohlhabenden Familie Gallo Cruz.

Elisa kam im Sommer mit geringen Deutsch- und Englischkenntnissen von São Paulo via Frankfurt nach Münster. Sie lebt ein Jahr mit ihrer Gastfamilie auf einem denkmalgeschützten Pferdehof und besucht mit ihren gleichaltrigen Gastschwestern Carolin und Annkristin die Marienschule Münster, ein bischöfliches Mädchengymnasium im Herzen der Stadt. "In Brasilien besuche ich eine Schule mit lediglich 200 Mitschülern, da ist die Marienschule mit rund 800 Mädchen schon eine andere Welt."

Von Woche zu Woche wird Elisas Deutsch besser, wie Gastmutter Dagmar Schulze Everding bestätigt. Elisa integrierte sich sofort in das Familienleben. In Brasilien leben viele Großfamilien, die Jungen unterstützen die Alten und umgekehrt. "An Weihnachten kommt unsere ganze Familie zusammen. Alle sind dabei, meine Onkel und Tanten, die teilweise mehre Flugstunden von Belo Horizonte entfernt leben. Es wird gelacht und lecker gegrillt. Der Kirchgang darf natürlich auch nicht fehlen", sagt die Katholikin. "Ich fühle mich in Münster pudelwohl, es ist zur zweiten Heimat geworden".

Gern erzählt sie vom Alltagsleben in ihrer Heimat. "Die wohlhabenden Leute, also die soziale Oberschicht, leben zumeist in prachtvollen Villen. Sie können sich im Regelfall eigenes Personal leisten. Jeder Reiche verfügt über einen persönlichen Sicherheitsdienst, einen Chauffeur und eine Haushälterin." Elisa kennt es nicht, selbst etwas zu kochen. "Die Unterschicht, die Armen, die leben in einfachsten Unterkünften." Manche leiden unter Hunger. Das macht Elisa traurig. "Es darf nicht sein, dass Menschen leiden müssen, dass es ihnen an elementaren Sachen wie Lebensmitteln und Kleidung mangelt. Ich möchte, dass sich das in meinem Heimatland, in unserer Gesellschaft irgendwann ändert", erklärt sie entschlossen. "Die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse führen zu einer extrem hohen Kriminalität. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich gewundert, dass meine Mitschülerinnen ihr Handy offen in der Hand trugen, das wäre in meiner Heimat absolut nicht denkbar."

Das Vereinsleben in Südamerika sei wichtig, auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Elisas Lieblingshobby ist es jedoch, mit Freunden ins Kino zu gehen, was im Vergleich zu Deutschland jedoch wesentlich kostengünstiger sei. Auch sei sie eine fußballbegeisterte "Cruzeiro"-Anhängerin. Mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht vergleicht sie den deutschen mit dem brasilianischen Karneval. "Einfach süß und niedlich, wie hier der Karneval gefeiert wird, der in Brasilien natürlich weitaus größer und imposanter ist."

Warum hat sie sich ausgerechnet für ein Jahr in Deutschland entschieden? "Die Deutschen genießen in meinem Heimatland eine hohe Anerkennung, sie gelten als Meister der Disziplin und Ordnung. Sie sind intelligent, fachlich und ökonomisch gut ausgebildet, ihr Schulsystem ist nahezu perfekt. Das Sozialsystem hat sich hier wirklich optimal entwickelt. Ich wollte all dieses kennenlernen, es hat mich einfach neugierig gemacht." Die letzten Zweifel hat ihr dann Bruder Mattheus genommen, der ein Gastfamilienjahr in Lüneburg verbracht hat. "Er hat mit immer wieder gesagt, Elisa, dieses Land musst du dir einfach antun."

Informationen zum Beitrag

Titel
Fräulein Cruz in Münster
Autor
Carolin Schulze Everding
Schule
Mariengymnasium , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2013, Nr. 55, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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