Zsuzsanna hat ihre Liebe zu Deutschland entdeckt

Ein 19 Jahre altes Mädchen, groß mit blonden Locken, beobachtet die Probe des Norderstedter Sinfonieorchesters. Sie spielt Querflöte, doch heute ist sie nur Zuschauerin. Die Ungarin ist zu einem Besuch in Deutschland, um ihre Freunde zu treffen, die sie in ihrem Auslandsjahr kennengelernt hat. In dieser Zeit hat Zsuzsanna Nagy ihre Liebe zu Deutschland entdeckt. In ihrer Heimatstadt Budapest besuchte sie eine bilinguale Schule: Fächer wie Biologie, Physik und Geschichte werden auf Deutsch unterrichtet. In der neunten Klasse wurde eine zehntägige Reise nach Frankenthal bei Mannheim angeboten.

Zsuzsanna war neugierig auf ein fremdes Land, auf die andere Lebensweise und das andere Essen. Natürlich hatte sie auch ein bisschen Angst davor, so weit weg von Zuhause sein, war dann doch begeistert. "Meine Familie war total nett, die Deutschen allgemein fand ich sehr freundlich und aufgeschlossen. Ich war wirklich traurig, als ich wieder zurück nach Ungarn musste."

Daheim hörte sie von der Organisation Youth For Understanding, die Auslandsprogramme von elf Monaten anbot. Zunächst schauen sich Gastfamilien Unterlagen verschiedener Schüler an und entscheiden, wen sie ein Jahr beherbergen wollen. Zsuzsanna wurde von einer Familie in Norderstedt in der Nähe von Hamburg ausgewählt. "Ich musste quasi nur noch packen und losfahren. Außerdem gab es vorher Vorbereitungswochenenden mit anderen, die auch ein solches Jahr machen wollten. Das war hilfreich." In Norderstedt angekommen hatte sie keine Probleme. Innerhalb kürzester Zeit konnte sie gut Deutsch sprechen. Natürlich machte sie anfangs sprachliche Schnitzer. "Ich habe zum Beispiel sehr oft sich ,ausdrücken' mit ,ausdrucken' verwechselt. Alle anderen fanden das immer wahnsinnig witzig. Ein anderes Mal wollte ich bei einem Schulfreund von mir übernachten. Meine Gastmutter fragte mich, wo er in der Zeit schlafen würde. In den Satz baute ich dann leider noch ein ,sich' mit ein und antwortete, ,er zieht sich aus, wenn ich da bin'." Aber nachdem sie es verstanden hat, nahm sie es mit Humor.

Zwischen Ungarn und Deutschland findet sie viele Unterschiede. Angefangen vom Schulsystem bis hin zur Mülltrennung, denn in Ungarn braucht man Müll nur zu trennen, wenn man es selbst will, und muss dann noch zu den Containern fahren. Vor allem findet Zsuzsanna die Gesellschaft in Deutschland liberaler, was Erziehung, Freiheit und Kinder angeht. Ihre ungarische Familie beschreibt sie als konservativ. In Deutschland hat sie zum Beispiel auch homosexuelle Freunde gefunden, was bei ihr zu Hause unwahrscheinlich wäre: Dort lasse die Gesellschaft ein Outing noch nicht zu. Vor allem das Essverhalten findet sie hier anders. "Ich war total erstaunt, wie gesund in Deutschland gegessen wird. Wir hatten hier jeden Tag einen Salat auf dem Tisch stehen. Das was ich am meisten vermisst habe, waren ungarische Süßigkeiten - und den Sonnenschein natürlich", erklärt sie lächelnd. Inzwischen ist Zsuzsanna wieder in Ungarn. Der Abschied fiel ihr schwer. Sie hat hier viele Freunde gefunden und viel gelernt. "Ich bin erwachsen geworden. Ich habe gelernt, mit Freiheit und mit Geld umzugehen, und auch, selbständig zu sein. Ich kann nahezu perfekt Deutsch sprechen."

Zweimal war sie schon zu Besuch in Norderstedt. Ihre Freunde in Deutschland haben sie die ganze Zeit unterstützt, als sie Schwierigkeiten und Probleme mit der Sprache, aber vor allem mit dem Verständnis der Lehrer hatte, und blieben auch mit ihr in Verbindung, als sie wieder nach Hause musste. Aber nicht nur die Freundschaften haben für sie eine Verbindung geschaffen. "Ich war ein Jahr hier und habe gesehen, wie die Deutschen sind. Ich habe mich unter ihnen immer wohl gefühlt. In die Sprache habe ich mich auch verliebt, deswegen zieht mich das Land immer wieder an. In Deutschland gibt es viele Möglichkeiten zu studieren, sogar einige Fächer, die es in Ungarn gar nicht gibt. Mein Abitur wird auch anerkannt. Also werde ich wahrscheinlich hier studieren, um Lehrerin zu werden. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass ich hier mehr Zeit verbringen möchte."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Zsuzsanna hat ihre Liebe zu Deutschland entdeckt
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2013, Nr. 55, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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